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Qualzucht: Warum man bei Tierbildern und Videos aus dem Netz immer genauer hinsehen sollte

von

Hundetrainerin Conny Sporrer über eines der größten Tabuthemen der Hundewelt, warum unser Facebook-Feed davon betroffen ist und was man dagegen tun kann.

Wienerin mit TierBlog von Conny Sporrer, Hundetrainerin(Wienerin)

Dies ist ein Blogbeitrag von Hundetrainerin Conny Sporrer

Wir leben in einer Zeit voller Fortschritt und Entwicklung, Weltoffenheit und unbegrenztem Wissenszugang. Dennoch gelten an vielen Stellen alte Werte, deren Sinnhaftigkeit polarisiert. 

Rasseideologien in der Hundezucht sind ein solches Thema. Sie gelten, vor allem nach äußeren Kriterien, bis heute als völlig normal. Neben der Funktionslosigkeit vieler optischer Merkmale gibt es aber noch eine ganz andere Seite die es kritisch zu beleuchten gilt: Nämlich jene, die den Opfern des Rassewahns Qualen, Krankheiten und Leiden bereitet…

 

Millionenfach werden in den sozialen Medien Bilder von Hunden geteilt, deren Zunge aus dem Maul hängt, weil sie leider aufgrund der züchterisch erwünschten Kurzköpfigkeit keinen Platz mehr im Hundemaul hat. Oder es werden Videos mit lustigen Sprüchen geteilt, in denen Hunde mit dem sogenannten Brachycephalensyndrom (Atemwegsprobleme aufgrund der Kurz-/Rundköpfigkeit) im Sitzen einschlafen und dabei immer wieder umfallen. Niemandem fällt dazu ein, dass diese Position oft die einzige Möglichkeit für diese Hunde ist, um gleichzeitig zu schlafen und atmen zu können, da nur so die Atemwege möglichst offen gehalten werden können.

Wie oft ich höre: "Ja, Möpse atmen so!". Ein Hund der beim Atmen Röchelgeräusche von sich gibt, kämpft mit jedem Atemzug um Luft. Wer sich das schwer vorstellen kann, soll nur einen Tag mit einer Wäscheklammer um die Nase verbringen und sich vorstellen wie es ist, als Hund bis zu 360 mal pro Minute schnüffeln zu wollen, es aber nicht zu können. Menschen atmen übrigens im Schnitt nur 12 mal pro Minute...

 

Die Wurzel allen Übels

Das Problem bezeichnet Dr. Irene Sommerfeld-Stur, Expertin für Genetik und Hundezucht, als eine "Kuriosität der Natur": "Die Knochen des Gesichtsschädels wachsen (Anm. bei kurzköpfigen Rassen wie Mops, französischer Bulldogge, Cavalier King Charles Spaniel und Co.) langsamer, die Weichteile, wie Haut, Schleimhaut Gaumensegel und Zuge wachsen normal weiter und sind daher in einem Ausmaß vorhanden, wie es für einen Schädel mit längerer Nase notwendig wäre. Der 'Überschuss' an Haut legt sich in äußere Falten, das Zuviel an Schleimhaut legt sich in innere Falten. Gemeinsam mit dem zu langen Gaumensegel führen diese Schleimhautfalten zu einer massiven Einengung der Atemwege. Verstärkt wird die damit verbundene Luftnot noch dadurch, dass die Nasenöffnungen nur einen schmalen Schlitz darstellen.“

Der Ulmer Tierarzt Ralph Rückert, beschreibt in einem seiner beliebten Blog-Beiträge "einen Moment, der ihm regelmäßig einen kalten Schauer den Rücken runterlaufen lässt". Nämlich jenen, wenn bei Operationen an Französischen Bulldoggen "und anderen Plattnasen" ein Tubus gesetzt wird, der ihnen das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl gibt, mühelos atmen zu können. 

 

Ich könnte leider noch seitenweise über die zahlreichen anderen Probleme der Rassehundezucht berichten, die von fragwürdigen "Schönheitsidealen" und Rasseideologien handeln. Neben den gesundheitlichen Auswirkungen, gibt es leider auch jede Menge Defizite in der Kommunikation unter Hunden, die ich in einem anderen Beitrag genauer erläutere. Letztendlich sollte aber klar sein, dass ein Hund dessen Gesicht schon im entspannten Zustand von unzähligen Falten geprägt ist, leider niemals die Möglichkeit haben wird, Mimik zu zeigen - geschweige denn von anderen Hunden richtig verstanden werden kann.

 

So schaut's aus!

Posted by Wienerin mit Tier on Sonntag, 8. Oktober 2017
 

 

Was tun?

Unser Tierschutzgesetz gibt seit einigen Jahren sogar einen "Qualzuchtparagraphen" vor: "Gegen das Gesetz verstößt, wer Züchtungen vornimmt, bei denen vorhersehbar ist, dass sie für das Tier oder dessen Nachkommen mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Angst verbunden sind (Qualzüchtungen) ... oder Tiere mit Qualzuchtmerkmalen importiert, erwirbt, vermittelt, weitergibt oder ausstellt…“ 

Alleine die Haltung solcher Hunde ist also gesetzlich verboten. Nun kennen wir aber alle den ein oder anderen Vierbeiner mit erwähnten Defiziten. Und natürlich kann auch die sofortige Euthanasie dieser Tiere keine Lösung sein. Vielmehr sollte im ersten Schritt einmal Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass mit bestimmten Rassen gewissermaßen immer kranke Tiere gekauft oder gezüchtet werden und dies per Gesetz schlicht verboten ist. Außerdem sollte dieses verschärft dafür gesorgt werden, dass ab sofort auch tatsächlich verboten wird, kranke und leidende Hunde in die Welt zu setzen. 

Würden einige Züchter, Formwertrichter und Rasseliebhaber den Mut besitzen, sich von alteingesessenen Rasseideologien und -standards zu verabschieden und wirklich Herz und Verstand für Hunde zeigen, ließe sich das Problem leicht lösen. Wenn auch an manchen Stellen mit der Erkenntnis, dass es einzelne Rassen dann in der altbekannten Variante nicht mehr geben kann...

Expertin Conny Sporrer

Nach ihrem 2-jährigen Hundetrainer-Studium bei Martin Rütter in Bonn, leitet Conny Sporrer nun seit über 4 Jahren gemeinsam mit ihrem Team ihre eigene Hundeschule nach der Philosophie des „Hundeprofis“ in Wien. Bei DOGS werden aber vor allem die Menschen im richtigen Umgang mit ihren Hunden trainiert – Verständnis und Beziehung zwischen Hund und Halter spielen dabei eine ganz wichtige Rolle. Mittlerweile ist Conny selbst Dozentin für das DOGS Studium und gefragte Referentin und Fachautorin rund ums Thema Hund. www.martinruetter.com/wien

Anmerkung der Redaktion: Auch bei Wienerin mit Tier gibt es Social-Media-Videos, Fotos und Sprüche von und mit kleinen, großen mutigen oder auch schüchternen Hunden. Wir versuchen bei der Auswahl unserer Videos allerdings immer darauf zu achten, dass das Tier respektvoll behandelt wird und glücklich mit der jeweiligen Situation ist.

 

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