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Schönheitsideale : Covermodel & Durchschnittsfrau – Meinungsmache der Medien

von

Wie durchschnittlich kann ein Covermodel sein? Wie viel Covermodel steckt in jeder von uns? Und wer ist eigentlich diese Durchschnittsfrau? Wienerin-Chefredakteurin Barbara Haas über die Frage der Schönheit in den Medien.

ModeBarbara Haas(Wienerin)

Gerade laufen bei der WIENERIN wieder die Votings für unseren Covermodel-Contest. Einmal im Jahr heben wir eine WIENERIN-Leserin aufs Cover. Machen sie damit zum Star. Ein Modefotograf fotografiert das Shooting, eine Visagistin schminkt sie wie ein Top-Model, sie trägt Fashion-Teile wie sonst nur Lagerfeld Muse Cara Delevingne. Die WIENERIN ruft ganz bewusst Frauen auf, die „ihre Lachfalten lieben“, mindestens Kleidergröße 36 tragen und älter als 25 Jahre sind.

Wir führen Interviews mit den Kandidatinnen, wollen ihre ganz persönliche Geschichte, etwas von ihrem Leben hören, setzen auf Persönlichkeit und Haltung. Das ist unsere Haltung zum Thema Covermodel, es ist eine aufrechte, feministische und ganzheitliche Haltung zum Thema Schönheit. Und ich als Chefredakteurin mit Lachfalten (und natürlich auch schon einigen anderen) bin sehr stolz darauf, dass es dieses Casting genauso gibt. Ich finde, es ein sympathisches und richtiges Zeichen in einer Glamour-Welt, die von Hungermodels geprägt ist und in der sich junge Mädchen an „gephotoshopten“ Bildern ein Vorbild nehmen. Aber: Auch die WIENERIN macht das nur einmal im Jahr. Auf den restlichen elf Covers sind Profi-Models, die oft zu dünn und manchmal sehr jung sind.

Verlogene Medienwelt?

Macht uns das zum Teil einer verlogenen Medien- und Schönheitsindustrie? Ja, ich denke schon.  Zumindest ein bisschen. Es ist ein sehr schmaler Grat, auf dem wir uns hier als Frauen-Lifestyle-Magazin bewegen. Oder besser auf dem wir schwanken, denn ein ganz energisches Richtig oder Falsch ist nicht so leicht festzumachen. Dünn ist nicht immer krank, mollig nicht immer gesund. Und Schönheit ist insgesamt ein sehr relativer Begriff.

Letztes Jahr etwa stand Wien im Zentrum der Weltöffentlichkeit, der weltweit größte Musikwettbewerb wurde in der Bundeshauptstadt ausgetragen – der Eurovision Song Contest. Und möglich gemacht hat das eine Frau mit Bart, eine Frau, die ein Mann ist. Mit einer unglaublichen Stimme, aber auch einer einzigartigen Ausstrahlung. Conchita Wurst hat mit ihrer ganz eigenen Schönheit etwas ermöglicht, das in Österreich über Jahrzehnte als vollständig unmöglich galt

Trotzdem musste und muss sie sich via social media viel Spott und herablassende Kommentare gefallen lassen. Mehr noch: Sie musste sogar mit Morddrohungen umgehen lernen, denn ihre Schönheit und ihre Haltung gepaart mit einem außergewöhnlichen gesanglichen Talent hat viele kalt erwischt. Hat Toleranzfähigkeit auf die Probe gestellt und tolerant zu sein ist für Menschen schwer. Vor allem, weil man mit dem Internet so herrlich anonym dieser Toleranzschwäche nachgeben kann. Conchita Wurst weiß, dass Toleranz schwer ist und tut das einzig Richtige. Sie bleibt ein in sich ruhender, schöner Mensch mit ihrem persönlichen Fokus.

Die Durchschnittsfrau gibt es nicht

Schönheit ist also nicht nur eine ästhetische Frage, sondern auch eine humanistische. Deshalb irritiert mich der Titel dieses Textes  - den ich nicht selbst gewählt habe - auch ein bisschen, denn der Begriff „Durchschnittsfrau“ ist eine Bewertung. Noch dazu eine, die tendenziell in Richtung Abwertung geht. Vor allem, wenn das Wortpaar „Covermodel & Durchschnittsfrau“ heißt. Keine Frau, die ich kenne oder im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe, würde sich als Durchschnittsfrau bezeichnen. Dafür lieben und leben wir alle unsere Individualität zu sehr.

Eine Durchschnittsfrau kann so gesehen eigentlich nur eine in Zahlen gegossene Frau sein, vielleicht eine für die Statistik Austria. Eine, die diese mysteriösen 1,43 Kinder bekommt. Also keine echte Frau. Und das ist auch jener Punkt, an dem ich noch einmal zu den Medien und ihrer, also meiner Arbeit, kommen möchte. Denn so wie es keine Durchschnittsfrau gibt, gibt es auch kein Covermodel – in echt. Sie ist eine Projektionsfläche. Eine, die mit teils bizarren Vorstellungen von Weiblichkeit, Vollkommenheit und eben auch Schönheit vollgepflasterte ist. Diese Projektionsflächen gibt es allerdings schon sehr lange. Marilyn Monroe, Romy Schneider, Sophia Loren – sie alle galten in ihrer Zeit als idealisierte, verzerrte Frauenbilder, die unter diesem Druck teilweise sehr gelitten haben.


Zuerst der Inhalt, dann die Form

Die Frage ist aber: Kann man diesen Wunsch nach weiblichen Vorbildern, nach Projektionsflächen, nach Idealen, verstehen? Ich denke doch. Aber: Kann man daneben auch versuchen, Frauen zu stärken, sie zu fördern in all den anderen tausend Fassetten, die nicht „covertauglich“ sind? Ihr Selbstbewusstsein, ihre Haltung in der Berufswelt, beim Chef, beim Elternsprechtag fördern? Ja, davon bin ich überzeugt. Nicht, weil ich denke, dass Frauen so schwach sind, sondern weil die von Männern geprägte Gesellschaft Frauen über viele Jahrhunderte einzig und allein als „Covermodel“ gesehen und bewertet hat. Diese Bewertung täglich ein bisschen aufzubrechen, sehe ich als journalistischen Auftrag - vor allem in einem Magazin wie der WIENERIN. Dass man dafür aber manchmal weiter, als nur bis zum Cover und dem Covermodel schauen muss, ist unausweichlich. Denn auch ein Magazin ist nicht nur Hülle, sondern auch und vor allem Inhalt. Wie jede Frau, wie jeder Mann, wie jeder Mensch.

 

Aktuell sucht die WIENERIN wieder ein Covermodel unter ihren Leserinnen. Wenn auch Sie bald vom WIENERIN-Cover lächeln möchten, bewerben Sie sich hier.

 

Über diesen Text

Barbara Haas, Chefredakteurin der WIENERIN, hat diesen Text im Rahmen der Aktion "Halt! Gewalt!" verfasst.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter www.haltgewalt.at.

 

 

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