5 Romnija, 5 Leben: Roma-Frauen zwischen Diskriminierung, Gewalt und Hoffnung

Roma und Sinti sind in ganz Europa zuhause - und werden überall diskriminiert. Frauen sind zudem Zwangsheirat, Missbrauch und Gewalt in der Familie und Ehe ausgesetzt. WIENERIN-Autorin Geli Goldmann hat fünf Romnija in Montenegro getroffen.

Internationaler Tag der Roma Care Montenegro

Montenegro, das Land der schwarzen Berge an der Adriaküste, will EU-Mitglied werden. Im Sommer tummeln sich die Urlauber an den Stränden, in den Häfen liegt eine luxuriöse Yacht neben der anderen. „The sunny side of life“. Weit weg vom Alltag, den die Romnija am Stadtrand von Nikšić leben. Die Baracken-Peripherie ist das Zuhause von starken Charakteren. Eine davon ist Fana Delija. Fana leitet das CRI, das Centre for Roma Intitiatives.

Die meisten Projekte beschäftigen sich mit der Ausbildung von Romnija und deren Integration in die Gesellschaft. Diskriminierung im Alltag und am Arbeitsmarkt passiert täglich. Zum anderen sind Frauen in den streng männlich dominierten Strukturen der Roma-Gruppen in ihrem Selbstbestimmungsrecht stark beschnitten. Die Liste der Probleme ist grundsätzlich lang. Keine Hilfeleistung von staatlichen Institutionen, Sozialhilfe oder Frauenhäusern weil man Romni ist; arrangierte Ehen und Kinderehen; häusliche Gewalt; keine Ausbildung; Armut. Fana will das ändern und hilft da, wo sonst keiner ist. WIENERIN-Autorin Geli Goldmann hat Fana und vier andere Frauen in Montenegro getroffen.

Fana, 38

Fana ist eine Romni. Anfangs sprach sie nur albanisch, ihre Familie stammt aus dem Kosovo. Die Landessprache, Montenegrin, musste sie erst lernen. An die Schulzeit hat sie keine guten Erinnerungen. „Ich bin immer in der letzten Reihe gesessen und die anderen Kinder wollten mir ihre Hände nicht geben, weil ich eine dünklere Hautfarbe habe“. Wenn Fana davon spricht, kommen immer noch Tränen in den schwarzbraunen Augen hoch.

Roma Montenegro Geli Goldmann CARE

Schon als Kind wollte Fana die Gesellschaft verändern. Das hat sie die letzten 15 Jahre lang angetrieben. „Ich denke ich bin ein gutes Beispiel für die Veränderung!“ Eben hat sie ihr Universitätsstudium in Pädagogik erfolgreich abgeschlossen. Das CRI, das Centre for Roma Initiatives hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den schwedischen Anna Lind Award für die geleistete Integrationsarbeit. Und erst letzte Woche wurde Fanas Engagement auch wieder offiziell wertgeschätzt. Gemeinsam mit Roma Frauen aus anderen Balkanländern und der Türkei wurde sie für ihre Integrationsarbeit von der EU ausgezeichnet. „Wir sind erfolgreich mit dem was wir tun“ meint sie, „weil wir Empathie für die Menschen haben. Wir wissen, wie es sich auf dieser Seite der Gesellschaft anfühlt.“

Selbstverständlich ist Fanas erfolgreiche Geschichte nicht. Mit 18 Jahren hätten sich auch Fans Eltern ganz traditionell eine Verheiratung der Tochter gewünscht. Mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht erzählt Fana von ihrem Anti-Hochzeits-Trick: „ Ich habe mich damals schon für soziale Fragen engagiert und kurzerhand einen Vertrag mit einem Geldgeber für ein Projekt unterschrieben. Darin wurde mir die Heirat für die Dauer des Vertrages untersagt. Das hatte ich mir so ausgedacht.“ Damit war das Thema auch daheim vom Tisch. „Heiraten?! Heute fragen meine Eltern nicht einmal mehr“, lacht sie.

Leider erleben aber auch heute noch viele Roma Mädchen eine andere Realität: Die des frühzeitigen Schulabbruchs und einer erzwungenen Kinderehe. Manchmal sind die Mädchen erst 13 oder 14 Jahre alt. Durch ihre Aufklärungsarbeit, den ständigen Kontakt mit den Mädchen und ihren Eltern und einem guten Teamwork konnte Fana in den letzten vier Jahren 62 erzwungene Ehen mit Minderjährigen abwenden. Auch bei Rechtsfragen und häuslicher Gewalt ist Fana mit dem CRI zur Stelle und hilft. Die Gewalt gegen Frauen machte auch vor ihr nicht halt. Gerade wegen dem, was sie tut, wurde sie nicht zuletzt auch von einzelnen Personen aus der Roma Gemeinschaft angefeindet und bedroht.

Fanas Familie ist stolz auf sie und steht ihr auch in schwierigen Zeiten zur Seite. „Wir haben unsere eigene Familie verändert. Ich denke, nur so kann sich eine Gesellschaft entwickeln. Bei der Basis muss es anfangen.“

Sadona, 22

Sadona ist Fanas Nichte und in einer sehr unterstützenden Familie aufgewachsen. Die Schule hat sie abgeschlossen und ein Universitätsstudium angefangen. Zwei Jahre hat sie Kriminologie und Sicherheit studiert. Die Ausbildung zur Kriminalbeamtin umfasst neben theoretischem Unterricht in Recht und Psychologie auch viele praktische Übungen. Dazu gehört der Umgang mit Schusswaffen oder wie man verdächtige Personen in Gewahrsam nimmt.

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„Ich habe beschlossen, Kriminologie zu studieren, weil die Polizei uns immer wieder diskriminiert. Sie machen ihre Arbeit nicht so, wie es vom Gesetz vorgeschrieben ist. Ganz einfach, weil wir Roma sind. Jemand aus unserer Gruppe muss also involviert sein und einen Unterschied machen.“

In ihrem Beschluss zu studieren, hat sich die 22-Jährige von ihrem Vorbild, Tante Fana, inspirieren lassen. Auch sie selbst will für andere Roma-Mädchen ein Vorbild sein. „Alle Roma-Mädchen, die an der Universität waren oder dort studieren, beeinflussen die Gemeinschaft enorm. Sie sind positive Rolemodels.“

Sadona möchte gerne wieder zurück auf die Uni und das Studium fertig machen. Im Moment kann sie jedoch die Studiengebühren nicht bezahlen. Das Ziel hat sie aber immer vor Augen. „Ich möchte etwas zu unserer Gesellschaft beitragen. Ich will, das sie unabhängig werden kann.“

Und unabhängig will sie selber auch bleiben. Bezüglich Beziehungen und Heirat hat Sadona bereits klärende Worte mit ihren Eltern gesprochen. „Ich habe das Recht, selbst zu wählen, wen und wann ich heiraten will“. Ein gesundes Selbstbewusstsein hilft dabei enorm. Der wichtigste Schritt auf dem Weg, die Situation innerhalb der Roma Gesellschaft zu verbessern, ist für Sadona ganz klar: es muss mit den Eltern gearbeitet werden! „Den Eltern muss klar werden, wie wichtig eine Ausbildung ist. Und dass Kinder Rechte haben.“

Linda, 19

„Heiraten ist in Ordnung, wenn der Ehemann ein guter Mann ist“, meint Linda. Dieses Glück hatte die 19-jährige selbst zweimal nicht. Das erste Mal verheiratet war Linda mit 15 Jahren. Da hat sie auch die Schule abgebrochen, um bei der Familie ihres Ehemannes zu leben. „Als Mädchen in der neuen Familie ist man so etwas wie eine Leibeigene. Man muss Sklavenarbeit verrichten. Du bist die erste Person, die morgens aufsteht, und die letzte Person, die abends zu Bett geht“, erzählt sie.

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Als Linda weglief und zu ihrem Vater zurückkehrte, war dieser nicht besonders erfreut. Das erhaltene Brautgeld musste wieder an den Bräutigam zurückgezahlt werden. Für jemanden, der sich nicht einmal Essen oder fließend Wasser leisten kann, eine schwierige Situation.

Linda hält ihr Baby Esma auf dem Schoß. Ihre Tochter ist jetzt neun Monate alt. Auch die zweite Ehe war von Gewalt und Missbrauch geprägt. Diesmal nahm Vater Selim seine Tochter und Enkeltocher sofort wieder daheim auf.

Viel haben sie nicht, der Vater und seine drei Töchter. Das barackenähnliche Haus hat einen kalten Steinboden, undichte Fenster und keine Heizung. Im Winter, wenn Schnee liegt, ist es bitterkalt. Ein einziges Zimmer hat einen Holzofen, die einzige Wärmequelle des Häuschens. Lindas Schwestern, die 21-jährige Erneza und die 12- jährige Sherifa, gehen auf die Straße betteln. Für Esma wünscht sich Linda ein anderes Leben. „Sie soll eine gute Ausbildung bekommen und die Schule fertig machen können.“

Finanzielle Unterstützung gibt es keine für die Familie. Auch keine Hilfestellung von staatlichen Institutionen. Lindas Familie hat keine Papiere, die Auskunft über Herkunft und Identität geben können. Montenegrinische Staatsbürger sind sie nicht. Die einzige Hilfe erhalten sie in Form von Lebensmitteln und Kleidung durch das CRI. Dort hat Linda auch von ihren arrangierten Ehen und den Misshandlungen berichtet.

Eines weiß Linda ganz genau: Heiraten will sie nicht mehr.

Antigona, 44

„Die Roma Kinder waren immer die Aussenseiter. Ich wollte nicht in die Schule gehen, dort war es schrecklich“, erzählt Antigona. Die 44-Jährige war nur ein Jahr in der Schule und ist Analphabetin. Ihre Familie kam in den 70iger Jahren aus dem Kosovo nach Montenegro, ohne Papiere oder Identifikationsnachweise. Der Vater war Bauarbeiter und verdiente sehr wenig. Von Antigonas sieben Geschwistern konnten nur drei die Schule besuchen.

Roma Montenegro Geli Goldmann CARE

Ihre Mutter arrangierte für das Mädchen eine Ehe. Da war Antigona 13 Jahre alt. Ihren zukünftigen Ehemann kannte sie nicht. „Für mich war es nicht möglich dort zu leben. Ich war einfach zu jung und die Hochzeit war erzwungen“. Besonders unter ihrer Schwiegermutter hatte sie zu leiden. Körperliche Gewalt und psychischer Missbrauch gehörten zur Tagesordnung. „Das waren böse Menschen“ sagt sie heute. Mit 14 Jahren bekam sie einen Sohn und mit ihrem zwei Monate alten Baby flüchtete sie nach Hause. Das Baby von damals, Admir, ist heute selbst Vater dreier Kinder.

Ihren heutigen Mann Uka lernte Antigona wenige Jahre später beim Taxifahren kennen. Seit 25 Jahren sind die beiden nun verheiratet und haben sechs gemeinsame Kinder, das jüngste ist acht Jahre alt. Dass Antigona schon einen Sohn hatte, störte Uka keineswegs. „Uka ist ein guter Mann, es gab nie Probleme mit uns“, meint Antigona. Beide lachen und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Auch sie leben in einer Baracken-Behausung, ganz in der Nähe von Linda und ihrer Familie.

Uka und Admir sammeln Altmetall und verkaufen es. Ohne Hilfe des CRI und deren Partnerorganisation, dem Defendologija Center, würde es aber nicht gehen. Antigona und Uka benötigen Hilfe bei schriftlichen Ansuchen und jeglicher Form von Bürokratie, jeder Interaktion mit dem Staat. Auch, als Uka letztes Jahr eine Herzattacke hatte und ins Krankenhaus musste. Im Defendologija Center dürfen sie und ihre Familie Wäsche waschen und sich duschen. Fließend Wasser oder eine Heizung haben auch sie nicht.

Velbana, 47

„In meiner Familie war ich das einzige Kind. Meine Eltern wollten immer, dass ich eine Ausbildung bekomme und etwas in meinem Leben erreiche,“ erzählt Velbana. Die 47-Jährige hat ihr ganzes bisheriges Leben in Nikšić verbracht. Weil die Familie kein Geld hatte, konnte Velbana das letzte Schuljahr nicht fertig machen.

Roma Montenegro Geli Goldmann CARE

Mit 24 Jahren hat sie geheiratet. Über die Jahre davor erzählt sie nichts. Mit ihrem Mann bekam Velbana sechs gemeinsame Kinder. „Es war nicht immer eitle Wonne, aber wir sind zusammengeblieben“. Velbanas Mann hat wiederverwertbare Altwaren gesammelt. „Ich habe ihm dabei geholfen. Solange, bis ich mich motiviert hatte und mich informiert habe, was ich sonst noch tun kann. Ich wollte wissen, welche Möglichkeiten es gibt, um mein Leben zu verbessern.“ Durch die Zusammenarbeit von CARE und dem CRI kann Velbana nun ihr letztes Schuljahr nachholen. Vor dem Sommer ist sie fertig.

Eine Ausbildung zur pädagogischen Assistentin hat sie bereits gemacht. Velbana hat einen Job als Mediatorin in einer Grundschule. Sie ist für die Roma Kinder da, hört sich Probleme in der Schule oder daheim an und vermittelt zwischen den Lehrern, Eltern und Kindern. Ihre Rolle ist Gold wert, da manche Kinder die Amtssprache nur schlecht beherrschen. „Ich bin eine Sprachbrücke zwischen Montenegrin und Romanes und Albanisch“, meint sie.

In ihrem kleinen Haus ist Velbana nie alleine. Überall sind ihre Kinder und Enkelkinder. Alle Erwachsenen rauchen Kette. Der blaugraue Dunst schwebt sachte durch das Wohnzimmer. „Einen Ort, wo sich Frauen treffen können und unter sich sind“, das würde sich Velbana wünschen. Ohne Männer und Kinder. Ein Ort, an dem sich Frauen austauschen können. Über ihre Lebenssituation, über Ausbildung, wo es Platz für Freundschaften und Hilfestellung gibt. Und wo man auch über Emanzipation, Sex und Beziehungen sprechen kann. „So ein Ort wäre was“, meint sie.

 

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