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Sexprobleme: Beim Sex ist niemand Durchschnitt: Warum wir beim Sex nie versagen können

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Sexprobleme gibt es nicht, sie werden uns eingeredet – nicht selten von uns selbst. Das behauptet jedenfalls die australische Sexualtherapeutin Dr. Sandra Pertot. Ein Interview über die Frage, was eigentlich „normal“ ist im Bett und warum es verdammt gut tut, „anders“ zu sein.

Sexred.(Wienerin)

Sind wir alle Versager im Bett? Sandra Pertot, Autorin des Sexratgeber-Bestsellers "Perfectly normal", erklärt, warum wir trotzdem in die „Normal“-Falle tappen – und wie wir uns daraus befreien können.

 

Liest man die Statistik, könnte man sich gleich die Kugel geben. Die Hälfte aller Frauen und rund 30 Prozent aller Männer sind überzeugt, dass sie ein Problem mit dem Sex haben. Eine von drei glaubt, sie hätte weniger Lust, als sie haben müsste. Und einer von vier meint, dass er nicht so lange kann, wie er können sollte. Sind wir also alle Versager im Bett?

Sandra Pertot: Setzt man seinen Verstand ein, gibt’s nur eine Antwort: natürlich nicht. Dass ein Großteil der Bevölkerung sexuell inadäquat sein soll – da kann was nicht stimmen. Also drehen wir’s um. Und dann sieht die Sache schon anders aus. Und zwar so: Das, was als „normal“ gehandelt wird, ist inadäquat. Denn: Unsere Gesellschaft definiert zu rigide, wie guter Sex, Lust und Leidenschaft zu (er)leben sind. Ob in Büchern, Filmen, im Internet – überall wird meist nur eine Art von Intimität proklamiert: heißer, leidenschaftlicher, von einem gemeinsamen Orgasmus gekrönter Koitus, der bitte mehrmals die Woche stattzufinden hat. Diese Definition will uns glauben machen, dass wir im Bett alle dasselbe wollen, können, sollen. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass wir uns hinsichtlich sexueller Bedürfnisse genauso unterscheiden wie in puncto Größe, Intelligenz oder Lieblingsspeisen. Klingt logisch, oder? 

 

Wir sind besser aufgeklärt als noch unsere Eltern, wir wussten noch nie so viel über Sex. Und trotzdem lassen wir uns von Zahlen verunsichern, denenzufolge wir nur dann normal sind, wenn wir 2,2-mal pro Woche mit dem Liebsten in die Kiste steigen. Warum?

Das ist alles menschlich. Man stellt Vergleiche mit anderen an, um sich bestätigt zu fühlen. Auch in der Sexualität braucht man diese Rückversicherung. Doch da klappt das leider nicht. Jeder ist sexuell individuell, also anders als der Partner oder die Freunde, mit denen man spricht. Das verunsichert. Beinahe täglich Studien vorgesetzt zu bekommen, die abbilden, was ‚normal‘ ist, trägt ein Übriges bei. Dabei bilden Statistiken nur Durchschnittswerte ab. Sie zeigen nie die ganze Bandbreite des sexuellen Erlebens. Ein Orgasmus ist und bleibt ein Orgasmus, auch wenn er auf einer Skala von eins bis zehn nur im Mittelfeld liegt. Ich hatte unzählige Frauen in meiner Praxis, die dachten, sie könnten nicht kommen. Als ihnen klar wurde, dass das angenehme Kribbeln, das sie sehr wohl erleben, ein Höhepunkt ist, fielen sie aus allen Wolken.

 

Eine Vielzahl sexueller Probleme sind also gar keine, sondern werden nur dafür gehalten?

Ja. In meiner Praxis habe ich viele Paare erlebt, die glaubten, sie hätten Sex-Probleme. In den meisten Fällen lagen aber weder psychologische noch physiologische Störungen vor. Sicher, es gibt Erektionsstörungen oder Scheidentrockenheit, Schmerzen beim Koitus oder vorzeitigen Samenerguss. Doch bei den meisten stand vor allem die ‚Ich weiche von der Norm ab‘-Sorge zwischen ihnen. Der Zweifel an der eigenen Sexualität oder an der des Partners zerstört auf Dauer Lust und Leidenschaft.

 

Dass zwei Menschen im Bett haargenau dasselbe wollen – das gibt’s nicht. Was ihn erregt, lässt sie vielleicht kalt.
Dr. Sandra Pertot

 

Und wie steuert man dem entgegen?

Man muss sich ein für alle Mal darüber klar werden: Dass zwei Menschen im Bett haargenau dasselbe wollen – das gibt’s nicht. Was ihn erregt, lässt sie vielleicht kalt. Wir müssen anfangen, diese Unterschiede als Normalität anzuerkennen. Es kann nicht sein, dass wir über Menschen richten, die nicht „durchschnittlich“ lieben – weil sie Oralsex nicht mögen oder nur bei der Selbstbefriedigung einen Orgasmus haben. Wir müssen Wege finden, alle Bedürfnisse zu integrieren und nicht etwas in die Norm zu trimmen. Das ist keine einfache Übung, selbst Experten fällt das schwer. Ich kenne Fälle von Paaren, die beim Therapeuten saßen, weil einer viel öfter Sex wollte als der andere. Diese Paare wurden zwar darüber aufgeklärt, dass sich die Libido unterscheidet. Doch der größte Druck in der Therapie lag meist auf dem Partner mit der geringeren Lust. Es wurde an seinem Sexdrive gearbeitet, statt einen Kompromiss zu finden.

 

Wenn sich schon Experten schwer tun mit sexuellen Unterschieden, wie geht es dann den Paaren damit?

In vielen Fällen: mehr schlecht als recht. Viele Paare sehen in unterschiedlichen Bedürfnissen keine Bereicherung, sondern ein Problem, das es zu lösen gilt. Und wenn das nicht gelingt – weil Gleichheit nun einmal keine Lösung ist und auch nicht klappt, ohne dass sich ein Partner massiv verbiegen muss –, erschüttert das die Basis der Beziehung. Weil wir alle insgeheim glauben, dass, wenn uns unser Partner wirklich liebt, er doch nach demselben streben muss wie wir.

 

Ich hatte unzählige Frauen in meiner Praxis, die dachten, sie könnten nicht kommen. Als ihnen klar wurde, dass das angenehme Kribbeln, das sie sehr wohl erleben, ein Höhepunkt ist, fielen sie aus allen Wolken.
Dr. Sandra Pertot

 

Warum ist es für uns so schwer, sexuelle Unterschiede zu akzeptieren?

Abgesehen von den erwähnten gesellschaftlichen Normen, gibt es viele Faktoren, die nicht nur das Akzeptieren, sondern bereits das Verstehen erschweren. Männer und Frauen haben rein biologisch eine unterschiedliche Beziehung zum Thema Sexualität, die das andere Geschlecht kaum nachvollziehen kann. Nur ein Beispiel: Jungen erleben mit der Pubertät ganz automatisch Erregung, Erektion und Ejakulation. Sie brauchen nicht lange, um zu entdecken, wie sie ihre Sexualorgane stimulieren können. Mädchen dagegen erleben das sexuelle Erwachen in Zusammenhang mit Menstruation und vielleicht sogar Regelschmerzen – eine nicht gerade positive Verbindung. Zudem sind die weiblichen Genitalien kaum so gebaut, dass sie ihrer Besitzerin verraten, wie man ihnen einen Orgasmus entlockt. Doch Selbstbefriedigung spielt eine wichtige Rolle bei der sexuellen Entwicklung, zum Beispiel beim Entdecken der eigenen Bedürfnisse und wie sie erfüllt werden können. Jungs sind da einfach im Vorteil.

 

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Welche Rolle spielt die Erziehung?

Nach wie vor eine große. Die Rollenklischees weichen zwar auf, aber es gilt oft noch: Mädchen dürfen Gefühle zeigen, ihre Sexualität aber nicht offen zur Schau stellen. Buben dagegen lernen, dass Kuscheln etwas für Weicheier und (Mannes-)Kraft etwas Erstrebenswertes ist. Was dazu führt, dass Männer nach einem harten Tag nicht nach einer Umarmung fragen, aber durchaus Sex haben wollen, um ihre emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie gehen ins Bett, um sich gut zu fühlen. Frauen dagegen müssen sich gut fühlen, um ins Bett zu gehen. Sie deuten seine Lust nicht als Suche nach Nähe. Oft hört man Klagen wie „Es geht ihm gar nicht um mich, er will nur meinen Körper“.

 

Werden sich die Geschlechter jemals (im Bett) verstehen?

Natürlich. Viele Paare haben das ja bereits geschafft. Denen, die sich in ihren sexuellen Bedürfnissen nicht so gravierend unterscheiden, fällt das sicher leichter. Aber auch wenn zwei Menschen völlig verschiedene Libido-Typen sind, können Sie ein befriedigendes Sexualleben haben. Sie müssen nur lernen, ihre Verschiedenheit als etwas Bereicherndes anzunehmen. Wichtig ist, dass der Teufelskreis der Missverständnisse, der sich oft aus sexueller Unterschiedlichkeit der Partner ergibt, so früh wie möglich durchbrochen wird. Liebe kann am Lieben zerbrechen, ja. Aber sie muss es nicht. Liebende, die lernen, die Sexualität ihres Partners wertzuschätzen und sich ihrer eigenen Intimität sicher sind, können viel Frust vermeiden.

 

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