"15 Millionen Mädchen werden jährlich vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet"

Für Mädchen in 26 Ländern weltweit ist es wahrscheinlicher, verheiratet zu werden, als eine Schule zu besuchen.

Jährlich werden rund 15 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Für Mädchen in 26 Ländern weltweit ist es wahrscheinlicher, verheiratet zu werden, als eine Schule zu besuchen. Die gesundheitlichen, ökonomischen und sozialen Folgen der Kinderehe weltweit – auch in Österreich – sind enorm.

Julia Alfandari, Gender-Expertin bei CARE Österreich, sprach mit uns über die fatalen Folgen der Kinderehe.

Wie viele Mädchen weltweit sind von Kinderehen betroffen?

Julia Alfandari: 15 Millionen Mädchen werden jährlich vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Rund 700 Millionen Mädchen und Frauen leben heute mit den Konsequenzen, vor deren 18. Geburtstag verheiratet worden zu sein. Kinderheirat ist die am meisten verbreitete Form von sexuellem Missbrauch und Ausbeutung von Mädchen, obwohl auch Buben betroffen sein können. Die Ursachen sind vielfältig: Armut, humanitäre Krisen, soziale Normen, Mädchenhandel, Abhängigkeiten von der Mitgift.

Welche Folgen haben Kinderehen für die Gesellschaft - auch in Österreich?

Die Verheiratung wird von der Familie oft als Schutzmaßnahme betrachtet. Das trifft aber leider nicht immer zu: Wird ein Mädchen jung verheiratet, steigt auch ihr Risiko, Opfer von sexueller Gewalt zu werden. An die 120 Millionen Mädchen weltweit berichten, dass zu Geschlechtsverkehr oder sexuellen Handlungen gezwungen wurden. Gesundheitliche Risiken durch frühe Schwangerschaften und Krankheiten wie HIV/Aids gehen ebenfalls mit einer frühen Heirat einher. Das Risiko, bei der Geburt eines Kindes zu sterben, ist für Mädchen unter 15 Jahren fünfmal höher als für Frauen in ihren 20ern. Nicht zuletzt sind die verheirateten Mädchen - egal wo auf der Welt - von Schulbildung abgeschnitten, dürfen nicht erwerbstätig sein und sind an den Haushalt gefesselt.

Das Risiko, bei der Geburt eines Kindes zu sterben, ist für Mädchen unter 15 Jahren fünfmal höher als für Frauen in ihren 20ern.
Julia Alfandari

Welche Lösungsansätze gibt es, um Kinderehen abzuschaffen?

Es sind viele Faktoren, die zusammenspielen müssen, damit Kinderheirat reduziert werden kann: Der Zugang und die Qualität für Schulbildung müssen erhöht werden, Mädchen mit mehr Wissen und Informationen gestärkt werden. Auch die Eltern müssen mit einbezogen werden, es braucht wirtschaftliche Unterstützung für die Familien und die entsprechenden rechtlich-politischen Rahmenbedingungen. Um Kinderehe mit allen Gefahren und Risiken zu beseitigen, braucht es vor allem aber auch einen Bewusstseinswandel in den jeweiligen Ländern.

Welchen Beitrag kann Österreich dazu leisten, um Kinderehen ein Ende zu machen?

Auf der einen Seite einen finanziellen in Form von ausreichenden Mitteln für die Entwicklungszusammenarbeit. Denn Armut ist ein Hauptgrund für Kinderehen: Arme Familien, die aufgrund einer Krise ihr Land und ihr Zuhause verloren haben, sehen die Verheiratung ihrer Töchter oft als einzige Möglichkeit, ihre ökonomischen Probleme zu verringern. Außerdem braucht es politisches Engagement gegen Kinderehen und weibliche Genitalverstümmelung, Rehabilitation von Frauen mit Geburtsfisteln, sowie Prävention und Behandlung von HIV/AIDS - auch in entlegenen Regionen, Konfliktsituationen und/oder fragilen Staaten.

Die Verheiratung wird von der Familie oft als Schutzmaßnahme betrachtet. Das trifft aber leider nicht immer zu.
Julia Alfandari

Welcher Rechte werden Kinder beraubt, wenn sie früh verheiratet werden?

Kinderheirat stellt eine schwere Verletzung der Menschenrechte dar. Sie ist die am meisten verbreitete Form von sexuellem Missbrauch und Ausbeutung von Mädchen. Sie können meist ihre Schulbildung nicht fortsetzen und müssen sich von Familie und Freunden trennen. Sie dürfen nicht erwerbstätig sein und sind an den Haushalt gefesselt. Kinderheirat führt auch oft zu Zwangsarbeit. Früh verheiratete Mädchen und Buben werden also ihrer essentiellen Rechte beraubt: Ihrem Recht, Kinder bzw. Jugendliche zu sein sowie dem Recht auf Schutz, Wahrung ihrer Interessen sowie Bildung.

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