5 Gründe, warum sich keiner wundert, dass Österreich ein Geschlechterproblem hat

OECD-Studie: Österreich ist im Bereich Geschlechtergerechtigkeit hintennach.

Alle (2) Jahre wieder. Studie um Studie bestätigt: Österreich kommt über alte Geschlechterrollenbilder einfach nicht hinweg. Will es irgendwie auch nicht. Fortschritt passiert bei uns im Schneckentempo, den mangelnden Willen dazu merkt man schon am fehlenden Aufschrei wenn wieder einmal klar ist: In keinem anderen westeuropäischen Land ist die Geschlechtereinkommenslücke nach wie vor so groß. Ist aber allen ein bisschen egal, dass man als Frau hier nichts verdient und dass Frauen klar die Kinderziehung zugeschrieben wird, die als unbedeutend abgetan und unbezahlt verrichtet wird.


Es hat nun mal gute Gründe, warum das bei uns so ist:


1) Der konservative Sozialstaat will, dass Frauen zu Hause bleiben


Deswegen gibt er Ihnen ja auch Geld (in Form von Kinderbetreuungsgeld) dafür. Das liegt daran, dass die Werte unseres Sozialstaates in einem konservativ-katholischen Familienbild verwurzelt sind, das sich am traditionellen Mutter-Vater-Kind-Schema orientiert und die Lebensrealität der Menschen außer Acht lässt. Weil Frauen eben einfach besser dafür geeignet sind, sich um Kinder zu kümmern. Würde der Sozialstaat wollen, dass Frauen auch im Wirtschaftsleben und in der Politik aktive Rollen einnehmen, würde er Familien in Form von Sachleistungen - also Kinderbetreuungsstätten - fördern, und keine Geldanreize setzen, Kinder zu Hause zu betreuen.


2) Die österreichische Idealisierung der Mutterrolle hat Frauen nicht unbedingt zur Solidarität erzogen


„Keiner kann sich so gut um meinen Luca kümmern wie ich!“ sind Kommentare, die wir nicht selten unter Artikeln über Mutterschaft und gerechte Rollenaufteilung lesen. Yep, wir österreichische Frauen hängen besonders an dem Bild, dass ein Kind nun mal seine Mutter braucht, dass Kinder in städtischen Betreuungseinrichtungen vernachlässigt werden, und dass Männer in der Vaterrolle zwar lieb, aber überfordert und chaotisch sind. Frauen checken das alles irgendwie besser. Können Sie mir die französische oder englische Übersetzung von „Rabenmutter“ oder „Schlüsselkind“ sagen? Nope, das gibt’s nur bei uns. Man benötigt schließlich das richtige Vokabular, um Frauen die versuchen, alles unter einen Hut zu bekommen, vorwurfsvoll zu stigmatisieren. Ich hab mal in einem großen, österreichischen Unternehmen gearbeitet, in dem eine frisch gebackene Mutter befördert wurde und eine Führungsposition in Teilzeit bekleidet hat. Gerade die Frauen der Abteilung wollten das irgendwie nicht gut finden: „Nah, sie muss sich schon entscheiden. Da braucht sie ja kein Kind bekommen, wenn sie dann nicht für dafür da sein kann.“ Glücklich, mich in so einem progressiven Unternehmen zu wähnen, konnte ich auch das Herumreiten auf der eingeschränkten Erreichbarkeit der neuen Führungskraft nicht nachvollziehen.


3) Unsere Unternehmenskultur will, dass die arbeitende Bevölkerung (also meistens Männer) keinen Abend vor 9 heimkommt


Während dem Studium hab ich als Abendsekretärin in einer Anwaltskanzlei gearbeitet. Abendsekretärin deswegen, weil wenn die regulär Angestellten um 6 heimgingen, kam eine Studentin, damit das Sekretariat bis 10 besetzt war. Um 22 Uhr war ich nicht die Letzte, die heimging. Die Anwälte und Anwältinnen haben sich dafür gefeiert, wie ein Vampir niemals die Sonne zu Gesicht zu bekommen. Das hat sie zu so richtig geilen Mackern gemacht. Nur wer riiiiiichtig wichtig ist, muss bis spät abends im Büro bleiben. Mit dem Taxi heimzufahren, weil sonst nichts mehr fährt, ist quasi das ultimative Statussymbol. Mehr Arbeit = mehr Geil = mehr Prestige. Diese seltsame Wahrnehmung von Arbeit ist super-österreichisch. Die Schweden zum Beispiel lieben ihre Freizeit, finden’s richtig gut, noch was zu machen nach der Arbeit. Wenn beide Eltern arbeiten, dafür aber weniger, funktioniert‘s natürlich besser mit der gerechten Aufteilung. Aber um erfolgreich zu sein, erwarten österreichische Unternehmen ein Commitment von 60-70 Stunden die Woche.


4) Frauen ist das alles egal


Ich will hier nicht den Anwalt des Teufels spielen, weil ich weiß, dass das ganz viel damit zu tun hat, wie wir sozialisiert wurden. Erst vor kurzem kam wieder eine Studie heraus, die beweist, dass wir systematisch Frauen herabsetzen, in dem wir Kindern beibringen, dass Arbeit, die von Frauen verrichtet wird, weniger wert ist. Wie soll man da ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln? Aber ich will Ihnen auch nicht die Mündigkeit absprechen: Es liegt schon auch an uns Frauen, unseren Partnern zu sagen, dass ihre Karriere auch nicht der Nabel der Welt ist. Dass wir für eine andere Politik und Wertschätzung unserer Arbeit kämpfen. Zu vermitteln, dass wir weder Partner noch Kinder brauchen, um ein vollwertiger Mensch zu sein. Auch im Privaten gibt’s da noch ganz viel Raum nach oben, und es macht keinen Sinn, sich durch diese Diskussion immer so in seinem persönlichen Lebensmodell angegriffen zu fühlen, dass man sofort in eine aggressive Abwehrhaltung wechselt.


5) Junge Frauen haben keine Rollenvorbilder


Ich bin 26 Jahre alt, habe ein abgeschlossenes Studium, einen guten Job und will eigentlich auch Familie. Spricht alles dafür, dass ich später schlecht verdiene, von meiner Pension nicht leben kann und von meinem Partner abhängig werde. Hätte ich nicht vor kurzem die tollste Chefin der Welt kennengelernt, hätte ich in meinem Bekanntenkreis von niemandem gewusst, der mir gezeigt hätte, dass man Familie auch ohne eine 2-jährige Karenz (pro Kind) und danach Teilzeitarbeit managen kann. Dass diese Erfahrung statistisch relevant ist, zeigen die OECD-Ergebnisse. Medial wird meist eher die Opferrolle in den Vordergrund gestellt, anstatt von coolen Frauen zu erzählen, die großes erreicht haben. Aber wir arbeiten daran ;).

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