12-Stunden-Tag als Chance für Frauen? Das sagen die WIENERIN-Leserinnen dazu

Der 12-Stunden-Tag sei eine Chance für Frauen, ließ Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß verlauten. "So ein Mist", befand WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas in einem Kommentar. Und die WIENERIN-Leserinnen haben auch eine Meinung dazu.

"In welcher Blase leben Sie, liebe Frau Frauenministerin," fragte Barbara Haas, nachdem Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß den 12-Stunden-Tag als "große Chance für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf" pries und meinte, Frauen könnten die Digitalisierung nutzen und "im Home Office weiterarbeiten".

Nachlesen: "12-Stunden Tag für Frauen eine große Chance? So ein Mist" - Kommentar von Barbara Haas

Ebenjene Frauen, deren große Chance nach Meinung der Ministerin da gekommen zu sein scheint, haben sich die gleiche Frage gestellt. Unzählige Leserinnen der WIENERIN berichteten in den sozialen Netzwerken von ihren eigenen Erfahrungen und Gedanken zum 12-Stunden-Tag. Eine Auswahl.

Viele haben bereits Erfahrung mit 12-Stunden-Tagen und wissen, was das für ein Familienleben bedeuten kann

"Ich habe 38 Jahre im 12-Stunden-Schichtdienst in Tag- und Nachtschicht gearbeitet und so nebenbei zwei Kinder alleine groß gezogen. Es war kein Honiglecken und ich frag mich oft, wie ich das alles geschafft habe. Hab fast immer meine Bedürfnisse hintenan gestellt , denn meine Kinder kamen immer zuerst. Damals war es auch sehr schwer eine Kinderkrippe zu finden die ab 6 Uhr morgens geöffnet hatte. Und das schlechtes Gewissen hat mich meine ganze Mutterschaft begleitet."

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, sei jetzt schon nicht leicht

"Ich bin es bald leid, das Ganze zu kommentieren... Ich habe zwei Kinder (10 und 13 Jahre), bin in Vollzeit berufstätig und war lange Alleinerziehende. Der Spagat macht IMMER ein schlechtes Gewissen, beiden Seiten gegenüber. Das war bei Teilzeit, als die Kinder kleiner waren, so und ist es noch. WANN denkt man endlich daran, dass auch die Kinder unter der Situation leiden? Die haben suboptimale Nachmittagsbetreuung und abends eine überlastete, daher nicht mehr ausgeglichene, liebevolle Mutter. Aber mit 12-Stunden-Arbeitstagen wird‘s sicher besser. Da sieht man sich dann weniger und es gibt keine Streitereien mehr... Pfuuuhhh."

 

"Als meine Tochter noch klein war, wohnte ich als Alleinerziehende am Stadtrand in Niederösterreich. Ich hätte eine Kinderbetreuung von mindestens 8 bis 18 Uhr gebraucht, was es am Land schlichtweg nicht gab. Ich bin nach Wien gezogen und hatte für meine Tochter glücklicher Weise einen Kindergruppenplatz bei meinem Betrieb. Ich ging quasi mit ihr zur Arbeit und holte sie jedes Mal fünf Minuten zu spät ab. Jede Stunde mehr wäre ein absolutes No-Go gewesen und das längerfristig zu argumentieren schwer. Es war schon so nicht leicht."

 

"DANKE DANKE DANKE," schreibt auch Dr. Astrid Grohmann in einem Leserbrief. "Frau Barbara Haas schreibt das, was ich mir die ganze Zeit bei der 12h-Diskussion denke. Und ich bin eine promovierte, getrennt Erziehende (quasi halbe halbe) mit flexiblen Arbeitszeiten ohne Alimentzahlungen. Trotz meiner Arbeit- und Lebensbedingungen bleibt es ein täglicher Drahtseilakt. Ich kenne die Abreitsbedingungen von Menschen die in Hilsberufen arbeiten, die im Einzelhandel oder in der Produktion tätig sind, die 1,5h zum Arbeitsplatz fahren müssen und froh sind, dass sie wenigsten den haben, aber zum Führerschein reichts halt nicht. Die haben sicher die Nanny zuhause sitzen oder der Expapa oder die Exmama wird doch mal nebenbei flexibel einstpringen, wenn der Chef merkt dass sich das Arbeitspensum halt nicht ausgeht. Und Jobängste brauchen diese schon gar nicht zu haben, wenn sie drei Mal die Zusatazarbeitsleistung ablehen. Die Lehrer in der Schule werden bestimmt ein Auge zu drücken, wenn der Schüler der eh nur mit ach und krach die Schule schafft, halt dann die Test verhaut, weil die Mama/Papa ihm halt leider nicht mehr beim Lernen helfen konnte. Nur eine kleine Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft. Für Alleinerzieher halt noch mal ein Stück weiter gerückt...."

Und der versprochenen Flexibilität trauen viele nicht

"Eine Familie und auch Kinder brauchen einen regelmäßigen Rhythmus . Nachdem Kinder ja auch in die Schule oder in den Kindergarten müssen, ist es sowieso ein Blödsinn, wenn die Mutter nach zwei Zwölfstundentagen auf einmal mehr Zeit hat, in der sie sich erstmal regenerieren muss und den ganzen Schlamassel, der zu Hause liegen geblieben ist, wieder in Ordnung bringen muss. Familie braucht Regelmäßigkeit und zwar jeden Tag. Es wäre gescheiter, sich mal darum zu kümmern, dass etwa Mütter, die im Handel arbeiten, eine Betreuung für ihre Kinder finden. Sie arbeiten mit Öffnungszeiten bis 18.30 oder 19 Uhr, samstags bis 18 Uhr."

Andere können der geplanten Regelung durchaus etwas abgewinnen:

"Also ich sehs anders!" schreibt eine WIENERIN-Leserin. "Ich war immer alleinerziehende Mutter ohne Oma, hab immer viel gearbeitet und Verantwortung übernommen und für mich war es oft weit leichter mehrere Stunden im Block zu arbeiten und da eine Betreuung für mein Kind zu organisieren als immer nur für ein paar Stunden. (Ich rede da nicht nur von der Schule,sondern auch von politischen Aktivitäten am Nachmittag und Abend). D.h. ich hatte lieber lange Arbeitstage und dafür dann wieder Qualität in der Beziehung mit meinem Kind! Da der 12-Stundentag ja nicht Alltag sein wird, sondern nur der Flexibilität dienen soll, finde ich es als eine positive Errungenschaft! Nebenbei erwähnt sollte jede Frau, die daheim bleibt und für die Familie sorgen möchte (freiwillig!!), eine finanzielle Anerkennung vom Staat bekommen und auch eine kleine Pension für ihren Einsatz!"

 

Eine andere stimmt zu: "Ich bin Krankenschwester, arbeite 12 Stunden tagsüber bzw. nachts. Ich hatte keine Oma, die meine Kinder betreut hat und es ist sich trotzdem alles ausgegangen. Schon mal daran gedacht, dass sich durch 12-Stundendienste mehr freie Tage ergeben, an denen man ganz für Familie und Haushalt da sein kann?"

Aber nicht für jede hält diese positive Sichtweise dem Realitätscheck nicht stand

"Also hier auf dem Land geht es ohne Oma oder Opa nicht. Der Kindergarten hat hier in der Regel von 8-14 Uhr offen. Im Ausnahmefall bis 16:30. Dann ist spätestens Schluss. Wie soll man da eine 12-Stunden-Schicht schaffen? Tagesmutter... Klar, aber dann kommt man auf Betreuungskosten, die man sich nicht leisten kann. Und zahlen muss man auch für freie Tage. Ich hab 2 kleine Kinder und einen schulpflichtigen Sohn. Die monatlichen Kosten für die Betreuung betragen ca. 500 Euro. Und das "nur" bis 15 Uhr. Spätestens dann muss ich den Großen auch vom Bus holen, weil der Schulbus nicht zu uns fährt. [...] Oma gibt es keine, Freunde arbeiten selbst. Ich kenne tatsächlich eine 3-fach Mama, die Krankenschwester mit 12 Stunden Diensten ist. Sie hat eine Oma, zwei Opas, zwei Onkel und eine volljährige Tochter, die allesamt mobil sind und im gleichen Haus wohnen. Dann geht es, weil immer jemand da ist. Aber alleine... ausgeschlossen."

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