< Zur Mobilversion wechseln >

Gastbeitrag: "Bekommt der Bub keine Komplexe mit der weibischen Frisur?"

von

Ein Bub mit langen Haaren und Zopf? Passt gar nicht nicht in die streng in Blau und Rosa getrennte Kinder-Geschlechterwelt! Bloggerin Katharina über dreiste Spielplatzgespräche und Erziehungsfragen.

www.katharinagustaf.com

Wienerin mit KindKatharina Schwenk/www.katharinagustaf.com(Wienerin)

Noch nie habe ich mir aus bunten Farben viel gemacht und schon gar nicht aus den klassischen Mädchenfarben wie Rosa oder Lila. In meinem Kleiderschrank (und meinem restlichen Leben) finden sich also seit jeher Farben wie Grau, Schwarz, Weiß oder Beige, denn abgesehen davon, dass ich nie eine besonders große Freundin von Farbe war, widerstrebt es mir, mich in Farben zu kleiden, die einem bestimmten Geschlecht zugewiesen werden.

Habe ich mir darüber allerdings bereits als Jugendliche und junge Erwachsene einige Gedanken gemacht, so nahm das Thema mit Anfang meiner Schwangerschaft ungeahnte Formen an!

Als ich nämlich – in etwa im vierten Monat schwanger - zum ersten Mal ein Geschäft, auf der Suche nach Utensilien und Kleidung für den erwarteten Sprössling betrat, wurde mir beinahe schlecht.

Schwangerschaftsübelkeit im Babymodengeschäft

Abgesehen von ein paar wenigen Dingen in Pastell-Gelb und Grau tat sich vor mir ein Meer an hellblauen und blassrosa Stramplern auf, daskein Ende zu nehmen schien. Wo auch immer ich hinging: Alles war Rosa und Blau.

Bis dato war ich mir absolut nicht im Klaren darüber gewesen, wie tief verankert konservative Geschlechtermerkmale in unserer Gesellschaft immer noch sind und dass anscheinend bereits zwei Wochen alte Würmchen mittels mit Autos oder Prinzessinnen bedruckten Kleidungsstücken in ihre zukünftigen Rollen gewiesen werden müssen.

Vielleicht spielt hier auch die Gefahr eine Rolle, dass man das Kind eventuell geschlechtermäßig in den ersten Monaten nicht zuordnen würde können, trüge es nicht ein pinkes Tutu mit passender Schleife am haarlosen Kopf.

"Ist's ein Mäderl oder ein Bub?"

Und wer will sich schon einer der freundlichen alten Damen im Park erklären müssen, dass das Mädchen halt noch keine Haare hat, aber bestimmt bis zur Hochzeit welche bekommen wird?

Ich für meinen Teil würde dies allerdings mit Freuden tun und brauchte bestimmt einige weitere Wochen, um mich von dem süßlichen Geschmack zu erholen, den der Besuch auf der rosa-blauen Babykleiderwolke in meinem Mund hinterlassen hatte.

Von da an war das Thema ständig präsent und wird es immer mehr, desto älter mein Sohn wird.

Nie hätte ich erwartet, dass Bekannte oder FreundInnen verwundert sein könnten, dass ich mich für eine geschlechtsneutrale Kinderzimmereinrichtung entscheide, oder dass Wildfremde sich ein Urteil erlauben würden über den Haarschnitt meines Zweijährigen.

Doch genau das ist passiert.

Vielleicht einmal vorweg, mein Sohn hat (genau wie ich und sein Vater) sehr dichtes, schnell wachsendes Haar und nach gefühlt 100, mehr oder weniger erfolgreichen, Versuchen diese zu schneiden beschloss ich aufzugeben: Haare 1, ich 0.

Seit gut einem halben Jahr lassen wir die Haare also wachsen wie sie wollen und sie sind daher – wer hätte das gedacht – lang.

Wow, wer hat sowas schon gesehen, ein Bub mit langen Haaren!

Klar, dass viele annehmen, es könnte sich eventuell bei meinem Kind um ein Mädchen handeln (sehen nicht alle Kleinkinder irgendwie aus wie Mädchen, wenn wir ganz ehrlich sind?), ist irgendwie verständlich, nicht aber jedoch der schockierte und mitleidige Ausdruck im Gesicht der meisten, wenn ich sie berichtige und ihnen mitteile, dass es sich um einen Jungen handelt. Und schon gar nicht die Reaktion eines Vaters, den wir kürzlich am Spielplatz trafen.

„Wie alt ist denn die Kleine?“ – Nicht das erste Mal, dass für uns ein Spielplatz-Plausch mit diesem Satz beginnt.

„Er ist zwei.“

Der Mann sieht erst verwirrt aus und sagt dann: „Ein Bub? Bekommt der keine Komplexe mit der weibischen Frisur?“

Jetzt sehe ich verwirrt aus. Im Ernst? Komplexe? Und was bitte sehr ist eine "weibische Frisur"?

Semi-schlagfertig antworte ich: „Ähm, wer weiß, jetzt vielleicht schon.“ 

Wie kann es bloß sein, dass ein wildfremder Mann denkt, er dürfe sich ein Urteil über das Äußere meines Kindes erlauben? Und ist es im Jahr 2017 tatsächlich noch so eine große Sache, wenn ein Junge lange Haare hat?

Anscheinend ja.

Wie geht man als Eltern mit Geschlechter-Stereotypen um?

Vielleicht ist es sogar mehr als das, denn gerade was die Kleinen angeht, scheinen Geschlechter-Stereotypen noch tief verwurzelt und immer öfter stelle ich mir die Frage: Wie gehe ich damit um?

Ist es sinnvoll sich über ignorante Mitmenschen immer wieder zu ärgern oder ist ‚drüber stehen’ und lächeln die bessere Variante?

Wahrscheinlich schaffe ich beides nicht zu 100 Prozent und muss mich – wie so oft im Leben – mit einem Kompromiss abgeben.

Auch wer, noch so besonnen ist muss sich manchmal ärgern und das ist gut so! Denn wenn niemals jemand sich Gedanken über die Sinnhaftigkeit und Zeitmäßigkeit konservativer Ansichten macht und diese in Frage stellt dann bewegt sich einfach nichts.

Frei nach dem Motto „Nothing changes, if nothing changes“ ist der Ärger über blöde Kommentare à la "weibischer Haarschnitt" also angebracht!

Doch auch wenn ich ab und an toben könnte vor Wut, macht es mir Hoffnung, dass uns eine neue Generation bereits dicht auf den Fersen ist, die hoffentlich endlich aufräumt mit Vorurteilen und veralteten Klischees!

Auch wenn das wohl noch etwas dauern wird, sehe ich täglich meinen langhaarigen, geschlechterneutral gekleideten Sohn sowohl mit seinen Autos als auch mit dem Puppenwagen spielen und bin bester Dinge, dass er später einen Unterschied machen wird!

 

 

Über die Autorin

www.katharinagustaf.com www.katharinagustaf.com

Mein Name ist Katharina.
Ich bin kreative Chaotin, Bloggerin und stolze Single-Mama vom kleinen Fynn! Nach einem fünf Jahre langen Ausflug ins schönen Antwerpen nennen wir nun wieder Wien unser Zuhause.

Das Leben explodiert in unserem kleinen Heim jeden Tag und darüber berichte ich auf meinem Blog.

Mehr Geschichten auf Katharinas Blog www.katharinagustaf.com

 

Video: Die besten Übungen gegen verspannte Schultern - nicht nur für junge Mamas

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
DDAANNII
31.05.2017 14:43

Jungs sollten einfach kurze Haare haben!

Mich würde das voll nerven, wenn alle immer glauben und sagen, dass mein Sohn wie ein Mädchen ausschaut. Und das tut er ja wirklich mit den langen Haaren. Also: Abschneiden lassen. Ist doch gar nicht so schwierig!
Ich bin übrigens selbst Mutter von einem Sohn und einem Mädchen.