5 Mythen über psychische Gesundheit, die einfach nicht stimmen

Menschen mit Depressionen sollen sich doch einfach mal zusammenreißen? Angststörungen sind bloß Einbildung? Um psychische Erkrankungen herrschen immer noch zahlreiche Stigmata. Zeit, damit aufzuräumen.

Das Gute: Es hat sich viel getan. Inzwischen wird über psychische Erkrankungen gesprochen, vor allem im Internet. Menschen teilen ihre Erfahrungen, die Popkultur beschäftigt sich (ab und zu) sensibel mit der Thematik und zeigt das Leben mit Depressionen, Neurosen und Angststörungen ohne sensationsgeile Übertreibungen. Und trotzdem: Immer noch schwirren falsche Fakten und Vorstellungen zu psychischen Erkrankungen im Raum herum. Darüber reden wir jetzt mal!

Mythos 1: Psychische Erkrankungen sind selten

Wenn's nur so wäre. Acht Prozent der ÖsterreicherInnen leiden an einer ärztlich diagnostizierten Depression oder beurteilen sich selbst als depressiv. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Das immer noch anhaltende Stigma um Depressionen und psychische Erkrankungen hält viele Betroffene davon ab, sich Hilfe zu suchen. Studien gehen davon aus, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen zumindest einmal im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Erkrankung leiden. Nicht alle davon müssen behandelt werden - aber etwa die Hälfte der Betroffenen würde von einer kurzfristigen Behandlung profitieren, ein Drittel bräuchte langfristige Betreuung. Unbehandelt können psychische Erkrankungen bis zum Tod führen: Etwa 1.300 Menschen begehen in Österreich jedes Jahr Selbstmord, drei Viertel davon sind Männer. (Anmerkung: Nicht jeder Suizid ist notwendigerweise eine Folge einer psychischen Krankheit, kann aber Hinweise liefern, dass eine psychische Erkrankung vorlag.)

 

Mythos 2: Eine Depression kann man selbst heilen, wenn man sich genug anstrengt

In einer Umfrage in den USA sahen mehr als die Hälfte der Befragten Probleme mit der psychischen Gesundheit zumindest zum Teil als "persönliche Schwäche" oder "schlechte Charaktereigenschaft". Betroffene sind in Wahrheit aber weder "faul" noch "selbstbezogen" oder "weinerlich" - psychische Erkrankungen entstehen durch einen komplexen Mix verschiedener Faktoren: genetische Veranlagung, Störungen des Hormonhaushaltes, Stress, traumatische Erfahrungen oder physische Krankheiten oder Verletzungen können eine Episode auslösen. Also nichts, das verschwindet, wenn man sich "ein bissi zusammenreißt" und "mal lacht".

Mythos 3: Kinder und Jugendliche haben keine psychischen Erkrankungen.

Fast ein Viertel der Zehn- bis 18-jährigen könnte an einer psychischen Erkrankung leiden, knapp 36 Prozent hatten laut eigener Einschätzung bereits eine psychische Störung. So das Ergebnis einer österreichweiten Studie aus 2017. Besonders erschreckend: Nicht einmal die Hälfte der Betroffenen hat Hilfe bei einem Kinder- und Jugendpsychiater in Anspruch genommen. Laut des Österreichischen Kinder- und Jugendgesundheitsberichts steigt die Häufigkeit psychischer und verhaltensbezogener Diagnosen mit dem Alter: 2014 war sie bei den Zehn- bis 14-Jährigen etwa doppelt so hoch wie bei den Fünf- bis Neunjährigen. Der Kinder- und Jugenpsychiater Andreas Krawautz rät Eltern, bei deutlichen Verhaltensänderungen des Kindes unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen: "Sollte man eine Verhaltensänderung wahrnehmen, auch, wenn sich das Kind extrem zurückzieht oder Tics entwickelt, sollte man das vom Facharzt anschauen lassen. Und ganz wichtig: Je früher die Behandlung beginnt, desto besser die Prognose für die Zukunft."

Mythos 4: Psychische Erkrankungen spielen sich nur im Kopf ab.

Psychische Erkrankungen mögen ihre Ursache im Kopf haben, sie beeinflussen aber den ganzen Körper. Bekannte Nebenwirkungen sind etwa Müdigkeit, Migräne und Kopfschmerzen, Übelkeit, Verdauungsbeschwerden und ein geschwächtes Immunsystem. Studien konnten außerdem einen engen Zusammenhang zwischen Stoffwechselerkrankungen, Atemwegserkrankung und Herzkreislauferkrankungen und Problemen mit der psychischen Gesundheit belegen.

 

Mythos 5: Menschen mit psychischen Erkrankungen sind aggressiv und gewaltbereit.

Vor allem im Horrorgenre der Popkultur werden psychische Erkrankungen oft als Ursache für wilde Mordserien herangezogen. In der Realität sind Betroffene öfter Opfer als Täter. Eine Studie aus 2014 konnte außerdem feststellen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen, die Opfer von Gewalt wurden, mit einer elf Mal so hohen Wahrscheinlichkeit ebenfalls Gewalt ausüben. "Das zeigt die Nachfrage nach einem stabilen Gesundheitssystem, das nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen davon abhält, Gewalttaten zu verüben, sondern sie auch davor schützt, Opfer von Gewalt zu werden", sag Studienautorin Sara Desmarais.

Bei psychischen oder suizidalen Krisen sowie im akuten Notfall ist es wichtig, rasch Krisentelefonnummern und Notrufnummern bei der Hand zu haben.

Telefonseelsorge
Tel.: 142 (Notruf), täglich 0–24 Uhr

Telefonberatung und E-Mail-Beratung für Menschen in einer schwierigen Lebenssituation oder in Krisenzeiten.

Online unter www.telefonseelsorge.at

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