1939, Wien – Schanghai

Mit 13 Jahren flüchtete Robert Sokal von Österreich nach Schanghai, mit 82 blickt er zurück auf ein Leben im Exil. Und erzählt, wie er dadurch die Liebe des Lebens kennengelernt hat.

Knapp 70 Jahre liegt es zurück, dass mehr als 6.000 Juden von Österreich nach Schanghai geflüchtet sind. Einer von ihnen: der 13-jährige Robert Sokal aus Wien. Heute ist er 82 Jahre alt – und blickt zurück auf ein Leben im Exil. Und erzählt, wie er dadurch die Liebe des Lebens kennengelernt hat.

Redaktion Johanna Jenner Fotos Getty Images (1), Julie und Robert Sokal

Schanghai 1939. Dreizehn Jahre ist Robert Sokal alt, als er mit seinen Eltern chinesischen Boden betritt. Drei Wochen davor war die Familie am Wiener Südbahnhof. Mit zwei Koffern, zwei Hutschachteln und einem Chinesischbuch. Alle anderen Fluchtwege waren bereits versperrt. Nur noch diese eine, diese letzte Möglichkeit gibt es, um aus Europa rauszukommen: Schanghai. Mit dem Einlaufen des Schiffes in der fremden Hafenstadt gehören sie zu den rund 20.000 jüdischen Flüchtlingen, die Ende der Dreißigerjahre Zuflucht in der chinesischen Hafenstadt finden. Plötzlich stehen sie auf einem anderen Kontinent, sind in einer anderen Kultur. Mitten in einem völlig fremden Leben.

„Willkommen in Schanghai. Jetzt sind Sie nicht mehr Deutsche oder Österreicher, Rumänen oder Polen, jetzt sind Sie nur noch Juden“ – mit dieser Begrüßung wird die Familie am Hafen empfangen. Sie werden auf Lastwägen gekarrt und in ein Auffanglager für jüdische Flüchtlinge gebracht. Hunderte werden auf Feldbetten untergebracht. Es gibt weder Decken noch Polster, so dass die Reisetaschen als Kissen dienen. Auf Hinweisschildern wird vor Cholera, Malaria und Gelbsucht gewarnt. Nach Aufhebung der Quarantäne durchstreift die Familie die Stadt. Sie ist auf der Suche nach einer zukünftigen Bleibe. „Die Stadt war schmutzig und laut. Ich weiß noch, dass man sich hüten musste, dass man nicht von rotzenden und spuckenden Menschen getroffen wird“, erinnert sich Robert ­Sokal. Dass sie losziehen und sich nach einer Wohnung umsehen konnten, verdanken sie dem Mut der Mutter Klara. In einem alten Apparat für Darmspülungen und Einläufe versteckte sie noch in Wien eine 100-Pfund-Note, die anstandslos durch den Zoll gelangt. Ohne dieses Geld hätten sie das Flüchtlingsheim nicht verlassen können. Nie hätte sich Robert zu dem Zeitpunkt vorstellen können, dass er neun Jahre später, ganz in der Nähe des Lagers, seine Verlobung feiern würde – mit der Chinesin Julie.

In Hongkew, dem Emigrantenviertel der Stadt, mietet sich die Familie ein Haus, das einer Ruine gleicht. Aber bewohnbar ist. Besser als das Flüchtlingslager. Badezimmer gibt es keines. Die Toiletten in Schanghai sind anders als in der Heimat. Es ist eine hölzerne Tonne, die in eine Art Kommode eingebaut ist. Mit Deckel, aber ohne Spülung. Wohin der Inhalt verschwindet, erfährt Robert bald.

Ein Klosettmann macht jeden Morgen seine Runde und weckt mit heiseren Rufen die Bewohner. In seinem Karren sammelt er die Kübelinhalte ein. Der hölzerne Tank ist nicht richtig dicht und es tropft oft etwas auf die Straße. Kaum ist der Klosettmann durch, ist in der ganzen Straße das harsche Kratzen der Bambusbesen zu hören, mit denen die Frauen die Eimer säubern. Nicht nur mit Gestank müssen sich die Sokals anfreunden. Auch mit reichlich Ungeziefer. Wanzen, Fliegen, Mäuse. „ Die Eltern waren zuweilen deprimiert, aber sie wussten auch, dass Schanghai in jedem Fall besser war als Wien, wo die Juden bereits mit Zahnbürsten den Gehsteig reinigen mussten.“

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Wie die Familie sich in Schanghai durchschlägt und welche Hürden Robert Sokal überwinden muss, um die Liebe seines Lebens heiraten zu können, lesen Sie in Ihrer April-WIENERIN.

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Das jungverheiratete Paar Robert und Julie am Ufer des Lake Michigan in ihrer amerikanischen Heimat.

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