13 Lügen, die wir Buben nicht mehr über Sex erzählen dürfen

Und ein paar von den erwachsenen Jungs können hier auf jeden Fall auch noch was lernen.

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Während unsere Gesellschaft einen männlich dominierten (also Penis-zentrierten) Blick auf Sex propagiert, heißt das nicht automatisch, dass Männer es innerhalb dieses Duktus einfach haben. Buben wird beigebracht, dass "echte Männer" sexuell aggressiv sind, und die Auswirkungen toxischer Maskulinität leisten ihr Übriges dazu: Gleichmut und Ignoranz. Angst, Unsicherheit und Verwirrung in Sachen Sex zuzugeben wird mit einer "unmännlichen" Verletzlichkeit gleichgesetzt, die so gar nicht in die Macho-Porno-Welt passt.

Dieses Stigma rund um männliche Cis-Sexualität wird mit einem Anstieg riskanten Verhaltens, Gewalt und der Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten in Verbindung gebracht.

Schon allein deshalb und weil sexuelle Erziehung nicht bei der Bildung von Mädchen aufhören darf, braucht es seriöse, kompetente und klare Aufklärung in Sachen körperlicher Autonomie, Anatomie, Kommunikation und Konsens, vor allem für Buben. Ein Anfang: Das Aufklären folgender 13 Mythen über Jungs und Sex.

13 Sex-Lügen, die wir Jungs nicht mehr beibringen dürfen

1. Größe ist alles

Wenn es eine Sache gibt, die unsere Gesellschaft mit Männlichkeit assoziiert, dann ist es die Größe eines Penis. Also ist es kaum verwunderlich, dass so viele, vor allem pubertierende Buben, sich Sorgen um "ihre Größe" machen. Ebenfalls ein Grund dafür: Junge Männer halten zu oft an einem unrealistischen Standard fest, weil sie kaum erregierte Glieder außerhalb von Pornos sehen (und dort kommt noch vorteilhaftes Licht, Kamerawinkel und nicht zu selten Make-up dazu - ein wahrlich ungünstiger Anhaltspunkt für einen Vergleich).

Die Realität: Die Größe ist relevant - manchmal und für manche Leute. Aber sie ist keinesfalls alles. Vieles an den Vorlieben einer Person ist mehr soziale Prägung als tatsächliche körperliche Vorliebe. Menschen gibt's in alle möglichen Formen und Größen und was für das eine Paar passt, muss es noch lange nicht für andere tun. Viel wichtiger: sexuelle Anziehung und Chemie.

Und wo wir gerade dabei sind: Eine Vagina ist kein "Loch". Und sie leiert auch nicht aus.

2. Sex = Penetration

Das bekannte Narrativ von der Jungfräulichkeit, die durch Penis-in-Vagina-Penetration endet, greift aus vielen, vielen Gründen zu kurz. Angefangen beim Mythos Jungfernhäutchen bis hin zum Ignorieren von oralem und analem Sex, den Erfahrungen und der Sexualität von LGBTQIA+-Menschen und nicht zuletzt dem individuellen Verständnis von Intimität.
Sex ist so viel mehr als das bloße Zusammenstecken zweier bestimmter Körperteile.

3. Alle Männer haben Penisse

Viele der hier angesprochenen Punkte fokussieren auf die Anatomie und damit auf jene, die bei der Geburt auf Grund derer als männlich zugeordnet wurden. So sollen Themen angesprochen werden, die Buben oft nicht ausreichend ansprechen können.

Geschlechtsidentität ist nicht gleich biologisches Geschlecht. Die Identifikation als Mann wird nicht dadurch definiert, was zwischen den Beinen ist.

4. Als Bub kannst du nicht vergewaltigt werden

Vergewaltigung ist eines der am wenigsten angezeigten Verbrechen. Eine Studie aus den USA hat herausgefunden, dass es wahrscheinlich weit mehr männliche Vergewaltigungsopfer gibt als bisher angenommen: Bei 40.000 befragten Haushalten betrafen 38 Prozent der Vorfälle von Vergewaltigung und sexueller Gewalt Männer. Unabhängig von Statistiken ist das Negieren der Vergewaltigung von Männern unglaublich schmerzhaft für die Betroffenen.

Warum hält sich also der Glaube, dass Männer nicht vergewaltigt werden können? Unter anderem aus der Annahme, Männer würden immer Sex haben wollen. Die Opfer meinen, es stimme etwas mit ihnen nicht, weil sie den Angriff nicht wollten oder genossen haben.
Eine Erektion ist keine Zustimmung. Ungewollte Erregung ist bei allen Genitalien während eines sexuellen Übergriffes möglich.

5. Jungs brauchen keine HPV-Impfung

Obwohl das humane Papillomavirus (HPV) üblicherweise mit Frauen in Verbindung gebracht wird, sind Männer ebenso betroffen und können als Überträger das Virus an ihre weiblichen Partnerinnen weitergeben.

Die mittlerweile etablierte Impfung wird für alle Menschen zwischen 9 und 26 Jahren empfohlen und schützt vor unterschiedlichen Typen von HPV, die unter anderem für Feigwarzen oder Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind.

In Österreich ist die HPV-Impfung für alle Kinder zwischen 9 und 12 Jahren Teil des Impfprogramms (weitere Infos hier):

Die Impfung gegen Humane Papillomaviren ist im kostenfreien Impfprogramm für Mädchen und Buben ab dem vollendeten 9. Lebensjahr bis zum vollendeten 12. Lebensjahr enthalten. Die Impfung erfolgt auch im Rahmen von Schulimpfungen (vorzugsweise in der 4. Schulklasse). An den öffentlichen Impfstellen der Bundesländer gibt es für Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr Nachhol-Impfungen zum vergünstigten Selbstkostenpreis.

6. Pornos sind ein super Weg, etwas über Sex zu lernen

Unabhängig von der persönlichen Meinung über Pornos: Kinder werden früher oder später damit konfrontiert werden. Deshalb ist es so wichtig, zu kommunizieren, dass es Sex in Pornos nicht dem Sex im echten Leben entspricht. Angefangen bei der Darstellung von Praktiken, der Nicht-Darstellung von tatsächlicher Intimität bis hin zur Rollenverteilung zwischen den weiblichen und männlichen AkteurInnen. Wie bei jedem anderen Film arbeiten hier SchauspielerInnen, RegisseurInnen, Kameraleute und eine große Portion Übertreibung mit.

Um nur ein paar Beispiele an Porno-Mythen zu nennen: Der Großteil der Frauen kommt nicht allein durch Penetration zum Orgasmus, Männer produzieren nicht Unmengen an Litern Sperma, Genitalien sehen nicht alle gleich aus und Menschen haben tatsächlich Schamhaare.

7. Sex ist vorbei, wenn der Mann gekommen ist

Sex ist kein zielgerichtetes Work-Out und Orgasmen sind nicht alles - für Männer genauso wie für Frauen. Unbehagen durch "dicke Eier" hat noch niemanden umgebracht und der Weg ist wie so oft im Leben viel wichtiger als das Ziel.

Genauso wenig ist Sex keine Kopulation von Marathon-Dauer, wie es der Porno oder die Romantik-Komödie oft vorzeigen (das wäre im echten Leben wohl auch ziemlich schmerzhaft - oder langweilig). Gehen wir es mal aus der evolutionstheoretischen Sicht an: (Cis-)Männer wurden programmiert, schnell zu ejakulieren - in stressigen Situation sogar nocht schneller, das war wichtig für den Erhalt der menschlichen Population. Wenn Typen also über eine Stunde brauchen würden, um zu kommen, wären eben jene Population um einiges kleiner.

8. Hetero-Männer stehen nicht auf anale Praktiken

Für Frauen (danke, Porno!) sollte es idealerweise zum Standardrepertoire gehören, für Männer auf der anderen Seite ist es eines der größten exisitierenden Tabus: Sich beim Sex auch ihrer Kehrseite zu widmen, weckt bei vielen die Angst, als schwul zu gelten.
Wo sollen wir da anfangen? Dieser Glaube ist aus vielen Gründen dumm, der offensichtlichste ist: Es ist nichts falsch daran, homosexuell zu sein. Und nicht alle schwule Männer praktizieren analen Verkehr.
Welche Sexualität auch immer, die Prostata diskriminiert keine davon. Diese Walnuss-große Drüse, auch bekannt als der "männliche G-Punkt", befindet sich zwischen Penis und Blase und viele Männer - hetero wie schwul - finden die Stimulation derselben während des Sex als äußerst erregend.

9. Oraler und analer Verkehr sind sicherer als vaginaler Sex

Während oraler und analer Verkehr nicht in einer Schwangerschaft enden können und ersterer als jener mit dem geringsten Risiko einer HIV-Übertragung gilt, kann man über jede der Spielarten immer noch einen Haufen sexuell übertragbarer Krankheiten bekommen.
Unterschiedliche Praktiken bedeuten unterschiedliche Risiken, nicht notwendigerweise weniger. Der sicherste Sex ist jener, bei dem sich alle handelnden Personen regelmäßig testen lassen und, natürlich, Kondome verwenden.

10. Ein steifer Penis bedeutet immer, dass der Typ Lust auf Sex hast

Menschen mit Penis können aus unterschiedlichen Gründen eine Erektion bekommen, vor allem in der Pubertät. Spontane Erektionen können manchmal peinlich sein, sind aber immer normal und haben manchmal nichts damit zu tun, wie sehr jemand erregt ist.

11. Wenn sie nicht "nein" sagt, heißt das "ja"

Es existiert soviel Scham und Stigma rund um die Sexualität, das das Darüber-Reden unangenehm sein kann, vor allem, wenn man jung ist. Wir als Gesellschaft müssen darüber hinwegkommen, weil das die wichtigsten Gespräche sind, die wir führen.
Wir müssen allen Kindern beibringen, ihre Absichten klar zu kommunizieren und zu jeder Zeit die körperliche Autonomie anderer zu respektieren und zu wahren. Das beginnt, egal, welches Geschlecht, bei: Nein heißt Nein. Das Fehlen eines klaren Nein heißt auch Nein. Alkohol oder Kleidung beeinflussen das nicht. Und. Niemand "schuldet" jemand anderem Sex. Niemals.

12. Frauen (und ihre Genitalien) sind kompliziert und furchteinflößend

Entgegen der landläufigen Meinung ist der weibliche Orgasmus nicht das schwer fassbare, mystische Einhorn der Sexualität.
Kann es schwer sein für Frauen, zu kommen? Absolut. Aber Buben und Mädchen ständig zu erzählen, dass es eine Aufgabe von Herkules’schem Ausmaß ist, eine Frau zum Höhepunkt zu bringen, erreicht nichts Anderes als Angst und Scheitern.
Es wäre deshalb wichtig, zusätzlich zur Basic-Variante von Sexualkunde – der klinischen Erklärung, wie Babys entstehen – auch und vor allem darüber zu sprechen, wie bestimmte Körperteile funktionieren. Und weil jedeR von uns ein bisschen anders aussieht „da unten“, sollten wir Jugendlichen beibringen, dass es für eine erfüllende (und diese Erfüllung kann für jeden Menschen anders aussehen) Sexualität wichtig ist, seinem Gegenüber zu sagen, was man mag und nicht mag. Das übrigens ist eine Fähigkeit, die ihnen ihr ganzes Leben lang helfen wird, sowohl im Schlafzimmer als auch außerhalb davon.

13. Jungs dürfen nicht auf "die Richtige" für den ersten Sex warten

Weil der stereotype adoleszente Mann ständig Lust auf Sex hat, erwartet man, dass alle um einen herum „es tun“.
Kulturelle Normen diktieren Burschen, dass es gilt, so schnell wie möglich eine willige Person zu finden. Genauso wie viele Frauen Casual Sex mögen, gibt es viele Männer, die das nicht tun. Manche Männer wollen warten, andere fühlen sich sexuell nie zu anderen Menschen hingezogen.

Keinen Sex zu haben bedeutet nicht, „weniger Mann“ zu sein, denn: Du bist nicht die Zahl deiner SexpartnerInnen. Oder das Alter, in dem du zum ersten Mal Sex hattest. Es geht schlicht niemanden etwas an.

 

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