5 Dinge, die bei der Karenz in Österreich schief laufen

Warum die volle Anrechnung der Karenzzeit nur einer von vielen Schritten sein kann, um gleichberechtigte Elternschaft zu ermöglichen.

Elternsein ist eine neue, aufregende und schöne Erfahrung. Aber sie ist auch eine, die mit negativen Veränderungen verbunden sein kann – vor allem beruflich. Und vor allem für Frauen.

Denn die Karenzregelung sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Österreich haben einige Lücken und strukturelle Probleme, wie Arbeitsmarktexpertinnen kritisieren. Wir haben die größten darunter zusammengefasst:

 

1: Die Gehaltsschere zwischen Frauen und Männern wird (noch) größer

Dass es eine Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen gibt, ist kein Geheimnis. Dass es darüber auch viele Mythen und Falschbehauptungen gibt, auch nicht. Die Ursachen sind vielfältig, und eine davon ist die Karenz. Wer in Karenz geht, muss mit finanziellen Einbußen rechnen. Das ist allen werdenden Eltern klar. Dennoch: da die Karenzzeit in den meisten Verträgen nicht als Arbeitszeit gerechnet wird, werden mögliche Gehaltsvorrückungen nicht mitgenommen. Das macht die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen noch größer.

Dass die Karenzzeit in allen Berufen und Kollektivverträgen angerechnet werden soll, ist eine langjährige frauenpolitische Forderung. ÖVP-Klubobmann und ÖAAB-Chef August Wöginger stellte diese Forderung kürzlich auch, ruderte dann jedoch mit dem Hinweis auf bald stattfindende Kollektivvertragshandlungen zurück.

Bianca Schrittwieser, Frauenreferentin der Arbeiterkammer Wien, sagt: „Wir fordern seit Jahren eine gesetzliche Anrechnung der Elternkarenzzeiten. Es ist hier ganz wichtig zwischen einer Anrechnung auf Kollektivvertragsebene - betrifft einzelne Branchen - und einer gesetzlichen Anrechnung zu unterscheiden. Eine gesetzliche Ebene würde eben sicherstellen, dass alle Mütter und Väter davon profitieren. Unabhängig davon, wo sie beschäftigt sind." In einigen Kollektivverträgen gäbe es bereits Best-Practice-Modelle, aber die seien eben nicht auf alle anwendbar. Die günstigsten Regelungen gibt es bei den Metallern und Handelsangestellten: 22 Monate werden pro Kind innerhalb des Lohnschemas für Vorrückungen berücksichtigt

Auf gesetzlicher Ebene würde das heißen: Wenn jemand bis zum 2. Geburtstag des Kindes Karenz nimmt, sollte sie oder er künftig in dieser Zeit alle Gehaltsvorrückungen sowie die entsprechenden Urlaubsansprüche, Kündigungsfristen und Entgeltfortzahlungen angerechnet bekommen. Um später keinen Nachteil daraus zu ziehen. Jetzt sind es 10 Monate, und das auch nur beim ersten Kind. „Diese Anrechnung wäre eine wichtige Maßnahme, um die Einkommensschere zu schließen. Die Einkommensschere hat viele verschiedene Ursachen, daher braucht es auch viele verschiedene Maßnahmen", so Schrittwieser.

2: Der Wiedereinstieg ist schwierig

Nach der Karenz gleich wieder dort einsteigen, wo man/frau aufgehört hat? Leider läuft es nicht immer so ab. Eine weniger qualifizierte Tätigkeit und neue Arbeitsbedingungen sind keine Seltenheit. Auch Arbeitszeiten, die mit der Kinderbetreuung nicht übereinstimmen, machen den Wiedereinstieg zum Teil unmöglich. Nadja Bergmann, Arbeitsmarktexpertin bei L&R Sozialforschung, sagt: „Ein Großteil der Personen, die in Karenz gehen, gehen die volle Karenzzeit in Karenz, manche dann auch noch unbezahlt länger – dann ist es natürlich schwierig an der selben Stelle am Arbeitsmarkt wieder anzudocken." Da großteils Frauen in Karenz gehen, wird das Thema Wiedereinstieg derzeit auch als "Frauenproblem" gehandelt, so Bergmann. "Obwohl es eigentlich eine partnerschaftliche Sorge sein sollte.“

Die Teilzeitquote unter Frauen steigt nach der Karenz ebenso – was in weiterer Konsequenz einer der Gründe für Altersarmut ist. Um den Wiedereinstieg problemloser zu gestalten, sind leider die ArbeitnehmerInnen selber gefragt. Es ist wichtig, während der Karenz aktiv mit dem Betrieb in Kontakt zu bleiben - WiedereinsteigerInnen sollen ihre Abteilung, den Betriebsrat oder das Personalbüro ersuchen, sie über wichtige Betriebsgeschehnisse zu informieren. Eine geringfügfige Beschäftigung während der Karenz und die frühe Suche nach einem Kinderbetreuungsplatz erleichtern den Wiedereinstieg ebenso.

 

Vater mit Baby

 

3: Zu wenige Väter gehen in Karenz

„Eines der Hauptprobleme, das es in Österreich noch immer gibt, ist dass sich auch Väter mehr an der Karenz beteiligen sollten“, ist Sozialforscherin Nadja Bergmann überzeugt. Die Zahlen geben ihr Recht: Seit 1990 haben Männer die gesetzliche Möglichkeit zur Väterkarenz, seit 2004 auch einen Rechtsanspruch. Aber der bleibt meist ungenützt. Laut Familienministerium bezieht derzeit fast ein Fünftel der Väter Kinderbetreuungsgeld – und in Wien sind es sogar 28 Prozent. In Vorarlberg und im Burgenland bleiben nur zehn Prozent der Väter zu Hause. Und wer sich für Väterkarenz entscheidet, macht es meist nur kurz. Österreichweit werden gerade einmal fünf Prozent aller ausbezahlten Kinderbetreuungsgeldtage von Männern in Anspruch genommen. Das heißt zusammengefasst: Kinderbetreuung bleibt immer noch an den Frauen hängen.

Doch es gäbe Möglichkeiten, das zu ändern. Laut der Soziologin Eva-Maria Schmidtvom Österreichischen Institut für Familienforschung an der Universität Wien würde Folgendes zu mehr Väterbeteiligung führen: „Studien zeigen, dass hierfür vor allem explizit für den Vater reservierte Karenzmonate und eine einkommensbasierte Geldleistung ausschlaggebend sind." Was auch zu geringer Väterbeteiligung beiträgt? "Kulturell geprägte Vorstellungen von guter Mutterschaft und guter Vaterschaft, in der Familie selbst aber auch in der Arbeitswelt."

Laut AK Wien-Expertin Schrittwieser ist vor allem dieser Punkt ausbaufähig: „Die Kinderbetreuungsmöglichkeit muss gut aufgestellt werden, damit eine Erwerbstätigkeit auch gleichberechtigt aufgeteilt werden kann. Es braucht außerdem eine gerechtere Arbeitsverteilung zwischen den Elternteilen. Da geht der 12-Stunden-Tag genau in die falsche Richtung." Unternehmen müssten Signale setzen und ein Klima schaffen, in dem Väterkarenz ermutigt wird.

 

4: Karenzzeit abhängig von Rahmenbedingungen

Vollkommen autonom können Eltern, und hier vor allem Mütter, also nicht entscheiden, wie lange sie bei den Kindern bleiben. Dafür passen die Rahmenbedingungen nicht, sagen die Expertinnen. „Deren Entscheidungsfreiheit ist häufig eingeschränkt durch finanzielle Engpässe, durch Unternehmens- oder Organisationskulturen, durch das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein von qualitätsvollen Kinderbetreuungseinrichtungen sowie durch soziale Normen und Rollenvorstellungen“, so Eva-Maria Schmidt.

Sozialforscherin Nadja Bergmann: "In Wien, wo die Kinderbetreuungsmöglichkeiten am besten sind und sicher auch das gesellschaftliche Umfeld am aufgeklärtesten ist, gehen die Frauen kürzer in Karenz als im ländlichen Raum. Da stellt sich die Frage: wie freiwillig und autonom sind diese Entscheidungen und inwiefern spielen hier der gesellschaftliche Druck und die realen Möglichkeiten, früher in den Job zurückzukommen, eine Rolle? Diese Autonomie ist sehr stark von den Rahmenbedingungen abhängig. So richtig autonom entscheiden kann man gar nicht.“

 

5: Gleichberechtigte Elternschaft ist (noch) Wunschdenken

Kurzum: Eltern in Österreich leben meistens keine gleichberechtigte Elternschaft. Was es dazu brauchen würde? Laut Soziologin Schmidt: "International belegen Studien, dass eine Aufteilung der Berufsunterbrechung/Karenz auf beide Partner, eine Aufteilung der Erwerbstätigkeit durch Teilzeitbeschäftigung mit einem höheren Stundenausmaß als 25 Stunden/Woche beider Partner sowie eine gut ausgebaute und qualitätsvolle Kinderbetreuungsinfrastruktur am ehesten dazu beitragen, dass beide Eltern in ähnlicher Weise an Familienleben und Elternschaft teilhaben können und dass Elternschaft in ähnlichem Ausmaß berufliche und ökonomische Konsequenzen für beide Elternteile nach sich zieht.“

Expertin Nadja Bergmann sieht Island als Vorbild: „Ach Monate für ein Elternteil, acht Monate für den anderen Elternteil. Vier Monate kann man sich noch aussuchen. Das würde mehr bewirken als wenn im Kleinen herumgeschraubt wird. Insgesamt ist die österreichische Regelung relativ komplex und schwierig. Es wird immer über 20+4 Monate oder 36+6 Monate diskutiert – dadurch wirkt es schon so, als wäre der kleine Anteil für den Vater vorgesehen, obwohl man es auch Halbe-Halbe aufteilen kann."

Einen Praxistipp für werdende Eltern hat sie auch: „Immer mehr werdende Eltern kommen als Paar zur Beratung. Die Karenz ist kein Frauending, und daher macht so eine gemeinsame Beratung Sinn. Gemeinsam neue Perspektiven aufmachen. Das wäre ein guter Schritt.“

Aktuell