7 Erkenntnisse in Fernbeziehungen, über die niemand spricht

Wenn aus einer Beziehung, in der man seit Jahren gemeinsam wohnt, plötzlich eine Fernbeziehung wird, hat das seine Tücken. Aber es bringt auch viele neue Erkenntnisse mit sich.

Fernbeziehung Erkenntnisse

Für Paare, die zusammenleben, waren die letzten 1,5 Jahre besonders intensiv. Niemand hat jemals so viel Zeit miteinander verbracht wie in Zeiten von Social Distancing, Homeoffice und Lockdowns. Plötzlich war man nicht mehr nur der*die Partner*in, sondern man hat auch jede Mahlzeit gemeinsam eingenommen, jede Serie gemeinsam geschaut, war der*die Homeoffice-Partner*in des anderen, der einzige soziale Kontakt.

Bereits nach dem ersten Lockdown war schnell klar, ob das ganz furchtbar oder ganz großartig enden würde. Hasste man die Zeit miteinander und beneidete alle Single-Freund*innen um die Stille in deren Wohnung oder war man in einer ganz eigenen kleinen wunderschönen Blase gefangen, nur wir zwei? Brauchen wir den Rest der Welt überhaupt noch?

Mein Freund und ich waren die zweite Kategorie. Und dann tat sich eine berufliche Möglichkeit auf, weswegen wir von Social Distancing-Paar-Bubble in fast drei Monate Fernbeziehung wechselten. Während wir an den unterschiedlichsten Enden Österreichs saßen habe ich viel über mich und uns gelernt:

Schreiben löst keine Konflikte

Wir streiten normalerweise nie oder nur ganz selten. Vielleicht einmal pro Quartal und da ist es auch eher ein Konflikt-Gespräch. Innerhalb der ersten drei Wochen Fernbeziehung hatten wir gleich zwei fette Streits und der Grund dafür waren einzig und allein Chats, die falsch verstanden wurden. Wenn man in dem Moment nur über Text kommuniziert, dann fehlt der menschliche Aspekt dieser Diskussion. Man sieht sich nicht in die Augen und merkt: Die andere Person meint das anders oder hat mehr Verständnis, als ich gerade glaube. Stattdessen liest man die Nachricht in seinem Kopf so, wie man sie gerade deuten möchte. Und das ist nicht immer gut.

Ich muss noch klarer kommunizieren, was ich brauche

Wenn wir in derselben Wohnung leben, wissen wir recht genau, was die Woche des anderen bereithält, wann wir gemeinsam Abendessen etc. Wir müssen unsere gemeinsame Zeit nicht so genau planen und so genau kommunizieren, weil der andere ja alles mitbekommt. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann merkt mein Freund bereits an kleinsten Veränderungen was los ist, was ich brauche und wies mir geht. Dafür muss ich nichts sagen oder das extra ansprechen.

Die Erkenntnis nach einigen Wochen Ferne und viel Frustration: Diese Zeichen transportieren sich nicht über mehrere hundert Kilometer. Ich muss also ganz klar kommunizieren, wenn ich Trost brauche, einen schlechten Tag hatte oder einsam bin.

Ich schwärmte für andere Männer

Nur weil ich in einer Beziehung bin, heißt das nicht, dass ich andere Männer nicht wahrnehme. Das war immer schon so und finde ich auch in Ordnung. Ich kenne auch keine vergebene Frau, die sagt: "Nein, also wenn Ryan Gosling in Crazy Stupid Love sein Shirt auszieht, dann schau ich weg. Brauch ich nicht. Bin eh vergeben."

Dass ich aber wirklich einen kleinen Crush inkl. romantischer Tagträume entwickelte war neu. Erst in einem Gespräch mit einer meiner engsten Freundinnen bemerkte ich: Es ging dabei gar nicht um den Typ. So toll fand ich den gar nicht. Ich versuche nur gerade, emotional eine Lücke der Einsamkeit zu füllen, die ich nicht fühlen wollte. Mit dieser Erkenntnis war übrigens auch der Schwarm erledigt. Guter Girl-Talk ist manchmal Gold wert!

Mit Distanz kommt Vertrauen

Ich bin prinzipiell keine besonders eifersüchtige Partnerin (ja, es gab Einzelfälle, wo das nicht stimmt, niemand ist perfekt). Die Distanz führte aber dazu, dass sich mein Vertrauen in unsere Beziehung noch verstärkte. Das kam einerseits durch den Fakt, dass wir ganz offen über Versuchungen, Schwärme (ja, ich hab ihm auch von meinem Schwarm erzählt) und Ähnliches sprachen. Andererseits wurde mir klar, dass dort so viele unbekannte Frauen unterwegs sind, von denen bestimmt viele ganz großartig sind. Wenn er wollen würde, könnte er mich problemlos ersetzen. Es gab nur keine Anzeichen, dass er das wollte. Also warum sollte ich mich damit verrückt machen?

Es schwankte zwischen Hochgefühl und Verzweiflung

Endlich so viel Zeit für mich, redete ich mir die erste Woche ein. Ich tanzte durch die Wohnung, hörte Backstreet Boys und aß jeden Tag etwas, das mein Freund nicht mag. Ich zelebrierte, dass die Wohnung beim Heimkommen genauso war, wie ich sie verließ. Streckte mich übers ganze Bett, schlief sogar mal auf seiner Seite. Me-Time war mein neues Lieblingswort. Ich feierte meine Freiheit.

Dann kam das Wochenende. Und Samstagnachmittag fand ich mich dann schluchzend auf der Couch wieder, weil unsere Arbeitsrythmen nicht übereinstimmten, ich ihn nicht erreichte und ihm etwas komplett Belangloses von meiner Woche erzählen wollte. So ging das die gesamte Zeit über. Es schwankte zwischen: "Ach, die Zeit verfliegt gerade, alles gut, ich komm super klar" und "Eis essen, in das Eis weinen und All by myself mitsingen". Zweiteres war nicht pretty.

Vermissen verläuft nicht gleich

Wie beschrieben gab es Wochen, wo die Entfernung für mich weniger schwierig war und Wochen, wo ich es fast nicht aushielt. Für meinen Freund war es ähnlich. Nur dieser Prozess verlief nicht synchron. So wachte ich eine Woche jeden Tag zu einer "Ich vermisse dich so"-Nachricht von ihm auf, in der mir die Distanz nicht schwerfiel. Zwei Wochen später litt ich, während er viel erlebte und es ihm ganz gut ging. Dass wir in dieser Hinsicht nicht synchron gekoppelt waren, brauchte Geduld und Verständnis. Wir führten zwei Leben, hatten zwei Jobs, zweimal Freizeitplanung – natürlich konnten unsere Gefühle nicht immer gleich sein.

Abhängigkeit besteht

Ich rühmte mich gerne damit, wie unabhängig ich geblieben bin, obwohl wir seit acht Jahren zusammen sind und seit vier Jahren zusammenwohnen. Nimmt man aber eine Person aus dieser Gleichung, dann merkte ich schnell: Ganz so unabhängig wie ich mir gerne einredete war ich nicht.

Gleich die ersten Wochen zum Beispiel stellte ich mit Erschrecken fest, wie unsicher ich mit meinem Aussehen wurde, wenn mir nicht mehr mehrmals die Woche jemand sagte, wie hübsch er mich fand. Ich lernte, dass ich beim Heimweg von Partys nur deshalb bisher nachts keine Angst hatte, weil ich wusste, dass er zuhause auf mich wartete. Und ein, zwei Freund*innen mehr würden mir vermutlich auch nicht schaden. Wenn im Sommer einige meiner engsten Bezugspersonen nicht in Wien waren, so wurde es ganz schön einsam.

Das Schöne ist, diese Erkenntnisse gaben mir auch etwas zu tun. Ich arbeite an diesen Punkten, die mir auffielen. Inzwischen kann ich allein in der Nacht spazieren gehen, ohne komplette Panik zu empfinden (nur gesunde Achtsamkeit). Ich nicke mir einfach selbst im Spiegel anerkennend zu, und fühlte mich gut. An dem Punkt mit den Freund*innen arbeite ich noch.

 

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