Ab wann werden Schulden zum Problem?

Über Geld spricht man nicht? Doch! Aber über Schulden nicht, oder? Oh ja, gerade über die muss man reden – auch, weil das finanzielle Tabuthema so viele betrifft. Die WIENERIN fragt nach.

Ab wann werden Schulden zum Problem?

WIENERIN: Liebe Gudrun Steinmann, ich überziehe manchmal mein Konto, habe einen Kredit laufen, und meinen neuen Laptop zahle ich in Raten ab. Geht es nur mir so?

Gudrun Steinmann: Schulden sind kein Einzelschicksal. Das Thema betrifft viele, vom Profi­fußballer bis zur Schauspielerin, Menschen mit eigener Firma, Arbeitslose. In Wien haben wir in der Schuldnerberatung im Monat 500 bis 700 Neuanmeldungen. Verschuldet ist man, sobald man ein Kontominus, einen Kredit oder Ratenzahlungen hat. Das allein ist noch kein Problem, in Österreich würde ohne Verschuldung vieles nicht funktionieren: Kaum jemand könnte sich etwa ein Haus oder eine eigene Wohnung leisten.

Ab wann wird es problematisch?

Sobald man seine Rechnungen nicht mehr pünktlich bezahlen kann. Dann wird aus der Verschuldung eine Überschuldung. Das passiert oft schleichend. Warnzeichen sind, wenn man Zahlungen aufschiebt, Schwierigkeiten hat, Miete, Strom und Heizung zu zahlen, oder das Konto ständig im Minus ist. Vielen ist nicht klar, wie teuer das ist: Banken verrechnen bei einer Kontoüber­ziehung bis zu 14 Prozent Zinsen – das sind 14 Euro pro Jahr für jeden Hunderter, den man im Minus ist!

Sind Schulden also teuer?

Ab dem Zeitpunkt, ab dem das Konto immer überzogen ist und Rechnungen nicht mehr beglichen werden können, auf jeden Fall. Wenn Mahnungen, Briefe vom Inkassobüro oder vom Rechtsanwalt kommen, läuft eine Kostenspirale an, durch die sich die Schulden alle vier Jahre verdoppeln, wenn man nichts unternimmt.

Was sind die häufigsten Schuldenfallen?

Die häufigste ist, über längere Zeit mehr auszugeben, als man verdient, dazu tendieren viele von uns. Die Lock­angebote zum Kauf auf Raten helfen da nicht. Die Angebote sind oft günstig, nur eine Ratenzahlung ist kein Drama. Aber wenn Leute vier, fünf oder mehr Verträge abschließen, wird es zu viel. Dazu kommt die Versuchung, online zu bestellen: Junge Menschen haben kaum mehr mit Bargeld zu tun. Laufende Verbindlichkeiten wie für Handy und Internet sind auch ein Thema. Alles, was ich regelmäßig zahlen muss, kann, wenn es knapp wird, zum Problem werden.

Ist das aber genug Grund für eine Überschuldung?

Wenn man dann den Job verliert, längere Zeit im Krankenstand oder in Kurzarbeit ist, kippt das System. Mit weniger Geld gehen sich die laufenden Zahlungen nicht mehr aus. Viele kommen mit Ende 30, Anfang 40 zu uns, weil es sich zu dem Zeitpunkt maximal angestaut hat: Der erste Kredit mit 20 fürs Auto, dann die Familiengründung, eine Scheidung, Alimente müssen bezahlt werden. Ein Teil war selbstständig, hatte eine eigene Firma, die nicht gut lief. Viele Frauen kommen mit einer Bürgschaft am Hals, die sie für ihren damaligen Partner unterschrieben haben. Die Bank will das Geld trotz Trennung – davor warnen wir. Auch Kredite für den Hausbau sollte man lieber getrennt aufnehmen – sollte etwas sein, hat jeder seinen Anteil.

Was sind gefährliche Schulden?
Dazu gehören erstens Rückstände bei der aktuellen Wohnung – wenn Miete, Strom- oder Heizkosten offen sind. Bezahle ich das nicht, kann ich die Wohnung verlieren oder es wird der Strom abgedreht. Zweitens können Strafen gefährlich werden, weil man sie absitzen muss, wenn man sie nicht bezahlt. Drittens sind Unterhalts- oder Alimentationsrückstände gefährlich, weil sie bis zu 25 Prozent unter dem Existenzminimum gepfändet werden können. All das ist existenzbedrohend.

Viele zögern aus Scham, Hilfe zu suchen, aber wir finden Lösungen.

von Gudrun Steinmann, Finanzexpertin

Nicht drüber reden macht’s schlimmer …

Es ist eine belastende, mit Scham und Angst verbundene Situation, doch es ist wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Machen Sie einen Finanzcheck, um zu schauen, wo das Geld hingeht. Kontrollieren Sie Kassenbons und Kontoauszüge und öffnen Sie Ihre Post, falls Mahnungen kommen. Dann überlegen Sie: Schaffe ich das alleine? Wenn nicht, rufen Sie uns an. Wir helfen in einer Budgetberatung oder – sollte es in Richtung Schuldenregulierung gehen – in der Schuldenberatung. Viele haben Angst, dass wir mit ihnen schimpfen; das machen wir aber nicht. Wir sind sachlich und sehr lösungsorientiert.

Wie läuft eine Schuldenberatung ab?

In einer Erstabklärung erfassen wir die Situation, klären, ob es gefähr­liche Schulden oder Klagen gibt. Dann zeigen wir Lösungsmöglich­keiten auf; sei es außergerichtlich mit einer Stundung, einer Abschlags­zahlung oder einem Ausgleich, sei es, wenn es viele Gläubiger und hohe Schulden gibt, vor Gericht, um einen Insolvenzantrag für einen Privatkonkurs zu stellen. Dort wird besprochen, wie viel und wie lange der Mensch zurückzahlt. Hält man sich an die vereinbarten Regeln, ist das Verfahren nach drei bis sieben Jahren vorbei. Die Leute schaffen das. Viele melden sich nach Jahren und bedanken sich.

ORIENTIERUNG:

Die staatlich anerkannte Schuldenberatung gibt es in ganz Österreich kostenlos, vertraulich und unab­hängig. Der Dachverband ASB Schuldnerberatungen bietet eine Übersicht über alle Beratungsstellen. Die Schuldnerberatung Wien ist eine Tochter des Fonds Soziales Wien (FSW). Weitere Services sind die Budgetberatung (budgetberatung.at), Finanzbildungskurse an Schulen sowie das Betreute Konto für Menschen, die Zahlungs­prioritäten schwer erkennen und einhalten können. Infos: schuldenberatung.at und schuldnerberatung-wien.at.

 

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