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Gastbeitrag: Die Welt mit Kinderaugen sehen

von

Und wie schwer es als Elternteil ist, sich darauf einzulassen, weiß Papa-Blogger Michael.

Die Welt mit Kinderaugen sehen

Wienerin mit KindMichael Winischhofer, papa-blog.at(Wienerin)

Scheinbar für jedes Lebens(wochen)alter gibt es das ideale Spielzeug. Ob das Kind dann auch wirklich damit spielt, wie es die Beschreibung verspricht, gleicht einer Lotterie. Mein Sohn inspiziert jedes neue Spielzeug genau, testet die Konsistenz, Fingerfertigkeit und hat es diese beiden Hürden geschafft, muss es noch mundtauglich sein. Nur wenige Artikel schaffen es in seine persönlichen Top 10, faszinieren ihn länger als einige Momente. Das machen dafür andere, alltägliche Dinge.

Die weiße Wand

Anfangs machte ich mir ja Sorgen. Samuel starrte im Alter von ca. vier Monaten so gerne unsere weißen Wände an. Oft frohlockte es ihm dabei ein Lächeln oder er fuchtelte wild begrüßend mit seiner Hand. Ich suchte den Fehler. Störte ihn die bei uns rare, bilderlose Fläche? Oder sah er seinen imaginären Freund? Oder äußerte er bereits seinen späteren Berufswunsch als Maler und Anstreicher? Nur wenige Wochen später hatte es ihm eine rote Figur, die an unserer Tür zum Abstellraum hing, angetan. Am Weg zum Wickeltisch musste stets ein Stopp eingelegt werden, um mit diesem Ding zu kommunizieren. Auch für mich war es in diesem Moment neu. Aber meine liebe Ehefrau bestätigte mir, dass dieses Mitbringsel ihrer Mutter aus Indien schon seit unserem Einzug vor rund zwei Jahren in unserer Wohnung eben an diesem Ort hängt.

Die Entdeckungen

Mit jeder Lebenswoche setzte Samuel seine Entdeckungsreise fort. Manchmal hatte es den Anschein, er würde seinen Kopf gleich um 360 Grad drehen wollen, so faszinierend fand er die für mich oft belanglosesten Dinge. Das konnten Bilder, Schilder oder eben auch Erwachsenen-Kram wie Handys, Fernbedienungen oder Brillen sein. Oder er streckte seine Hand empor und beobachte interessiert, wie er sie selbst zur Faust ballte. Zugegeben: Während einer Arbeitswoche tat ich mir schwer, seinen neuen Entdeckungen zu folgen. Abends in unserer, knappen Papa-Sohn-Quality-Time driftete ich immer wieder ab. Kaum schien Samuel beschäftigt, beschäftigte mich der Arbeitstag: Welche Themen sind im Büro noch zu klären, soll ich dieses Mail noch heute schicken oder reicht es auch morgen? Was steht am nächsten Tag im Terminkalender? Bis ich mich endlich darauf einließ bzw. einlassen musste, die Welt mit seinen Augen zu sehen.

Die Natur

Vor allem die Natur hatte es Samuel angetan. Beim ersten Windstoß kniff er noch die Augen erschrocken zusammen. Umgehend sorgten meine liebe Ehefrau und ich uns, dass ihm kalt war, er sich verkühlen könnte. Bis, ja bis wir entdeckten, dass er langsam seine großen Augen öffnete , um lachend die Brise zu genießen und die bewegenden Blätter der Bäume zu beobachten. Ganz ruhig saß ich mit meinem Sohn da und ließ ihn immer wieder den Wind spüren. Dieses Schauspiel setzten wir an einem der vielen Seen in Kärnten fort. Sitzend am Steg wusste Samuel zunächst nicht, was er zuerst beobachten sollte. Das bewegte Wasser mit seinen Fischen, oder die Enten, die über den See flogen, um gleich wieder zu landen. Sein Kopf drehte sich von rechts nach links, seine Hand füllte den staunenden, offenen Mund. Aber er saß vollkommen ruhig – was sonst ein Ding der Unmöglichkeit ist – auf meinem Schoß. Mir blieb nichts anderes übrig, als Gleiches zu tun. Ich saugte die Ruhe auf, entspannte, beobachtete meinen glücklichen Sohn. Das letzte Mal, als ich so stoisch ruhig gesessen bin, war wohl als Österreich bei der EURO ausgeschieden ist. Da war ich aber eher versteinert – aus Enttäuschung. Doch jetzt hatte es auch für mich etwas Beruhigendes. Ich hatte mich darauf eingelassen, die kleinen Dinge wieder zu schätzen.

 

Über den Autor

Michael Winischhofer berichtet auf www.papa-blog.at über die alltäglichen Herausforderungen eines Jung-Vaters. Sein Sohn Samuel kam Ende vergangenen Jahres auf die Welt, gemeinsam mit ihm und seiner Ehefrau lebt Michael in Wien.

 

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