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Powerdressing: Intelligente Frauen interessieren sich nicht für Mode? Von wegen!

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Warum hält sich dieses Klischee so hartnäckig, wo Kleidung doch so viel mehr als bloße Hülle ist? Die WIENERIN geht dieser Frage auf den Grund.

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TrendsKatharina Reményi(Wienerin)

Den Zuschlag bekam sie bei 60.000 Dollar. So viel war ihr ein Mittagessen mit dem mittlerweile verstorbenen Modeschöpfer Oscar de la Renta wert. Aus seinen Kollektionen liegen unter anderem Kaschmircardigans in unzähligen Farben in ihrem begehbaren Schrank, der übrigens größer ist als jener von Carrie Bradshaw; und sie nennt wahrscheinlich sogar mehr Schuhe ihr Eigen. Ein Modepüppchen also?

Die Frau, von der hier die Rede ist, ist jedenfalls kein bekannter Name aus der Front Row, der durch die Mode-und Gesellschaftsgazetten geistert, vielmehr kennt man sie aus Publikationen wie der New York Times oder Forbes. Ihr Name ist Marissa Mayer und sie war bis vor kurzem CEO von Yahoo. Echt jetzt? Und die beschäftigt sich in ihrer Position mit Mode? Ja, leidenschaftlich! Die US-Vogue bezeichnete sie einmal als "außergewöhnlich stylishen Geek".

Mode zum Machtausbau

Die 42-Jährige ist aber nur einer der Beweise dafür, dass sich Mode und Erfolg, Stil und Intellekt nicht ausschließen. Und Marissa Mayer ist nicht die erste Frau in einer Machtposition, die ihren Spaß an schönen Schuhen, Schnitten und Silhouetten auslebt. Da gibt es etwa ein prominentes Beispiel aus der Geschichte, keine Geringere als Queen Elizabeth I. von England. Sie wusste die Mode sogar zum Ausbau ihrer Macht zu nutzen.

Die deutsche Modehistorikerin Barbara Vinken sagt über sie: "Als 'Rainbow Queen' stellte sie sich als alles beherrschende Zierde des Kosmos dar, der die Welt zu Füßen lag." Je größer ihr Einfluss wurde, desto größer und reicher verziert waren auch ihre Kleider. Sie hinterließ 6.000 Roben und ihre Regentschaft ging als das Goldene Zeitalter in die britische Geschichte ein.

Mode: Oberflächlich und nicht tiefgründig genug

Zu ihrer Zeit machten aber auch die Männer keinen Hehl aus ihrem Interesse für die schönen Dinge des Lebens. Das änderte sich erst Jahrhunderte später, wie Barbara Vinken erklärt: "Seit der Französischen Revolution, grob gesprochen, trennt die Mode nicht mehr die Stände oder Klassen, sondern die Geschlechter. Nie haben sich Männer und Frauen unterschiedlicher angezogen als im 19. Jahrhundert. Mode wurde Synonym für das Weibliche, ja Weibische. Frauen, die wie Männer ernst genommen werden wollten, durften auf gar keinen Fall Modenarren sein." Und sie ergänzt: "Männer, die ernst genommen werden wollten, übrigens auch nicht."

Eine Einschätzung, die auch die Wiener Soziologin Eva Flicker teilt: "Kleidung wird mit etwas Oberflächlichem und nicht mit etwas Tiefgründigem, Sinnstiftendem oder sozial Reflektiertem assoziiert. Ich glaube, dass es auch modebewusste Männer schwer haben, wenn nicht noch schwerer als Frauen, weil ja immer noch geschlechterstereotype Zuschreibungen wirksam werden. Frauen werden ja in allen Berufen, egal mit wie viel Macht oder politischem Einfluss ihre Arbeit ausgestattet ist, an ihrem Äußeren gemessen und bewertet. Daran ist die Gesellschaft gewöhnt."

Ist das ein Popstar? Nein, Theresa May!

Und hier haben wir das Dilemma. Gesellschaftliche Stereotype tragen offenbar einen wesentlichen Anteil an dem Glauben, dass, wer sich mit Form und Farbe am Körper beschäftigt, nicht das gebührende Interesse an den wirklich wichtigen Dingen des Lebens hat. Doch zum Glück wurde das noch nie in einen Stein oder Schnittbogen gemeißelt. Schon gar nicht bei denen, die Mode mit Lust und Selbstbewusstsein tragen. Wer glaubt, dass eine Frau, die in Overkneestiefeln wie Pretty Woman und einem schrill gemusterten Mantel zur Audienz bei der Königin von England erscheint, ein Popstar sein muss, irrt sich. Die Rede ist von der britischen Premierministerin Theresa May, die mit Leopardenmuster an ihren Füßen ihr Amt angetreten hat oder in groß karierten modischen Hosenanzügen von Vivienne Westwood ihre Reden vor dem Parlament hält.

Apropos Hosenanzüge: Diese Zweiteiler gelten immer noch für viele als die einzig wahre Uniform, mit der eine Karriere etwa als Anwältin oder in einem anderen männerdominierten Beruf klappen kann. Zurückgenommen, dunkel, bloß nicht zu auffällig, um das viel beschriebene Kopfkino der männlichen Kollegen nicht in Gang zu bringen? Als Antwort darauf nur zwei Namen: Amal Clooney, die als Menschenrechtsanwältin Vorträge in einem zitronengelben Kleid vor der UNO hält, und Michelle Obama, die sich vor ihrer Zeit als First Lady ebenfalls als feminin angezogene Rechtswissenschaftlerin vor amerikanischen Gerichten einen mehr als guten Ruf erarbeitet hatte. Modisch? Schuldig im Sinne der Anklage! Oder wie Theresa May es ausdrückt: "Ich bin eine Frau, ich mag Mode. Es ist wichtig, dass man als Frau heute in allen möglichen Branchen, in der Politik, in der Wirtschaft man selbst sein darf und damit beweist, dass man gleichzeitig klug sein und sich für Kleider interessieren kann."

 

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Eine ähnliche Einstellung vertrat übrigens schon ihre Vorgängerin Margaret Thatcher, die 1985 in einem Interview mit der Vogue sagte: "Ich bin leidenschaftlich an Mode interessiert. Sie bringt nur Freude. Einerseits, weil jemand, der gut angezogen ist, jedem Freude macht, und außerdem bringt sie Jobs."

Michelle Obama, die weltweit als Stilikone gefeiert wird und als Role Model für junge Mädchen und Frauen gilt, drückt es einfacher aus: "Ich sehe in den Spiegel und frage mich als Erstes: Sehe ich gut aus?"

Eine Charakterfrage

Aber noch einmal kurz zurück zu den Hosenanzügen. Denn selbst was heute gemeinhin als adäquate Garderobe für Frauen an Konferenztischen gilt, musste sich seinen Weg erobern. So war es etwa für viele ein Skandal, als die deutsche Sozialdemokratin Lenelotte von Bothmer im Jahr 1970 in einem Hosenanzug vor dem Bundestag auftrat. Es wurde damals als Verletzung der Würde des Hauses gesehen. Für Barbara Vinken ist es eine Frage der Entwicklung, wie Schnitte, Muster oder Farben in der Gesellschaft wahrgenommen werden: "Der Charakter eines Kleidungsstückes ist nicht von Anfang an festgeschrieben, er wird vielmehr mit der Zeit verfestigt. Und er kann sich auch wieder verlieren oder umbesetzt werden." Als Beispiel nennt sie etwa "die Streifen, die Jean Paul Gaultier als Hommage an Coco Chanel trug und die wir alle mittlerweile tragen. Die galten schließlich einst als Teufelszeug."

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Gut, heute würde wirklich niemand mehr annehmen, dass man in einem Streifenshirt nicht klar denken kann. Theresa May liebt sogar Leopardenmuster und hat nicht nur für Barbara Vinken das Zeug, die gängigen Vorurteile gegenüber der Mode zu entkräften: "Hoffen wir das Beste! Dafür müssen wir aber alle von der Vorstellung loskommen, dass unsere Kleidung nur eines ausdrücken darf: dass wir nämlich Wichtigeres im Kopf haben als die Kleider, an die wir keinen Gedanken verschwenden." Herausforderung angenommen!

 

 

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