4 Mythen, die Frauen* über Sex und Körper erzählt werden

Und die uns daran hindern, unsere Körper und unsere Sexualität wirklich zu leben.

schwarz-weiß bild frau sieht in spiegel in richtung betrachter*in

Beim Sex darüber nachdenken, ob der Hintern gerade dick aussieht. Den Pups stundenlang unterdrücken, bis man Bauchweh hat, weil das vor dem neuen Freund* peinlich wäre. Und die lebenslange Hassliebe zu den eigenen Brüsten, weil es immer ein Paar davon gibt, die du schöner findest als deine.

Wer von uns kennt nicht mindestens eine dieser Situationen? Wir haben sie so oder ähnlich alle schon erlebt. Und sie sind keine individuellen Unsicherheiten, sondern wurden uns angelernt - danke, Patriarchat. Wir haben vier der Mythen, die uns über unsere Körper erzählt wurden und die uns letztlich daran hindern, eben diese so zu genießen, wie sie sind, gesammelt.

Mythos 1: Brüste sind von ungemeiner Wichtigkeit - und sie müssen einem bestimmten Bild entsprechen, um perfekt zu sein

Gleich zu Beginn: Nicht alle Frauen* haben Brüste, und nicht alle Menschen mit Brüsten sind Frauen*. Dieser Mythos trifft also ganz klar vor allem Transmenschen, aber auch jene, die eine Mastektomie, also die chirurgische Entfernung einer oder beider Brüste, hatten. Wenn das Frau*sein also direkt mit dem Vorhandensein von Brüsten verbunden wird, entsteht ein stressiges Umfeld für Frauen* mit Brustkrebs: Um ihr Leben nicht zu verlieren, geben sie einen Teil ihres Körpers auf - um in Folge durch diesen Eingriff ihr Geschlecht in Frage gestellt zu sehen.

Tatsache ist doch: Brüste - oder ihr Fehlen - sind gut, wie sie sind! Flach, hängend, spitz, ungleich groß: absolut richtig. Die Idee vom "perfekten Dekolleté" (groß, rund, rosa Nippel, nach vorne gerichtet und ohne Dehnungsstreifen) ist eine Mär, die wir nicht länger glauben sollten. Denn: Brüste zeigen mit dem Nippel nach unten, um Babys zu füttern. Dehnungsstreifen existieren auf Grund plötzlichen, schnellen Wachstums. Sichtbare Äderchen, Haare, Narben - all das gibt es, weil Brüste nun mal aus Haut sind. Und Brüste hängen früher oder später, Stichwort Schwerkraft. Die Tatsache, dass wir irgendetwas anderes als das von unseren Brüsten erwarten, ist das eigentliche Problem.

Mythos 2: Ein Orgasmus dient der Bestätigung und sieht immer aus wie in einem Porno

(Zusatz: Einem für Männer gemachten Porno.) Die Essenz gleich vorweg: Orgasmen sind super, egal wie du sie hast, und genauso normal ist es, keinen zu haben.

Für Menschen mit einer Vagina sind Orgasmen ja angeblich ein großes Mysterium: Über unser Vermögen (oder Unvermögen), einen Orgasmus zu bekommen, wird gerätselt wie über Rubiks Zauberwürfel. Weshalb viele Frauen* darüber nachdenken, was wohl "mit ihnen falsch läuft", weil ihre Partner*innen es komisch finden, wenn sie nicht zum Höhepunkt kommen.

Die Wahrheit ist doch: Wir haben ein sehr limitiertes Bild davon, wie ein Orgasmus "aussieht". Der schreiende, sich ins Leintuch krallende, out-of-space Orgasmus beim Penis-in-Vagina-Sex - kein Mythos, aber schlicht überrepräsentiert.
Die meisten Menschen mit einer Vagina kommen durch reine Penetration nicht zum Höhepunkt. Manche Menschen erleben den Orgasmus eher als kleine erregende Wellen als eine Explosion. Manche erleben multiple Orgasmen, andere wiederum Phasen, in denen sie gar nicht kommen. Manche Vaginas ejakulieren. Manche Menschen haben einfach keinen Orgasmus. Aber deshalb noch lange nicht fehlende sexuelle Befriedigung.

Mythos 3: Fett ist etwas Ekelhaftes, für das man sich schämen sollte

Jeder Mensch hat weiche Stellen, wir alle haben Fett an unserem Körper, das wir zum Überleben brauchen. Trotz dieser natürlichen Tatsache leben wir in einer Gesellschaft, die Fett verabscheut: Die Unterdrückung und Ausbeutung fetter Menschen ist ein Faktum, das sich durchs tägliche Leben genauso zieht wie durch Institutionen. In der Medizin etwa werden dicke Menschen schlechter behandelt, weil ihre Beschwerden auf ihre Körpergröße zurückgeführt werden.
In einer solchen Gesellschaft zu leben, führt dazu, dass wir mit einer Angst vor einer Gewichtszunahme aufwachsen. Wenig überraschend trifft das vor allem Menschen mit Eierstöcken: Die produzieren nämlich Östrogen, das Hormon, das die Fettspeicher des Körpers beeinflusst - an Hüften, am Hintern, an Oberschenkeln und an Brüsten.
Die Angst vor dem, was unser Körper also natürlicherweise tut, ist super für den Kapitalismus, siehe Beispiel Cellulite: Von Anfang bis Ende eine konstruierte Geschichte. Etwa 98 Prozent der Frauen* haben Cellulite an ihrem Körper. Denn sie ist nur ein weiterer Weg, wie Fett im Körper gelagert wird: sichtbar unter der Haut. Das ist ein natürliches, körperliches Phänomen - und doch wird uns dieses oder jenes als Heilmittel dafür bzw. dagegen verkauft.
Normale Körperfunktionen werden uns als Fehler, als Makel oder Krankheit verkauft. Wir wachsen damit auf, wir leben damit. Da überrascht es nicht, dass Frauen* auch deshalb nicht beim Sex zum Orgasmus kommen, weil sie zu sehr darüber nachdenken, wie sie aussehen.

Fett ist normal. Fett zu sein ist normal.

Mythos 4: Dein Körper ist nicht wirklich ein Körper - also sollte er auch nicht wie einer funktionieren

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Typen, der mit einer Frau Analsex hatte, und völlig fertig war, als sein Penis, nun ja, ein wenig schmutzig wieder auftauchte. Peinlich ist das dann vor allem für die Partnerin*. Oder die Frau*, die bei der Fellatio plötzlich einen Würgreflex bekam und sich übergeben musste.

Klar, das mögen unerwartete und schräge Momente während des Sex' sein, aber sie sind bei weitem nicht unnormal oder ungewöhnlich. Weil Körper manchmal eben solche Dinge tun: niesen, husten, sich übergeben, spucken, pupsen, menstruieren, weinen.

All die erwähnten Dinge wären für viele von uns peinlich, wenn sie mitten unterm Sex passieren. Aber es sind schlicht Körperfunktionen, die wir regelmäßig (manche sogar täglich!) erleben. Das Problem ist, dass Frauen* so tun sollen, als wäre dem nicht so.

Schuld daran ist die Vorstellung von Frauen* als das "schönere Geschlecht" sind. Diese Schönheit ist eingebettet in eine göttinnengleiche Reinheit - ein Konzept, das in der Geschichte als Synonym für Sauberkeit und das Fehlen körperlicher Bedürfnisse verwendet wurde. Es wird als tugendhaft angesehen, wenn Frauen* diese ihre Bedürfnisse, etwa nach Sex oder Essen, vermeiden oder unterdrücken, während Männern zugestanden wird, bei beidem der Völlerei zu frönen.
Wir können unsere Sexualität nicht authentisch leben, wenn wir mit uns mit unseren Körpern nicht wohlfühlen - sowohl damit, wie sie aussehen, als auch damit, wie sie funktionieren.

Die Autorin Virgie Tovar hat es so formuliert: "Wenn Frauen* beigebracht bekommen, sich für ihre Körper zu schämen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, sexuelles Vergnügen in vollem Umfang zu erleben - und ihre Fähigkeit, sexuelle Freiheit zu leben."

 

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