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Gastbeitrag: "Mamas, seid egoistisch!"

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"Genieß es! Wenn das Baby erst mal da ist, hast du eh keine Zeit mehr dafür!" - Ein Ratschlag, den viele Schwangere viel zu oft hören, findet WIENERIN mit Kind-Userin Andrea. Und rät viel mehr dazu, auch als Mama, nicht auf sich selbst zu vergessen!

Mutter mit Kind

Wienerin mit KindAndrea P.(Wienerin)

Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, war da ein furchteinflössender Satz, der mich die ganze Schwangerschaft hindurch begleitet hat. Egal, wo ich war oder was ich tat, die eindringliche Warnung kam mit bestimmter Regelmäßigkeit: „Genieß es noch, solange du kannst – wenn das Baby erst mal da ist, dreht sich alles nur mehr um das Kind!“ Die angekündigte Selbstaufgabe kam in unterschiedlichen Formen daher: Wie nichts mehr wichtig sein würde außer mein Kind, wie sehr ich mein baby-freies Leben vergessen würde, wie ich nie – oder zumindest nicht die nächsten 18 Jahre – den Genüssen eines Lebens ohne Kinder frönen würde können. Es sah danach aus, als würde mein eigenes Leben – oder alles darin, was über die grundsätzliche Instandhaltung hinausging – in dem Moment komplett verschwinden, aus dem mein Baby das Licht der Welt erblickt. Denn offensichtlich ist es nicht erlaubt, an sich selbst zu denken, wenn man Mutter ist.

Jetzt, nach drei Kindern und sechs Jahren Mama-Erfahrung, kann ich eines mit Sicherheit sagen: So ein Schwachsinn. Egoistisch zu sein ist der beste Erziehungstipp, den ich jungen Eltern und vor allem jungen Müttern gebe - und an den ich mich selbst immer wieder erinnere.

Es gibt nichts, was mit solcher Sicherheit die Freude und den Spaß aus der Mutterrolle zieht, wie das Gefühl, es gäbe kein „ich“ mehr, sobald es „Mama“ gibt. Meine Kinder sind ein großer, wunderschöner Teil meines Lebens und meiner Identität, aber sie sind nicht das Ende, das Ein und Alles, und das sollten sie auch nicht sein. Ich bin immer noch dieselbe Person wie vor meiner ersten Schwangerschaft, und meiner Meinung nach sollte es möglich sein, das Muttersein in diese Person einfließen zu lassen, nicht umgekehrt.

 

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Muttersein verlangt Opfer - aber das sollte man nicht selbst sein

Natürlich verlangt Elternschaft einige Opfer. Natürlich würde ich alles tun, damit es meinen Kindern gut geht. Aber das bedeutet nicht, dass ich alles aufgebe, was oberhalb der Überlebensgrenze liegt, also mehr als einmal die Woche duschen und schnell einen Schokoriegel auf dem Klo essen, damit ich keinen ganzen Nervenzusammenbruch kriege. Ich war an diesem Punkt. Und ich habe gemerkt, dass das nicht funktioniert.

Viel zu oft habe ich mich irgendwann, wenn nichts mehr ging, weinend auf dem Klo versteckt, um mich dann erst recht schlecht zu fühlen, weil ich offenbar nicht die beste Mutter für meine Kinder sein konnte. Ich habe versucht, mir einzureden, dass das normal sei. Dass ein Leben mit Kindern bedeutet, alles aufzugeben. Wenn du einmal Mutter bist, kannst du nicht an dich denken. Das hatte mir doch schließlich jeder gesagt. An meinem schlimmsten Punkt hat mich dieser Glaube in einen nicht enden wollenden Kreis einer Wochenbettdepression geschickt. Ich habe über ein Jahr gebraucht, um einen Weg herauszufinden. Und auch an diesem Punkt habe ich noch nicht gesehen, dass es keine bessere Mutter aus mir macht, wenn ich zu einer Märtyrerin ohne eigenes Leben, ohne eigene Interessen, ohne eigene Identität außerhalb meiner Rolle als Mutter werde. Sondern eher eine schlechtere.

 

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Kein schlechtes Gewissen mehr

Ich musste mich um mich selbst kümmern, und zwar nicht nur soweit, um für meine Kinder wieder zu „funktionieren“, sondern um mich als ganze, vollwertige und wertvolle Person fühlen zu können. An mich selbst zu denken, auch mal egoistisch zu sein, ist keine furchtbare Eigenschaft, die mich zu einer „schlechteren“ Mutter macht. Für mich war es das Geheimnis, um eine Mutter werden zu können, die diese Rolle auch genießt. Ich wünschte, ich hätte das viel früher gelernt.

Als ich meine Kinder das erste Mal für ein paar Tage alleine ließ, um Zeit für mich selbst zu haben, zerriss es mir vor lauter Schuldgefühlen beinahe den Magen. Ich fuhr an einen Ort, an dem mich niemand kannte. Dort wusste niemand, dass ich überhaupt Kinder habe. Ich blieb lange auf, nahm mir nicht nur einen der riesigen Schoko-Brownies zum Kaffee, machte einfach so untertags ein Nickerchen, ich verbrachte den Nachmittag in einer Hängematte, ohne mich einen Zentimeter zu bewegen, und schrieb Tagebuch, nur für mich, für mich ganz alleine.

Als ich nach Hause zurückkam, war ich eine glücklichere und aufmerksamere Mutter. Es war nicht nur, dass die Distanz mich meine Kinder natürlich vermissen ließ und unser Band dadurch stärker wurde. Ich hatte mich endlich getraut, etwas für mich zu tun, ich hatte meine Batterien aufgeladen und fühlte mich zum ersten Mal seit Jahren wirklich bereit für meine Mutterrolle.

Nach diesem Trip habe ich beschlossen, dass Egoismus nichts ist, was man besonders als Mutter unter allen Umständen vermeiden muss, oder weshalb man sich von anderen als schreckliche Mutter abstempeln lassen sollte. Dieser Egoismus war etwas, dass ich brauchte, um mich komplett zu fühlen. Es hat etwas gedauert, mich daran zu gewöhnen, aber ich schäme mich nicht dafür, eine egoistische Mutter zu sein. Es macht mich glücklicher, gesunder und stärker und zu jener Mutter, die ich für meine Kinder sein möchte.

 

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