"Abtreibungen anzubieten, ist wie mit Kokain zu dealen"

Catrin Schulte-Hillen ist Expertin für Frauengesundheit bei Ärzte ohne Grenzen und beschäftigt sich auch mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch. Wir sprachen mit ihr über die Folgen von Donald Trumps Politik für die Frauengesundheit weltweit, und warum das Geschäft mit Abtreibungen davon profitiert.

Jeden Tag sterben über 800 Frauen weltweit an vermeidbaren Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt, 99 Prozent von ihnen in ärmeren Ländern. Neben Blutungen, Blutvergiftungen, Geburtskomplikationen und Bluthochdruck gehören unsachgemäße Schwangerschaftsabbrüche zu den fünf Hauptgründen für Todesfälle unter Müttern. Sie führen oft zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen und können sogar tödlich enden.

Frauen greifen trotz der beträchtlichen Risiken auf unsichere Methoden zurück, wenn es keine sicheren und legalen Möglichkeiten gibt, berichtet Catrin Schulte-Hillen, Expertin für Frauengesundheit bei Ärzte ohne Grenzen.

Catrin Schulte-Hillen, Expertin für Frauengesundheit bei Ärzte ohne Grenzen

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden pro Jahr rund 22 Millionen unsachgemäße Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Das bedeutet, dass sie von Personen durchgeführt werden, die nicht über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, oder in einem Umfeld, das nicht den medizinischen Mindeststandards entspricht. Es wird geschätzt, dass jährlich 47.000 Frauen und Mädchen bei diesen Abbrüchen sterben, und weitere fünf Millionen unter den Konsequenzen leiden. Das tatsächliche Ausmaß ist unbekannt – denn viele Frauen und Mädchen haben keinerlei Möglichkeit, danach medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, und niemand weiß, wie viele wirklich daran sterben.

Die US-Regierung setzt ihre Anti-Abtreibungspolitik dennoch fort und hat weiteren Organisationen die Zuschüsse für deren Gesundheitshilfe in Entwicklungsländern gestrichen. wienerin.at sprach mit Catrin Schulte-Hillen von Ärzte ohne Grenzen darüber, wie der neue US-Präsident Donald Trump die Situation noch weiter verschlimmert und was das für das Geschäft mit illegalen Abtreibungen für Frauen weltweit bedeutet.

Die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen im Bereich von Schwangerschaftsabbrüchen sind erst kürzlich im Zuge der wiedereingeführten Global Gag Rule nach der Präsidentschaftsübernahme von Donald Trump intensiv diskutiert wurden. Wie genau funktioniert die Global Gag Rule?

Catrin Schulte-Hillen: US-Gelder sollen nicht für Arbeit, die sich auf Schwangerschaftsabbrüche bezieht, eingesetzt werden. Das ist anfangs in einer relativ leichten Form gemacht worden und bezog sich darauf, dass diese Gelder sehr konkret nicht für Schwangerschaftsabbrüche verwendet werden können. Dann ist es immer Ping-Pong gegangen: wenn die Republikaner da waren, wurde die Gag Rule wieder aktiv, waren die Demokraten da, wurde die Gag Rule wieder lockerer. Es ging aber bisher immer um die direkte Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen.

Was hat US-Präsident Donald Trump hier geändert?

Die Organisationen konnten alles rundherum weiter machen, und eben „nur“ den Schwangerschaftsabbruch nicht durchführen. So wie Donald Trump das jetzt aber eingeführt hat, ist das eine ganz neue Dimension. Sie sprechen nicht von der Aktivität selber, sondern streichen Organisationen, die irgendwas mit Schwangerschaftsunterbrechungen zu tun haben, das Geld. Viele Organisationen machen HIV-Prävention, Familienplanung, Geburten – also alle möglichen gesundheitsfördernden Aktionen und Kampagnen. Im Moment sieht es so aus, dass die Gag Rule unter Trump eine gigantische Auswirkung haben könnte. Es würde sich um Billionen Dollar handeln. Ein Land wie Mosambik, das viele US-Gelder erhält, und das vor kurzer Zeit Schwangerschaftsunterbrechungen dekriminalisiert hat, wäre von dieser Entscheidung direkt betroffen. Ob das so weit durchgezogen wird, weiß ich nicht.

Die Konditionen sind mit Sicherheit strikter als früher. Im Moment sind die Perspektiven unklar, aber es könnte ziemlich dramatisch werden. Und das trifft nicht nur die Frauengesundheit, sondern alle anderen Aktivitäten der Organisationen, wie etwa Ernährungsprojekte. Gerade in Konfliktsituationen oder im Bereich Humanitarian Aid ist es meistens so, dass die Organisationen ziemlich breitgefächerte Aktivitäten haben. Wir als Ärzte ohne Grenzen sind selbst nicht direkt betroffen, weil wir seit vielen Jahren keine Gelder der US-Regierung nehmen.

Im Moment sind die Perspektiven unklar, aber es könnte ziemlich dramatisch werden.
Catrin Schulte-Hillen, Ärzte ohne Grenzen

Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat das auf Frauen weltweit?

Nicht nur auf Frauen – so wie das jetzt formuliert ist, würde es auch Kinder und Männer treffen. Alles, was im humanitären Bereich direkt zu Sterblichkeit führt: HIV, Ernährungshilfe, Familienplanung. Aber natürlich trifft es Frauen besonders hart. Wenn eine Frau keine legale Möglichkeit hat, ihre Schwangerschaft abzubrechen, wird sie andere Wege finden. Und wir wissen, dass das eine der größten Faktoren für Frauensterblichkeit ist. Es geht aber nicht nur um das Sterben oder Nicht-Sterben – es geht darum, in welchen Konditionen Entscheidungen über den eigenen Körper getroffen werden können. Es geht um Würde.

Sie haben in Ihrer Arbeit im Feld selbst viel mit Schwangerschaftsabbrüchen zu tun gehabt. Wie sieht die Situation aus, wenn Frauen versuchen, mit anderen Mitteln abzutreiben?

Ich bin seit vielen Jahren eher punktuell im Feld. Derzeit bin ich viel im Kongo. Natürlich habe ich mit vielen Frauen gesprochen, die bereits versucht haben, ihre Schwangerschaft zu unterbrechen. Wir sehen täglich Frauen, die deswegen zu uns kommen. Im Jahr 2015 haben wir in allen Ärzte ohne Grenzen-Projekten zusammen 13.000 Fälle von Frauen gehabt, die mit Komplikationen nach einer Schwangerschaftsunterbrechung oder Fehlgeburt zu uns kamen. Bis zu 80 Prozent der Frauen, die mit Komplikationen zu einer Gesundheitsstruktur kommen, haben versucht, eine Schwangerschaft zu unterbrechen.

Entweder sie kommen, weil sie irgendwelche Tees oder Infusionen getrunken haben, Medikamente genommen haben, es mit Stöckchen oder Eisenstäbchen versucht haben, mit Batteriesäure etc. Eine Frau im Kongo hat es mit einer Vaginalspülung mit einer zertrümmerten Colaflasche versucht, weil ihr das jemand gesagt hatte. Die Verletzungen waren grauenhaft. Die Tabuisierung des Schwangerschaftsabbruchs macht die Situation natürlich noch schwieriger.

Wenn eine Frau keine legale Möglichkeit hat, ihre Schwangerschaft abzubrechen, wird sie andere Wege finden. Und wir wissen, dass das eine der größten Faktoren für Frauensterblichkeit ist.
Catrin Schulte-Hillen, Ärzte ohne Grenzen

Warum veranlassen rechtskonservative Politiker immer wieder diese Unterdrückung und Gefährdung von Frauen?

Ich kann mich über die Politik nicht äußern. Ich würde es im Allgemeinen sagen: In den meisten Ländern ist das Thema der Schwangerschaftsunterbrechung ein extrem delikates Thema, weil es politisiert wird. Es ist nicht so, dass Politiker unbedingt selbst dahinterstehen, aber sie benutzen das Thema in der einen oder anderen Weise, ohne darauf zu achten, was es für Frauen zu bedeuten hat. Weil es eben politisches Gewicht hat, da die sozialen Normen in unserer Gesellschaft immer noch ein Problem mit der Thematik der Schwangerschaftsunterbrechung haben.

Im Großen und Ganzen hat das natürlich damit zu tun, wie Frauen in unserer Gesellschaft gesehen werden, auch unter dem Einfluss der Kirche etc. Aber es geht hier nicht darum, wer Recht hat – ob Abtreibungen legalisiert oder kriminalisiert werden, hat keinen Einfluss auf die Menge der Unterbrechungen. Ob es legal ist oder nicht: Frauen machen es. Das Einzige, das sich ändert, sind die Zustände, unter denen es passiert. Wenn etwas illegal ist, bleibt die Anfrage gleich, aber es entstehen Monopole im Untergrund. Wer das Angebot macht, kann den Preis diktieren und ist auch für keine Qualität verantwortlich.

Wenn etwas illegal ist, bleibt die Anfrage gleich, aber es entstehen Monopole im Untergrund.
Catrin Schulte-Hillen, Ärzte ohne Grenzen

Das heißt, es gibt ein Geschäft mit illegalen Abtreibungen?

Der Miami Herald hat dazu eine tolle Geschichte gemacht und sich in den Privatkliniken in Haiti umgesehen. Eine dieser Kliniken, die Abtreibungen durchführt, sagte: „Schwangerschaftsunterbrechungen anzubieten, ist wie mit Kokain zu dealen. Wenn man einmal damit anfängt, ist das Geld so gut, dass man nicht mehr aufhören kann.“ Und es ist auch so. Im Kongo, wo das Einkommen eines Arztes 200 Dollar beträgt, kostet ein Schwangerschaftsabbruch im ländlichen Bereich 80 Dollar. Wenn es jemand aus dem Gesundheitsbereich macht, zum Beispiel ein Krankenpfleger in einem kleinen Dorf, sind wir schon bei 200 Dollar. In einer kleinen Klinik kostet es 600 Dollar, und das Ganze geht bis zu 1000 Dollar. Dass dieses Geschäftsmonopol erhalten bleibt, ist natürlich auch ein Faktor, der dazu beiträgt, dass Abtreibungen illegal bleiben. Hinzu kommen die gesellschaftlichen Normen, die den Schwangerschaftsabbruch als etwas Schlechtes ansehen.

Wer im Flüchtlingscamp im Libanon lebt und schon vier Kinder hat, will kein fünftes. Es wird schnell vergessen, dass keine Frau diese Entscheidung leichtfertig trifft. Ich habe so eine Frau in meiner langjährigen Arbeit nie kennengelernt. Eigentlich ist jedes Mal eine traurige Geschichte und ein Leiden dahinter. Was passiert im Leben einer Frau, dass sie sich diesem Trauma hingibt? Eine Frau macht das nicht, weil sie keine Lust hat, die Pille zu nehmen. Da stecken viele andere Gründe dahinter.

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