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Sadomaso: Das Spiel um Macht und Ohnmacht

von

Dominanz, Unterwerfung, Sadismus und Schmerzlust: Ist SM ein therapeutischer Segen für unsere Schlafzimmer?

Domina Sadomaso

SexGigi Halder(Wienerin)

Mode-Designer lassen sich von Latex-Klamotten inspirieren. In Fernsehen und Internet zeigen erfahrene Dominas Fesseltechniken. Bondage-Workshops versprechen Pärchen Abwechslung im Ehealltag. Launige Lifestyle-Sexperten reden über die "neue Lust an Dominanz und Unterwerfung" und raten der emanzipierten Frau von Welt: "Der Weg zu mehr Spaß im Bett: Fesselspielchen!" Mit zuckerlrosa Plüschhandschellen aus dem Designershop oder dem schicken Hermès-Schal. SM-light für Einsteiger. Gleichzeitig weckt der Gedanke an Sadomasochismus oft Assoziationen mit düsteren Sexshops, in deren Extrazimmern Gas- und Latexmasken sowie bizarre Folterutensilien mit Anleitung zum effektiven Quälen für Albträume sorgen. Dennoch: Ein absolutes Tabu ist Sadomasochismus nicht mehr. In der Öffentlichkeit wird mit der Ästhetik und den Codes der Szene gespielt, kokettiert - und dabei nicht geringe Verwirrung gestiftet.

"Es gibt da den von diversen Lifestylegurus propagierten, an den Sadomasochismus angelehnten ,Alltagskick für die moderne Frau', wie luststeigernde Fesselspiele. Gleichzeitig existiert eine ,Szene' aus Menschen, die ihre ausgeprägte sexuelle Vorliebe zu einer sozialen Identität stilisieren. Sadomasochismus selbst kennt unterschiedliche Varianten, die sich überschneiden können, aber nicht müssen, und nicht unbedingt mit dem Zufügen oder Ertragen von Schmerz zu tun haben", klärt Alltagskulturforscher Dr. Wolfgang Pauser auf. "Viele Menschen kennen nur die überzeichneten Bilder aus dem Fernsehen, die mit der gelebten Realität meist wenig zu tun haben."

Was bleibt, ist eine prickelnde Mischung aus Faszination und Abscheu. Eine Ahnung von der Lust an Kontrolle und der Sehnsucht nach totaler Auslieferung. Und die Angst vor unkontrollierter Hingabe und gewalttätigen Entgleisungen. "Diese Angst ist unbegründet", meint dazu Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer: "SM ist eine sexuelle bzw. auch über das Sexuelle in den normalen Alltags- und Lebensbereich hinausreichende Spielform, bei der niemals etwas gegen den Willen einer Person geschieht. Gewalt hat in diesem Zusammenhang keinen Platz. Man spricht nur dann von Gewalt, wenn einem Individuum ohne dessen Einverständnis psychischer oder physischer Schaden zugefügt wird."

Szene-Insider Alexander, 42, seit seinem 16. Lebensjahr dominant, ergänzt: "Ich denke, in einer normalen Ehe gibt es viel mehr Unfreiwilliges - weil man sich an Traditionen hält; oder weil eine Frau finanziell abhängig ist; oder weil der Mann seine Frau nicht verlieren will. In der SM-Szene, wo von vornherein klar ist, dass es um so heikle Dinge wie Macht und Gewalt geht, sind die Menschen viel vorsichtiger im Umgang damit."

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Sex und Aggression

Fest steht jedenfalls: Sex ist - auch bei "NormalbürgerInnen" - eine Mischung aus verschiedenen Trieben, und auch der Aggressionstrieb spielt immer - auch bei Frauen - eine Rolle. Dazu kommt, dass Sex aber auch, je nach Kultur, von Tabus belegt ist. Viele Religionen verbieten Frauen, Sex zu wollen und zu genießen; die patriarchalische Kultur mag die Frau nicht als aggressiven Part; und die moderne Powerfrau fürchtet den Kontrollverlust, wenn sie ihrem Wunsch nach Hingabe nachkommt. Das heißt: Frauen, die aktiv sein möchten, müssen in Kauf nehmen, als zu dominant abgelehnt zu werden. Frauen, die sich gerne hingeben möchten, als schwache Weibchen, die die klassischen Rollenklischees zementieren. So weit, so verwirrend.

Da kommt die mediale Thematisierung von SM gerade recht - und darin liegt seine Faszination: SM dreht sich um die Auseinandersetzung mit Komponenten der Sexualität wie Dominanz, Unterwerfung, Sadismus und Schmerzlust.

Der SM-Hype - ein therapeutischer Segen für unsere Schlafzimmer? Ja, meint Wolfgang Pauser: "Von der SM-Minderheit kann jeder lernen, wie man die Trieb-Elemente der Sexualität unterscheiden und akzeptieren kann, um sie schließlich angstfrei wieder vermischen zu können."

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Grenzen der Lust

Wo aber ist nun die Grenze zwischen Fesselspielchen und echtem Sadomasochismus? Wolfgang Pauser: "Das sind Schubladen, die Grenzen sind fließend. Wo SM beginnt und endet, ist nicht allgemeingültig definierbar. Es gibt Paare, die einander heftig beißen, kratzen oder sich auch mal einen kräftigen Klaps auf den Hintern geben - und dabei niemals auf die Idee kommen würden, dass ihre Liebesspiele irgendetwas mit SM zu tun haben könnten. Und umgekehrt gibt es Paare, die heimlich bei Beate Uhse die berühmten rosa Plüschhandschellen bestellen - mit dem Gefühl, verruchten SM zu praktizieren."

 

Gewalt ist gescheiterte, SM gelungene Kommunikation.
Sabine, 32

 

"SM ist ein Spiel, das das Sexualleben und in Folge die Beziehung unglaublich bereichern kann. Man lernt seine eigene Psyche sowie die des Partners intensiv kennen", erklärt Szene-Insiderin Alina. "Vorausgesetzt, man ist offen, stark genug und fähig, sich mit den eigenen verwirrenden, oft widersprüchlichen Regungen auseinanderzusetzen." Wie jedes andere Spiel funktionieren auch SM-Szenarien nur durch klare Regeln. Sabine, 32, nennt sie: "Reden, Respekt und Toleranz. Mein Leitsatz: Gewalt ist gescheiterte, SM gelungene Kommunikation."

Oben wie unten

Das Klischee, dass gerade Männer in mächtigen Positionen gerne mal zur Domina gehen, um einen Persönlichkeitsanteil auszuleben, der in ihrer Alltagswelt zu kurz kommt, gilt im Zeitalter der Emanzipation auch für die "Powerfrau": Schätzungen schwanken, gehen aber immer davon aus, dass es unter beiden Geschlechtern mehr devote und masochistische als dominante und sadistische Menschen in der SM-Szene gibt. Alexander: "Auf der Suche nach einer ,Sklavin' fühle ich mich instinktiv zu schwachen Weibchentypen hingezogen, fündig werde ich aber immer bei im Alltag superdominanten Powerfrauen. Da ist es oft schwierig, sich über die falschen Signale hinwegzusetzen."

Die 21-jährige Alina hat mit ihren devoten Neigungen jedenfalls kein Problem: "Bei SM haben Männer und Frauen die gleichen Rechte. Auch dann noch, wenn eine Frau sich submissiv gibt. Sie ist ja dann nicht arm und willenlos, sondern hat diese Form von Sexualität freiwillig gewählt, um auf ihre Kosten zu kommen. Was ist daran also bitte frauenfeindlich?" Nachsatz: "Ich bin stark genug, um auch mal schwach zu sein!"

Starke schwache Frauen?

Feministinnen haben mit der derzeit so angesagten SM-Koketterie dennoch nichts am Hut. Für sie liegen die real existierenden Bilder von unterworfenen und gedemütigten Frauen allzu nah an den Spielchen der Szene. Dazu Wolfgang Pauser: "Nur von außen betrachtet sieht diese Lust ähnlich aus wie Gewalt gegen Frauen." Und Sexualtherapeut Dieter Schmutzer bestätigt: "Passive Frauen haben kein Problem damit, sich einem dominanten Partner auszuliefern, weil sie sich ja aus freien Stücken in die Rolle begeben. Und dies Teil des nach strengen Regeln ablaufenden Spiels ist." Dasselbe gilt natürlich auch für Männer, die den submissiven Part bevorzugen.

Also Gleichberechtigung total? Die sich als dominant definierende Sabine meint: "SM ist kein Geschlechterkampf. Es geht darum, sich gegenseitig zu respektieren." Als Grundregel gilt: Der passive Part in einer SM-Session hat trotz spielerischer Unterwerfung das Sagen. Denn mittels "Safeword" kann er jederzeit das Spiel abbrechen und somit das Geschehen trotz "offizieller Unterlegenheit" steuern. Ohne sich rechtfertigen oder schuldig fühlen zu müssen. In den Augen von SM-Fans ein Vorteil gegenüber "normalen" Beziehungen, in denen die Machtverteilung der Partner meist nicht bewusst thematisiert wird. Alina: "Normale Sexualität langweilt mich. Meist startet der Mann - der klassischen Rolle gemäß - die Initiative und bestimmt, wie was abläuft. Eine SM-Session ist viel spannender, weil die Grenzen der Macht und die Spielregeln genau abgesteckt sind, ich nach Lust und Laune, ohne mich politisch unkorrekt zu fühlen, devot sein kann." Einen weiteren Aspekt liefert Karin, 28, leidenschaftliche Switcherin: "Ich liebe es, einmal den dominanten, dann wieder den devoten Part - natürlich mit einem switch-orientierten Partner - zu übernehmen."

Komm, süßer Schmerz

Soviel also zum Thema Macht und Unterwerfung. Schwieriger zu verstehen ist, wie und wieso manche Menschen Schmerzen als lustvoll empfinden. "Der bei einer Session durch meinen Partner zugefügte Schmerz bedeutet für mich: intensivierte Zärtlichkeit. Mit Schmerzen wie beim Zahnarzt hat das nichts zu tun", sagt Alina. Therapeut Schmutzer dazu: "Schmerz und Lust liegen nah beieinander. Der Mensch verfügt über Reizpunkte auf der Haut, die bei Berührung je nach individuellem Empfinden angenehme Gefühle bis hin zu Schmerz auslösen können. Der eine fühlt sich noch zärtlich gestreichelt, während dem anderen jene Berührung schon weh tut."

Dazu kommt, dass die Interpretation von jedem körperlichen Reiz auch von der Situation abhängig ist, in der er passiert: Eine zufällige Berührung in der Straßenbahn erleben wir nicht als Zärtlichkeit, wie sanft auch immer sie sein mag. Ein kräftiger Biss in die Brustwarzen, kurz vor dem Orgasmus, bedeutet manchen Menschen nicht Schmerz, sondern Steigerung der Lust. Aus der Medizin ist das Phänomen bekannt, dass fortgesetzte schmerzhafte Reizung zur Ausschüttung körpereigener Stoffe - der Endorphine - führt, die Zustände bis zur rauschhaften Verzückung auslösen können - ein Umstand, den sich etwa die mittelalterlichen Flagellanten bei ihren Selbstgeißelungen zunutze machten, durch die sie religiöse Ekstase suchten.

Ein Sadomasochist genießt folglich eine Berührung, die einem anderen Menschen schon Schmerzen bereitet. Und gelangt dadurch auch leichter zum Orgasmus. "Wobei SMer auch durchaus mittels Geschlechtsverkehr im herkömmlichen Sinn einen Höhepunkt erleben können. Es ist eben nur aufregender, wenn ich dabei von meiner dominanten Herrin physisch und psychisch gequält werde", schildert Herbert, 39, der seit fünf Jahren regelmäßig eine Domina aufsucht.

Perverse Randgruppe?

Am Beginn der Psychoanalyse galt Sadomasochismus als schwere Störung der psychosexuellen Entwicklung. Sigmund Freud betrachtete diese Spielart sogar als "Transmutation des Todeswunsches". Womit Alexander nichts anzufangen weiß: "Sadomasochismus gilt medizinisch gesehen schon lange nicht mehr als Krankheit, sondern als Neigung. Das Problem ist eher die gesellschaftliche Akzeptanz. Für mich ist diese Kombination aus Macht und Schmerz mit dem Ziel der Lustempfindung ein Weg zur sexuellen Bewusstseinserweiterung. Ich leide also nicht ohnmächtig unter meinem Triebschicksal."

Mit Selbstmitleid hat Alexander auch sonst nichts am Hut: "Diejenigen SMer, die permanent ihr Randgruppendasein bedauern, haben nicht erkannt, dass die mediale Aufmerksamkeit der letzten Jahre unserer Szene den Randgruppencharakter schon längst entzogen hat. Und außerdem: Viele SMer fühlen sich - logischerweise - in der Rolle der gesellschaftlich Unterdrückten ausgesprochen wohl."

 

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