4 Wege, um Ihren Kontrollwahn loszuwerden

Zugegeben, es tut schon gut, zu wissen, was als Nächstes passiert. Deshalb planen wir gerne. Und versäumen so ganz nebenbei viel: das Leben! Hier ein Plädoyer für mehr Ungewissheit.

Planungsqueen im Zweifel: Nein, ich mag keine Überraschungen. Also von in Geschenkpapier verpackten mal abgesehen. Auf jeden Fall keine Überraschungspartys, keine unangemeldeten Besuche und schon gar keine kurzfristig abgesagten Termine, die meinen minutiös geführten Kalender völlig durcheinanderwürfeln. Ich habe gerne einen Plan. Von heute, von morgen, von nächster Woche und zumindest im Groben auch vom nächsten Jahr.

Nur das Leben macht mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Mit nicht eingeplanten Ereignissen, die schnell zu mittelgroßen Katastrophen mutieren.Und die Wissenschaft zieht mir mit ihren schlauen Erkenntnissen noch mal eins über die Rübe. Denn da besagt beispielsweise die moderne Chaosforschung: Die einzige Konstante, auf die man sich im Leben verlassen kann, ist die Veränderung. Und das behagt uns scheinbar gar nicht, denn unsere Gesellschaft verfällt gerade ­einem „Ich hab alles in der Hand“-Wahn. Möglicherweise sind wir Menschen halt so. Wir wollen unsere Umwelt, unsere Partner und einfach alles in der Welt verstehen, berechnen, vorhersehen. Mit immer besseren Technologien, leistungsstärkeren Computern und exzellenten Forschungsmethoden geben wir uns der Hoffnung hin, die Welt und alles, was darin passiert, besser kon­trollieren zu können.

Umso mehr wirft es uns aus der Bahn, wenn alles ganz anders kommt: Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ein Freund in eine andere Stadt zieht, wir doch nicht befördert werden oder den Job verlieren. Das macht unsicher, desorientiert – und schließlich Angst.

1: Keine Furcht vorm Nichtwissen


Manchmal schickt das Leben Ereignisse, deren Ausgang ungewiss ist. Die nicht zu kontrollieren sind. Doch warum ist diese Ungewissheit nur so schwer zu ertragen und die Furcht vor dem Nichtwissen über den Ausgang ­einer bestimmten Sache so groß? „Je mehr wir glauben, dass alles im Leben plan- und vorhersehbar ist, desto mehr wächst die Angst, es könnte doch nur eine Illusion sein“, sagt die österreichische Soziologin und Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny. Kontrollverlust spielt also tatsächlich eine große Rolle. „Dahinter aber steckt die tiefe Ambivalenz unseres Daseins. Wir sehen, was wir Menschen in einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation alles tun können, was wir alles erreicht haben. Und dennoch wissen wir, ohne es aussprechen zu müssen, dass vieles davon schiefgehen kann und dass die menschliche Existenz prekär bleibt.“

2: Neue Wege gehen


Besonders schwer auszuhalten ist die Ungewissheit, wenn wir etwa auf die Zusage für ­einen Job warten. Oder auf Untersuchungsergebnisse – hat der Partner etwas Ernstes oder nicht? Ganz schlimm ist es auch, wenn Menschen verschwinden und man nicht weiß, ob sie noch leben oder wo sie sind. Dabei handelt es sich um den Zustand der Schwebe, in dem nicht oder noch nicht entschieden ist, was als Nächstes kommt. Und dieser Zustand kann uns ordentlich im Handlungsspielraum einengen oder gar lähmen. Wissenschaftsforscherin Nowotny hat kürzlich ein Buch dazu geschrieben (The Cunning of ­Uncertainty, ­Polity Press, € 20,99). Damit möchte sie den Menschen die Angst nehmen. „Ich möchte zeigen, dass Ungewissheit Teil des Lebens ist und uns vorantreibt, Neues zu erkunden.“
Denn durch unseren „Plan-Wahn“ laufen wir Gefahr, ordentlich was zu versäumen. Nämlich all das, was der Zufall für uns bereithält. „Unerwartete Begegnungen, neue Chancen, an die wir nicht gedacht haben, ungeplante Wendungen, die sich später als positiv herausstellen“, sagt Nowotny. „Zu glauben, alles planen zu können, macht blind gegenüber Alternativen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie wir lernen, nicht mehr frustriert zu sein!

3: Weg mit der Frustration


Und uns entgeht dadurch das Leben. In die Planung fließt viel Energie. Und ein Scheitern der Pläne erfordert sofort neue Pläne. „Dadurch bin ich ständig frustriert, weil ich merke, es lässt sich nicht alles planen“, meint etwa der Chaosforscher und Psychologe Guido Strunk. Im schlimmsten Fall bauen wir uns aus Angst eine Mauer um Lebensbereiche auf, die nicht planbar sind. Gerade Liebesbeziehungen beinhalten viel Ungewissheit. Verzichte ich nun auf einen Partner, weil ich enttäuscht werden könnte? Klar, bin ich nur für mich, kann ich die Ungewissheit ausklammern. Dieser Verzicht macht aber einsam und ist schrecklich anstrengend. „Denn Ungewissheit lässt sich nicht vertreiben“, sagt Strunk, „es ist besser, sie zu umarmen.“ Und selbst, wenn wir versuchen, Unsicherheiten auszumerzen – man denke an Angelina Jolie, die sich aus Angst vor Krebs die Brüste entfernen ließ –, wissen wir nie, inwieweit die versprochene Lösung, die angebotene Sicherheit wirklich funktioniert. „Wenn man nicht einmal das Wetter für zehn Tage vorhersagen kann, wie will man dann den Ausbruch einer Krankheit in 20 Jahren verhindern?“, gibt Strunk zu bedenken.

4: Einfach nicht übertreiben


Nun gibt es aber Menschen, die besonders gerne einen Plan haben und immer wieder schmerzhaft damit scheitern. Und wenn die Krise danach noch so ausweglos scheint, haben wir Menschen die Gabe, uns da wieder rauszubefördern und zu stabilisieren. Das unterscheidet uns von Maschinen oder Computern. Hilfreich dabei ist, Bewusstsein zu schaffen, für Dinge, die wir gerne mögen und die uns guttun, wenn es nicht so richtig läuft. Noch etwas Versöhnliches: Trotz allem ist ­Planen nicht übel. Es erleichtert das Leben und ermöglicht uns das Zusammenleben. Es hilft, die unmittelbare Zukunft zu gestalten. Nur: Wenn wir es damit übertreiben, ­verschließen wir uns den Blick auf andere Möglichkeiten. Auf andere mögliche Zukünfte.

Mittlerweile denkt Frau Oberplan anders. Wie viele wunderbare Begegnungen in meinem Leben hätte ich versäumt, wenn alles nach Plan verlaufen wäre? Und vor allem: wessen Plan eigentlich? Der einer damals 13-Jährigen mit frisch gefärbten roten Haaren, die davon träumt, mit einem Grunge-Rocker durchzubrennen? Oder einer 19-Jährigen, die, gerade dem gröbsten Sturm der Pubertät entkommen, vom biederen Haus am Land träumt? Ganz ehrlich, da muss ich dem Leben schon danken, dass es meine Pläne so oft durchkreuzt hat. Unser Leben ist so viel vielfältiger, als wir meinen, und hat mehr unentdeckte, überraschende Seiten, als wir uns je vorzustellen in der Lage sind – wenn wir nicht auf den ausgetretenen, markierten Wegen bleiben. Da halte ich es lieber mit Chaosforscher Guido Strunk, der sagt: „Wenn ich heute schon wüsste, was morgen kommt, bräuchte ich es nicht mehr erleben.“ Und das wäre ja wirklich schrecklich langweilig …

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