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Gastbeitrag: "Ob es mir gefällt oder nicht, das ist mein Körper"

von

Nach der Geburt ihrer Tochter startete Menerva eine Revolution: Sie entschloss sich, sich selbst zu lieben. Auch die verhassten Schwangerschaftsstreifen.

Menerva Hammad Hotel Mama Blog

Wienerin mit KindMenerva Hammad, blog-hotelmama.com(Wienerin)

So sah er nun aus. Nach 12 Stunden vaginaler Geburt, einer Vorgeschichte mit Doppelkinn, Schwabbelschenkel und Hängebauch, hing er nun noch mehr, der Bauch. Nun ja, das Hängen war mir nicht neu, aber die Streifen. Sie waren violett und sahen aus, als hätte ich einen wilden Kampf mit einer großen Katze überlebt. Und nein, ich gehöre nicht zu jenen Frauen, die das Ganze wie „verdiente Tigerstreifen“ betrachten können. Ich sehe sie als das was sie sind: scheißhässlich! 

Vom Mama-Glow, Hängetitten und dem Verliebtsein ins Muttersein

Während der ersten acht Monate Schwangerschaft war ich schwerelos vom Mama-Glow überwältigt, habe mich gesund ernährt und war täglich schwimmen. Dass mir die Haare büschelweise ausgefallen sind war für mich kein großes Problem, ich trage in der Öffentlichkeit ein Kopftuch ( da soll mir noch einmal wer unterstellen, ich trage es aus Unterwerfung). Dass mir Augenringe aufpoppten und ich etwas von einem Panda hatte, kann man mit viel Fantasie auch noch süß finden. Dann aber kam der neunte Monat und der fühlte sich an wie ein ganzes Jahr. Dass ich nach der Geburt meiner Tochter keine Topfigur haben werde, das wusste ich. Ja, das war für mich kein Geheimnis. Und warum nicht? Weil ich nie eine Topfigur hatte. Ich bin das Mädchen, das immer ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hatte. Rückblickend hatte ich eine tolle Figur, aber nie im Moment. Niemals.

Da saß ich also im Krankenhaus, meine Tochter schlief noch erschöpft von der Geburt und ich starrte diesen kleinen Menschen liebevoll an. Sie war erst einen Tag jung und im Bett neben mir saß eine andere frischgebackene Mutter.  Ihre Mutter war Österreicherin, ihr Vater Türke. Was für Gene?! Helle Haut, tiefblaue Augen, wunderschönes, dunkles, langes, dichtes Haar und jetzt kommt's: Ein Tag nach der Geburt ihres Sohnes, flacher Bauch und nicht ein einziger verdammter Streifen - Madame ist Fitnesstrainerin. Dann bot sie mir auch noch Schokolade an und war zuckersüß zu mir- ich hasste sie! Total auf das Universum angefressen lag ich also im Bett und spielte mit meinen Hängetitten, die ich „Ernie und Bert“ taufte. Die Monate darauf war ich so in das Muttersein verliebt, dass mir keine Zeit blieb, um mich über meinen neuen Körper aufzuregen. Ich habe mich auch davor oft über ihn aufgeregt und geändert hatte es nichts. Wieso also jetzt?

 

Was bitteschön gefiel mir nicht an mir?

Als meine Tochter den sechsten Monat vollendete, fing ich wieder an zu schreiben. Sie konnte länger ohne mich bei ihrem Vater sein und ich konnte interessante Frauen für meinen Blog interviewen. Eine meiner Interviewpartnerinnen hatte mit Bulimie zu kämpfen. Eines Tages saß sie im Wohnzimmer und hörte Geräusche aus dem Badezimmer, erzählte sie mir. Es hörte sich so an, als würde sich jemand übergeben. Schnell rannte sie ins Badezimmer und sah, dass ihre vierjährige Tochter ihr nachmachte, indem sie sich die Finger in den Hals steckte. Das Mädchen dachte, es sei ein Spiel. Und die Mutter dachte, es sei ihr wohl behütetes Geheimnis. In diesem Moment und mitten im Interview brachen wir beide  in Tränen aus. Leise stellte ich fest: “Ich habe auch eine Tochter.“

Als ich zu Hause ankam schlief meine kleine Laila tief und fest. Ich zog mich aus und stellte mich nackt vor dem Spiegel. Ich starrte mich an. Was war es? Was bitteschön gefiel mir nicht? Ich stellte erstaunt fest: Es ist gar nicht mein Körper, der mich stört, sondern die Idee vom perfekten Körper. Ich habe ägyptische Wurzeln und dort gelten helle Mädchen als hübsch(er). Jeder dunkle Hautton wird als hässlich angesehen, es gibt sogar Unmengen an Aufhellungscremes dort unten. Hellere Augen und Haare gelten auch als elegant und schön, je dunkler, desto „schmutziger“ und unschöner. Meine Eltern vertreten diese Meinung nicht, haben mich auch nicht so erzogen. Meine Mutter hat türkische, englische, sudanesische und ägyptische Gene- sie ist sehr hell und von Natur aus fast blond. Mein Vater dagegen ist sehr dunkel. Ich musste mir oft von Verwandten anhören, dass ich „leider“ nicht die Schönheit meiner Mutter erbte, nicht so hell bin wie sie, auch keine zierliche Nase besitze, wie es „für eine Frau“ sein sollte. Ich mag meine Nase. Sie erinnert zwar an die Sphynx, aber ich mag sie. Nicht das Schönheitsideal muss sich ändern, sondern unsere Idee vom Idealen. Ideal ist, dass ich durch meine Nase gut atmen kann. Ideal ist, dass jeder Hautton als schön betrachtet wird und wir Menschen nicht in Farben einteilen.


Und da stand ich nun und betrachtete jedes einzelne Körperteil, das mir nicht gefiel, jede Locke, die ich fleißig glättete, jeden Streifen, den ich hasste. Ob es mir nun gefällt oder nicht, all das zusammen macht meinen Körper aus. Mein Körper ist nunmal mein Haus. Ich kann anfangen meinen dunklen Hautton zu lieben, dazu stehen, dass meine Locken nicht immer zu bändigen sind und, dass bei mir so manches hängt. Ich sollte mich aber vor allem auch bedanken. Dieser Körper verdient ein großes Dankeschön, weil er meine Tochter in- und ausgetragen hat. Der Körper, der mir nicht so gefällt, hätte sich fast halbiert, um mir meine Tochter zu schenken. Nicht nur das, mein Busen, der einmal prall und schön war, der hängt jetzt zwar, aber nur, weil er meine Tochter bis heute noch ernährt- klar geht man da auch einmal ein. Ich habe also realisiert, dass ich eine Tochter habe, die mir zusieht und ich möchte nicht, dass sie ihren Körper nicht mag. Ich möchte nicht, dass wie aufwächst, ohne ihren eigenen Körper zu lieben und sich darin wohlzufühlen. Aber vor allem soll sie nicht denken, dass es so etwas wie den idealen Körper gibt. Es gibt nur deine ideale Idee von dir. Es gab Epochen, da war Nahrung ein teures Gut, damals war jedes Kilo zu viel ideal. Heute könnten wir uns alle den Bauch vollschlagen und jedes Kilo weniger ist ideal. Am idealsten ist also, dass du dich verdammt noch einmal umarmst und dich endlich einmal gern hast.

 



Starte eine Revolution und lerne dich zu lieben!


Ich startete also eine Revolution. Aber nicht gegen den eigenen Körper, sondern für ihn. Nicht aus Hass, sondern aus Liebe. Nicht mein Körper muss verändert werden, sondern meine Idee von dem, was ein idealer Körper ist. Ein idealer Körper ist einer, in dem du glücklich lebst. Wie wirst du glücklich? Indem du lernst dich zu lieben. Dein wahres, nacktes Ich. Das ist ein Prozess, der dauert. Du brauchst viel Bewegung, um ihn bei Laune zu halten, Zeit, damit er reift, Akzeptanz, dass einiges eben so bleiben wird wie es nun ist, gute wie schlechte Tage, für das Gleichgewicht, lautes Lachen und den Glauben an dich selbst. Irgendwann wirst du für diese Arbeit belohnt werden und das Universum schickt dir dann auf seine Weise ein Zeichen, das du den richtigen Weg gegangen bist - deinetwillen.


Eines Tages saß ich kuschelnd mit meiner Laila da, sie stillend und mit ihr schmusend. Sie strich mit ihrem Finger die von mir gehassten Streifen am Bauch nach und sah dann hoch zu mir. So, als würde sie zu mir sagen:“Schau Mama, die habe ich für dich gemalt.“ Und auf einmal empfand ich sie gar nicht mehr als hässlich, sondern als einzigartige Zeichnungen meiner Tochter auf meiner Haut.

 

 

Über die Autorin

Menerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog "Hotel Mama". Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft & Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

Zum Blog: www.blog-hotelmama.com

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Video: "Wir alle haben unser Egalgewicht!"

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1 Kommentare
Gast: fitundgluecklich
21.08.2017 22:36

Selber Fitnesstrainerin

Ich bin selbst Fitnesstrainerin (und blogge sogar über das Thema Fit sein als Mama auf fitundgluecklich.net), kann deinen Worten aber nur zustimmen - es geht nämlich nicht darum, wie man aussieht, sondern wie man sich fühlt!! Man kann sich mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen als ein Victorias Secret Model ebenso wie mit einem trainierten, schlanken Körper gut fühlen - jedem das Seine, jeder so wie er sich wohl fühlt. Ich habe auch "Wachstumsstreifen", nämlich am Po und Oberschenkel, nicht von den Schwangerschaften, sondern aus der Pubertät. Ich habe auch als schlanke Fitnesstrainerin Cellulite. Und mein Bauch ist zwar recht schlank, es ist aber immer noch ein Spalt zwischen meinen Bauchmuskeln und der Bauch ist weich und schwabbelig. Und weißt du was? Es ist mir mittlerweile ziemlich egal! Denn auch ich habe eine Tochter, für dich ich gerade lerne, mich selbst zu lieben! Danke für deinen schönen Artikel Menerva!