Abtreibung in Ungarn: Warum ungewollt Schwangere sich den Herzschlag ihres Fötus anhören müssen

Wenn Frauen in Ungarn ungewollt schwanger sind, müssen sie sich seit zwei Wochen den Herzschlag des Embryos anhören bevor sie abtreiben. Alles, was du dazu wissen musst.

Demo-Schild auf dem steht "Don't mess with my uterus"

Was passiert, wenn Männer Frauenkörper regulieren? Wenn Männer Entscheidungen über Frauenkörper treffen, sieht das ca. so aus: Im Iran müssen Frauen dann ihre Haare komplett unter einem Kopftuch oder Hijab verstecken, sonst droht ihnen eine Festnahme durch die sogenannte Sittenpolizei. Oder schlimmer: Ihnen wird das Leben genommen, wie im Fall der 22-Jährigen Mahsa Amini. Gleichzeitig wird es heutzutage Frauen in Indien verboten eine religiöse Kopfbedeckung zu tragen. Denn eine offizielle Richtlinie besagt, dass "Kleidung, die Gleichheit, Integrität und öffentliche Ordnung stört, nicht getragen werden soll." Kontrovers? Es geht noch weiter:

Wenn Menschen ohne Uterus für Menschen mit Uterus Gesetze festlegen, passiert folgendes: Dann wird zum Beispiel Frauen in den USA das Recht auf Abtreibung genommen und auch in Ungarn werden die Regelungen zu Schwangerschaftsabbrüchen verschärft. Seit mittlerweile zwei Wochen müssen sich ungarische Frauen nämlich vor einer Abtreibung den Herzschlag des Fötus anhören. So sollen sie ihre Entscheidung des Schwangerschaftsabbruchs noch einmal überdenken. Moralisch verwerflich! Doch das Schlimmste daran? Dieses Gesetz lässt sich medizinisch gar nicht belegen. Denn der Herzschlag ist zu Beginn der Schwangerschaft noch gar nicht zu hören. Wir erklären:

Eingriff

"Fast zwei Drittel der Ungarn verbinden den Beginn eines kindlichen Lebens mit dem ersten Herzschlag", so begründet das ungarische Innenministerium das neue Gesetz. Frauen sollen die "fetalen Herztöne" anhören, bevor sie abtreiben, damit ihre "traditionellen Familienwerte" angeregt und angesprochen werden.

Auch in den südlichen US-Bundesstaaten gibt es ähnliche Gesetze: In Texas und Kentucky wird ebenso von Frauen verlangt, sich die "Herzschläge" vor einem Schwangerschaftsabbruch anzuhören. Erst nach dieser "Einwilligung auf Aufklärung" ist ihnen die Beendigung einer ungewollten Schwangerschaft erlaubt. Medizinisch macht das allerdings keinen Sinn. Ärzt*innen erklären, warum der Begriff des "fetalen Herzschlags" ungenau ist.

Komplikationen

Seit 1992 sind Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche in Ungarn erlaubt. Nämlich aus sozialen oder medizinischen Gründen. Doch der Ablauf für Betroffene ist schwierig: Die Frauen müssen zu Familienberatungen gehen, bei denen ihnen zum Beispiel eine Adoption als Möglichkeit vorschlagen wird - wobei die ungewollte Schwangerschaft so neun Monate lang ertragen werden müsste. Außerdem brauchen ungarische Frauen für einen legalen Abbruch Bestätigungen der Schwangerschaft von Gynäkolog*innen, was einen bürokratischen Mehraufwand bedeutet. Die Idee des Anhörens der Herztöne verlängert den Prozess bis zur Abtreibung, ist eine zusätzliche und vor allem unnötige medizinische Belastung für Betroffene.

Denn Mediziner*innen argumentieren, dass der Begriff des "fetalen Herzschlags" irreführend ist, wenn es um die ersten Schwangerschaftswochen geht. Denn das Geräusch, das man bei einem Frühultraschall hört, soll vom Ultraschallgerät erzeugt werden. Und nicht vom Fötus. Dr. Sara Imershein, eine Gynäkologin aus Virginia erklärt gegenüber dem Guardian: "Nur, weil das Gewebe zu pochen beginnt, ist es nicht das Herz. Es ist ein Prozess: Das Herz poppt nicht einfach von einem Tag auf den anderen auf."

Folgen

Fakt ist, durch dieses Gesetz werden Abtreibungen auch in Ungarn nicht aufhören. Durch die Regelegung werden für Betroffene nur die Möglichkeiten erschwert legal abzutreiben. Noá Nógradí von Patent, einer ungarischen Frauenrechtsorganisation, erklärt: "In Ungarn ist Abtreibung in der Gesellschaft weithin akzeptiert. Statistisch gesehen möchten zwei Drittel der Ungarn keine weiteren Abtreibungsbeschränkungen. Also kann die Regierung das Verfahren nicht über Nacht verbieten." Sie fügt aber hinzu, dass die Politik aber eine Reihe kleiner Schritte in Richtung Einschränkung gehen kann. Gleichzeitig sollen auch finanzielle Anreize geschaffen worden sein, die das "Mutter-Sein" attraktiver machen. Betroffene wurden dazu allerdings nicht gefragt.

 

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