8 Mythen zur Hochbegabung

Kleine Mozarts kommen auch heute auf die Welt. Aber viele Eltern und Lehrer schreckt es, wenn es heißt: Das Kind ist hochbegabt. Zeit, mit falschen Annahmen aufzuräumen.

1. Hochbegabte Wunderkinder sind selten

Denkt man an Wolfgang Amadeus Mozart oder Alma Deutscher, die elfjährige Engländerin, die schon mit zwei Jahren Noten lesen konnte und mit sechs ihre erste Oper komponiert hat, scheinen hochbegabte Kinder die Ausnahme zu sein. Aber nicht von allen hochbegabten Kindern liest man in der Zeitung. „Tatsächlich kommen in Österreich pro Jahrgang rund 15 bis 20 Prozent besonders begabte Kinder auf die Welt“, bestätigt Claudia Resch vom Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung.

2. Ein hochbegabtes Kind zu haben ist extrem anstrengend

„Wir haben auch immer wieder das Gefühl – bei Eltern und Lehrern – dass das als Last wahrgenommen wird“, sagt Claudia Resch. „Vielleicht, weil alles, was nicht der sogenannten Norm entspricht, nach Anstrengung klingt. Dabei sind solche Kinder ein Segen. Ich kenne viele Eltern, deren Kinder Schwierigkeiten in der Schule haben, das ist auf jeden Fall mühsamer.“ Auch Begabungsexpertin Katja Higatzberger schließt sich dem an: „Mit hochbegabten Kindern etwas zu tun ist toll, weil sie schnell verstehen, lernbegeistert sind und häufig eine starke Ausdauer haben. Ich merke das auch, wenn sie bei einem Test rote Backerln kriegen, weil ihnen das so gefällt, während die weniger Begabten eher jammern, dass sie das nicht machen mögen und fragen, wie lange es noch dauert.“

3. Hochbegabung lässt sich eindeutig feststellen

Den Begriff „Hochbegabung“ erklären zu wollen ist nicht ganz so einfach. Von Experten hört man nämlich schnell: „Sie werden von mir keine eindeutige Definition bekommen.“ Und irgendwie gibt’s die auch nicht so richtig. In der Psychologie beschreibt man als hochbegabt jene Kinder, die einen Intelligenzquotienten von 130 oder mehr haben. Dabei werden aber Persönlichkeitsfaktoren nicht berücksichtigt; Katja Higatzberger spricht deshalb lieber von einem „Potenzial zur Hochleistung“: „Man kann das alles nicht so streng festmachen, denn es gibt auch Kinder, die ,nur‘ einen IQ von 120 haben, aber deren Persönlichkeitseigenschaften wunderbar zusammenspielen, sodass sie oft mehr Leistung zeigen können als Kinder mit einem IQ von 140, die das vielleicht nicht umsetzen können.“

4. Hochbegabte Kinder erkennt man eh von selbst

Auch wenn es Kinder gibt, die sehr früh sehr klar signalisieren, wo ihre Begabungen liegen, und Reize einfordern, so leicht zu erkennen ist Hochbegabung leider nicht immer. „In einer bildungsnahen Familie zum Beispiel fallen diese Kinder oft weniger auf als in anderen Familien. Auch wenn Kinder sehr schüchtern oder sozial besonders angepasst sind, kann es schwierig sein, ihre besonderen Begabungen zu erkennen“, sagt Higatzberger.
Was hilft: aufmerksam sein, aufmerksam sein und noch einmal aufmerksam sein – und beobachten, wofür sich ein Kind begeistert, womit es sich gerne beschäftigt. „Bieten Sie Ihrem Kind viele unterschiedliche Dinge an“, sagt Claudia Resch, „von sportlichen Aktivitäten über den Museumsbesuch, gehen Sie mit ihm in ein Konzert und achten Sie darauf, auf welche Dinge es sich stürzt, wenn Sie von einem Urlaub oder dem Besuch bei den Großeltern zurückkommen. Dann liegt dort wahrscheinlich eine besondere Begeisterung und vielleicht eine besondere Begabung.“

5. Wenn mein Kind hochbegabt ist, muss ich es in 100 verschiedene Kurse schicken

Was jedenfalls alle hochbegabten Kinder brauchen, sind Reize und Aufgaben, die sie fordern. Denn Unterforderung stresst sie und kann dazu führen, dass Schulfrust sich breitmacht. „Wenn dann der Sohn meiner Bekannten im 100er- und 1.000er-Raum rechnen kann und in seiner Klasse zählen sie gerade bis zehn, dann steht er in der Warteschleife und trainiert sich, wenn er nicht anders gefördert wird, Langsamkeit an und hat keine Lust mehr auf Schule“, sagt Higatzberger.
Ideal ist es, wenn Lehrkräfte sich in der Lage fühlen, hochbegabte Kinder innerhalb der Klasse besonders zu fördern und ihnen z. B. Extraaufgaben geben. „Wenn das nicht gut möglich ist, dann gibt es einige außerschulische Angebote, oder man kann überlegen, ob ein Teilspringen infrage kommt“, erklärt Claudia Resch. Heißt: Ein Kind, das z. B. in die dritte Klasse Volksschule geht und in Mathematik besonders begabt ist, besucht dann in Mathematik den Unterricht der vierten Klasse. „Das ist zwar keine offizielle Methode, und die steht auch so nicht im Schul­unterrichtsgesetz, aber in der Praxis ist das möglich“, sagt Resch. Wichtig ist, dass das gut begleitet wird und man immer beobachtet, wie es dem Kind mit dem Wechsel zwischen den Klassen geht.

6. Hochbegabte sind schräge Einzelgänger und sozial unverträglich

Dazu kommt von allen Experten ein klares Nein. Hochbegabte Kinder sind, auch wenn sie oft als verrückte kleine Einsteins gelten, sozial absolut kompetent und finden sich auch in einem Klassenverband grundsätzlich gut zurecht. Umso besser geht es ihnen, wenn sie Kontakt zu anderen Hochbegabten haben. „Ein bisschen kommt es auch darauf an, wie man mit ihrer Begabung umgeht“, sagt Claudia Resch. „Wenn das Kind von der Lehrperson immer hört: ,Du bist eh so begabt, ich muss mich um die anderen mehr kümmern!‘, dann wird es das zwar auch akzeptieren, aber es wird eine gewisse Aufmerksamkeit auch zu Recht einfordern.“

7. Lehrkräfte fürchten sich vor hochbegabten SchülerInnen

Wenn Lehrkräfte Klassen mit großen Schülerzahlen haben, kann es für sie schwierig sein, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu kriegen. Für Eltern ist es da wichtig, eine gute Gesprächsbasis zu finden, rät die Begabungsexpertin: „Alle Kinder haben grundsätzlich ein Recht auf Förderung, aber manchmal fordern Eltern auch zu viel. Wenn sich ein Lehrer nicht in der Lage fühlt, auf ein hochbegabtes Kind entsprechend einzugehen, müssen andere Lösungen gefunden werden, die zum Beispiel in Beratungen erarbeitet werden können.“ Das Um und Auf ist, den Kindern wertschätzend zu begegnen, und es ist für sie auch total in Ordnung, wenn ein Lehrer nicht alle ihre Fragen beantworten kann.

8. Mit unterschiedlich begabten Geschwistern gibt es nur Schwierigkeiten

Ist zum Beispiel das ältere Kind das begabtere, gibt es seltener Probleme, sagt Katja Higatzberger, denn dann könne man gut erklären: „Schau, deine Schwester ist älter, logischerweise kann die schon mehr!“ Wenn aber das jüngere Kind schon auf dem Level des älteren ist, kann die Situation schwieriger sein. „Dann ist es wichtig, auch alle Stärken dieses Kindes wertzuschätzen und Leistung grundsätzlich auch nicht überzubewerten. Alle Kinder sind wertvoll und wollen in ihrer Persönlichkeit wahrgenommen werden!“

Infos zu Hochbegabung und Kontakte zu Ansprechpersonen gibt´s unter oezbf.net, Infos zu Kursen oder Elterntreffen von Katja Higatzberger gibt´s unter begabungsexpertin.at.

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