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Gastbeitrag: "Ich dachte immer, dass das Muttersein Frauen eher zusammenbringt als auseinander"

von

Menerva Hammad ist Muslimin und Feministin. Auf ihrem Blog schreibt sie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede und warum Solidarität und Unterstützung für Frauen immer eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Menerva Hammad Hotel Mama Blog

Wienerin mit KindMenerva Hammad, blog-hotelmama.com(Wienerin)

Meine Tochter und ich waren in einem Bus in Wien, als ein anderes Kind anfing zu schreien. Die Mutter war komplett überfordert, als eine ältere Dame die Mutter anschrie: "Mehr als Kinder kriegen könnt ihr eh ned!" Sofort hatte diese Dame meine vollste Aufmerksamkeit: "Entschuldigen Sie bitte, was haben Sie da gesagt?"

 

Sie sah mich an und fuhr fort: "Ja, Sie haben schon richtig gehört, die Kopftuchfrauen kriegen hier Kinder, Kindergeld und das war es." Ich konnte den Zusammenhang nicht verstehen: "Was hat das Kopftuch damit zu tun? Bekommen nur Kopftuchträgerinnen Kinder und Kindergeld? Wieso Sind sie so gemein? Sie kennen die Dame gar nicht. Sie können doch nicht wildfremde Menschen anschreien, das tut man nicht." Die Dame sagte nichts. Es sah so aus, als sei sie peinlich berührt. Hatte ich ihr gerade einen Spiegel vorgehalten?

 

"Blede Gebärmaschine, schleichts eich!"

 

Die muslimische Dame bedankte sich bei mir, nannte es Zivilcourage und meinte:"Ich antworte gar nicht mehr, ich ignoriere das. Sie denken, wir könnten die Sprache nicht und ganz ehrlich, ich habe keine Lust zu streiten."

 

"Ich schon", dachte ich mir. Zwar nicht zu streiten, aber darauf mit den Leuten zu reden. Wie komme ich denn dazu, jemanden als Schmarotzer darzustellen, den ich nicht kenne. Ich habe die Geschichte am Abend meiner Freundin erzählt, die darüber lachte:"Das ist mir auch passiert. "'Blede Gebärmaschineeeeee, schleichts eiiiiiiich!' hat mir der Mann zugerufen. Das passiert andauernd, wenn du ein Kopftuch trägst, Schwarz bist, oder einfach nach Tschusch aussiehst- so wie wir halt. Es gibt eben solche und solche Menschen."

 

 

Ich war total schockiert. Rassistische Übergriffe kannte ich bisher auch schon, aber nicht für meine Weiblichkeit und vor allem nicht für mein Muttersein. Ich dachte immer, dass das Muttersein Frauen eher zusammenbringt, als auseinander. Ist das nicht eine Art Klub, der für alle Mütter gedacht ist, abgesehen von Herkunft, Hautfarbe, Religion etc? Ich dachte das jedenfalls. Ich dachte, es gäbe eine Art imaginären Frauenkodex, dass eine für alle steht und alle für eine. Ich dachte, dass wir einfach "Team Frauen" sind, bis mich die Tatsache schockierte, dass es Frauen gibt, die anderen Frauen den Feminismus und Freiheit absprechen, weil diese Sex-Worker sind, ein Kopftuch tragen, oder Schönheitsoperationen hinter sich haben.

 

Ich dachte immer, dass das Muttersein Frauen eher zusammenbringt, als auseinander.
Menerva Hammad

 

Ich kann nicht jeden davon überzeugen, dass ich kopftuchtragende Feministin bin, Wiener Grantlerin und ägyptisches Faultier. Ich kann nicht jeden davon überzeugen, dass wir Frauen mehr Gemeinsamkeiten haben, als Unterschiede. Ich weiß auch nicht, was die besten Methoden sind, um dein Kind schneller ins Bett zu kriegen und mit meinen beiden linken Händen, bekommst du von mir auch keine DIY-Tipps.

 

ABER: Ich habe seit einem Jahr ein virtuelles Zuhause für Frauen geschaffen, das alle Frauen willkommen heißt. Du darfst hier über das Mamasein meckern, mitschreiben, anonym, oder mit Namen. Ich zeige mit dem, was ich schreibe, dass es "die" Muslime nicht gibt, denn wir sind keine homogene Gruppe, sondern Individuen. Der Blog heißt jede willkommen, um in ein richtiges Multikulti-Life zu schnuppern, das mehr Life als Style bietet. Ich bin also eine kopftuchtragende Muslima, die eine feministische Lebensweise hat, hemmungslos über ihr loses Bindegewebe labert und nebenbei eine Kategorie ins Leben gerufen hat, die den Namen #Mamaste hat.

 

Hotel Mama-Blog: Das ist meine Idee

 

In den letzten 10 Jahren habe ich sehr interessante Frauen kennengelernt. In Interviews, Hammame, Friseurladen, Flugzeuge und andere dubiose Orte haben sie mir über ihre Leben erzählt. Mit Stolz und Ehre haben diese Platz auf dieser Plattform gefunden, die "Hotel Mama" heißt. Und nichts anderes ist es: Ein virtuelles Hotel. Ich bin nur die Gastgeberin, aber ohne die Unterstützung meiner LeserInnen, wäre mein Hotel kalt und leer.

 

 

Zugegeben: Als ich mit dem Blog anfing, hatte ich im Hinterkopf die Idee eines zweiten Einkommens, viele Follower und hoffte, dass es klappen würde. Seitdem ich aber Nachrichten bekomme mit Inhalten wie "Danke für diese kostbare Einsicht in dein Leben", oder "Ich finde dich sympathisch, kann mir aber das Leben mit Kopftuch nicht vorstellen. Trotzdem interessant das zu lesen, ich lese dich weiter", oder "Du sprichst mir aus der Seele", realisierte ich, dass ich keine Däumchen zähle, die sich bei mir auf der Seite häufen, sondern Menschen.

 

Menschen, die mir nicht folgen, sondern gespannt lesen, diskutieren, auch anderer Meinung sind und das ist mehr als okay. Mein Ziel ist es nicht, jemanden von etwas zu überzeugen, oder etwas schmackhaft zu machen, das einem nicht schmeckt, sondern einfach zu zeigen: So geht es auch.

 

Ich kann nicht zu jedem hinrennen und überzeugt erklären, wofür ich stehe und, dass es die meisten Stereotype, die man in der Zeitung liest, im Schatten stehen lässt, aber ich kann darüber schreiben. Ich kann dafür sorgen, dass es einen geschützten Kreis gibt, indem JEDE Frau willkommen ist. Auch, wenn es ein noch winziger Kreis ist, er wächst.

 

Ich werde die Welt nicht ändern, denn es wird immer Menschen geben, die andere aufgrund von Oberflächlichkeiten- wie Kleidung und was sie denken darunter zu sehen- verurteilen und in Schubladen stecken, aber ich möchte alle Frauen stark, unabhängig und vor allem vereint sehen, indem ich Vorurteile abbaue und meine kleine Sicht der Dinge in die Öffentlichkeit stelle.
Wieso? Weil ich ausnahmslos an alle Frauen glaube.

 

Über die Autorin

Menerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog "Hotel Mama". Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft & Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

Zum Blog: www.blog-hotelmama.com

Hotel Mama auf Facebook

Hotel Mama auf Instagram

 

Video: "Wir alle haben unser Egalgewicht!"

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