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Wie viel müssen Frauen “aushalten”?

Wienerin mit KindArnika Zinke & Jelena Gučanin(Wienerin)

Wie viel müssen Frauen “aushalten”?

 

In den Erfahrungsberichten, die der WIENERIN.at-Redaktion per Mail oder anonym per Tellonym vorliegen, treten immer wieder ähnliche Verhaltensmuster auf, die Frauen während der Geburt zu Teil wurden. Sie sollen sich “doch nicht so anstellen”, heißt es. Zu “hysterisch” seien sie. Als Frau müsse “man das schon aushalten”. Keine Frage, eine Geburt ist kein “Kinderspiel” und das ist wohl jeder Frau bewusst, die kurz vor einer Geburt steht. Doch wie viel Schmerz muss frau ertragen? Und müssen Frauen diese Traumatisierungen einfach so hinnehmen?

 

Nein, erklärt Soziologin Christina Mundlos: “Gewalt traumatisiert und die Seelen und Körper der Mütter tragen oft für lange Zeit Wunden davon. Wir müssen als Gesellschaft diese Frauen und ihre körperlichen und seelischen Schmerzen ernst nehmen. #metoo hat gezeigt, dass es nach wie vor in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, dass Gewalt gegen Frauen verurteilt, verhindert und angeprangert wird”, so Mundlos.

 

Wie in der #metoo-Debatte, stellt sich auch hier die Frage: Müssen sich Frauen Geringschätzung, Respektlosigkeit, das Übergehen ihrer expliziten Wünsche, die verbale oder körperliche Gewalt gefallen lassen? Es gilt auch hier das System zu hinterfragen, Machtverhältnisse aufzudecken - und ja, auch Missstände zu entlarven. Missstände, die in den letzten Jahrzehnten unter dem Deckmantel des Tabus unter der Wahrnehmungsgrenze gebrodelt haben - und zwar nicht nur in Österreich, sondern weltweit.

 

"Frauen berichten von einem hohen Ausmaß an Respektlosigkeit und von missbräuchlichen Behandlungen während einer klinischen Geburt - und zwar in allen Regionen und Kulturen der Welt", so Dr. Princess Nothemba Simelela, die für die WHO im Bereich Familien, Frauen, Kinder und Jugendliche arbeitet. Simelela kritisiert, dass weltweit eine Diskrepanz über das Verständnis einer "guten Geburt" herrsche. Es ginge schließlich nicht nur darum, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, sondern auch darum, die Wünsche der Frau zu respektieren und ihr physisches und seelisches Wohl zu garantieren. Simelela berichtet, dass Frauen bei Geburten unter ärztlicher Betreuung entweder unter verfrühten medizinischen Interventionen litten oder andererseits zu spät ärztliche Unterstützung erhielten.

 

"Ich wimmerte vor Schmerzen, der Arzt meinte ich solle mich nicht so anstellen"

 

Auch Isabella* fühlte sich während der Geburt ihres ersten Kindes in einem Krankenhaus in vielerlei Hinsicht nicht ernst genommen. “Als Frau wird man im Kreißsaal einfach nicht wahrgenommen. Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche - als ob frau kein Mensch wäre. Dabei bräuchte es Menschen im Kreißsaal, die an die Kraft der Frauen glauben und sie dabei unterstützen. Leider wird man aber klein und mundtot gemacht - und frau wird in keinster Weise in Entscheidungen eingebunden, gefragt sowieso nicht”. Isabella berichtet, dass mehrere Maßnahmen, etwa das Legen eines Wehentropfs oder das Sprengen der Fruchtblase, während der Geburt ohne ihr Wissen oder gar Zustimmung erfolgten. Schließlich sei ihr Kind mit einer Saugglocke geholt worden, nachdem ihr Oberarzt nach einer Wehe “fast grinsend” attestiert hatte, “sie könne es eh nicht”. Mit ihren beträchtlichen Schmerzen fühlte sich Isabella alleingelassen.

 

“Ich wurde geschnitten und mein Damm riss zusätzlich stark ein. Das Nähen war die Hölle. Ich wimmerte vor Schmerzen, der Arzt meinte ich solle mich nicht so anstellen, ich habe eine Geburt hinter mir, da ist das ja ein Klacks. Komisch, dass Ärzte (Männer) das so gut beurteilen können. Für mich war jedenfalls das Nähen meiner Dammverletzungen viel, viel schlimmer zu ertragen als der Wehenschmerz!”. Seit ihrem traumatischen Erlebnis im Krankenhaus hat Isabella noch drei weitere Kinder bekommen. Zuhause, per Hausgeburt und mit einer Hebamme, der sie vollstes Vertrauen schenkt.

 

Wienerin

 

Aber ist eine Hausgeburt wirklich für alle Frauen eine Option? Sylvia Sedlak von der "Geburtsallianz" sagt: “Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Aber der Großteil aller Geburten kann ganz komplikationslos allein mit Hebammenbegleitung ausgeführt werden.” Eine weitere Alternative sei das Geburtshaus, sagt Hebamme Renate Mitterhuber. “Ich kann nur jeder Schwangeren eine 1:1 Betreuung wünschen, einen Vertrauensaufbau mit der Hebamme. Das ist aber natürlich eine finanzielle Sache.” 

 

In ihrem Bekanntenkreis ist die Betroffene Isabella mit dem Erlebten jedenfalls nicht allein. Sie habe bereits öfter von gewaltvollen Erfahrungen während der Geburt gehört, erzählt sie. So wie Isabella hoffen viele Frauen, deren Nachrichten die Redaktion dieser Tage erreichten, dass sich durch ihre Erzählungen etwas ändert. Dass ein Bewusstsein für ungewollte oder sogar gewalttätige Vorgänge geschaffen und damit das Tabu gebrochen wird.

 

Mit der Initiative “Roses Revolution” gibt es seit einigen Jahren eine weitere Aktion, die sich für mehr Aufmerksamkeit für Frauen, die Opfer von Gewalt im Kreißsaal wurden, einsetzt. Im Rahmen des “Roses Revolution Day” werden Frauen jährlich am 25. November dazu aufgerufen, Rosen an jenem Ort niederzulegen, an dem sie Gewalt erfahren haben. Auch in Österreich beteiligten sich in den vergangenen Jahren einige Frauen an der Aktion, die Beweisbilder von den mit Rosen beschmückten Krankenhausfluren werden anschließend auf der Facebook-Seite der Initiative hochgeladen.

  

*Name auf Wunsch der Betroffenen von der Redaktion geändert.

 

>> Weiterlesen auf Seite 3: "Was können werdende Mütter tun?"


Kommentare

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3 Kommentare
Gast: Gpk
17.05.2018 12:44

Warum Anonym?

Welche Ärzte und welche Spitäler waren das? Ich bin selbst in der 26SSW und solche Artikel nehmen mich wirklich mit. Natürlich wüsste ich auch gerne wo das passiert ist und wer dafür verantwortlich war. Diese Leute gehören an den Pranger gestellt und im Grund müsste man für deren Entlassung professionell lobbyieren.

Gast: Gast1
11.05.2018 20:35

Keine Gewalt erkennbar

In meinen Augen ist es etwas dramatisiert worden. Man sollte die Experten halt einfach walten, und schaltenlassen. Sie sind schliesslich vom Fach. Man bekommt ja so mit, dass die Patienten oftmals besser bescheit wissen als die Operateure selber. Ich denke auf hier ist es wieder mal uebersteigertes selbstempfinden, welches dramatisiert zu Papier gebracht wird. Nicht immer alles so eng sehen.

Antworten Gast: Rhabarber
15.05.2018 17:44

Re: Keine Gewalt erkennbar

Was zum Kuckuck hat es mit "Besserwissen" zu tun, wenn man respektlos behandelt wird, und wenn einem Schmerzen zugefügt werden? Der "Experte" kann noch so sehr "Experte" sein, er steckt nun mal nicht im Körper der Gebärenden.
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