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Magic Sex: Der Sex, bei dem ein Kind entsteht

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Sex passiert - nun ja, bei vielen Menschen doch nicht so selten. Eine bestimmte Art von Sex jedoch hat man statistisch gesehen höchstens 1,7 Mal im Leben: jenen, bei dem ein Baby entsteht.

Der Sex, bei dem ein Kind entsteht

SexKaren Müller(Wienerin)

Köstliche Qual. Süßes Sehnen. Alles zieht, zieht zu einem Punkt. Verdichtet sich dort, baut eine Woge des Entzückens auf. Immer höher und höher, bis sie zu ihrem Scheitelpunkt kommt. Und dann - bricht sie in funkelnde Dunkelheit. Einmal Universum und zurück.

 

"Ich wusste sofort, das wird ein Kind"

Der Orgasmus. Meist nur die heißeste Versuchung, seit es zwei Geschlechter gibt. Und manchmal ein Urknall, bei dem das Wunder geschieht: Aus zwei wird drei. Das ist zwar "in 80 Prozent der Fälle eine Überraschung und nicht bewusst geplant", so Hebamme Annemarie Koch - und dennoch ein Ereignis, das im Erleben oft vibrierende Spuren hinterlässt. "Es war eine ganz besonders leidenschaftliche Nacht", erzählen Frauen über den Zeitpunkt ihrer Empfängnis. Oder: "Wir waren uns beim Sex so nah wie selten." Und manche sagen sogar: "Ich wusste nachher sofort, das wird ein Kind."

Irgendwie scheint es auch, als ob sich der Körper in dieser Nacht der Nächte oft selbständig macht. Sich öffnet und "Ja" sagt, auch wenn seine Inhaberin (bewusst) eigentlich noch gar kein Baby anpeilt. "Da geht was mit dir durch", meint Monika, Mutter von drei Kindern. "Das ist ein Urtrieb. Und der fragt nicht: Willst du oder nicht. Es passiert einfach." Sie selbst war für ihre Kinder zwar prinzipiell bereit, aber auch immer der gelassenen Ansicht: "Die Kinder suchen sich den Zeitpunkt selbst aus." Die Phase, in der sie gewissermaßen "in Empfangsbereitschaft" war, hat sie als sexuell sehr intensiv und innig erlebt: "Solange du verhütest, ist auch emotional eine bestimmte Tür zu. Aber wenn du offen bist für das, wozu Sexualität in letzter Konsequenz da ist, hat das schon einen sehr starken, archaischen Reiz und wird zum Teil der Lust."

Annemarie Koch, die seit über 30 Jahren kleine Menschen auf ihrem ersten Weg begleitet, meint auch: "Für Menschen, die sich auf eine bewusste Zeugung einlassen können, ist es eine ganz besonders orgiastische Erfahrung. Etwas ganz Besonderes, bei dem Körper, Geist und Seele einmal wirklich komplett auf einer Ebene sind." Ähnlich formuliert es Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer: "So, wie ich es geschildert bekommen habe, hat der Zeugungsakt ganz offensichtlich eine besondere Energiequalität und einen spirituellen Aspekt. Mit Katholisch hat das nichts zu tun - das ist einfach die uralte Definition von einer Sexualität, an der ich mit allen Sinnen beteiligt bin, allen fünfen und sogar dem sechsten, wie immer ich den auch definiere."

 

Sex, an der man mit allen Sinnen beteiligt ist

Doch obwohl Spiritualität eigentlich "in" ist (und auch Sex normalerweise in jeder erdenklichen Spielart beschrieben wird), finden sich in Internet oder aktuellen Büchern recht wenig Berichte über den Akt, bei dem aus zweien drei werden. So als ob es ein Tabu wäre, über das man lieber die Tuchent des Schweigens breitet. Schmutzer, dem nichts Irdisches fremd ist, bestätigt: "Ein Kinderwunsch wird heute manchmal schon geradezu als unanständig empfunden - da schlägt uns der Zeitgeist ein Schnippchen. Sex ist natürlich nicht nur zur Zeugung da - aber allerweil schon auch!" Seiner Meinung nach hat es da eine Hemmung nun einfach auf die andere Seite verschlagen.

 

Was Jahrhunderte zu sehr im Vordergrund gestanden ist und moralisch verbrämt war, sei nun eben verschämt ins Dunkle verbannt. Unmodern, uncool, mit dem Odeur von altem Weihrauch. Unsere Aufgabe, so Schmutzer, sei es jedoch, "die Spiritualität von der Moral zu entkleiden. Diese Qualität soll in der Sexualität auch ihren Platz haben dürfen. Jeder, der bis über beide Ohren verliebt ist, hat diese ganzheitliche Erfahrung und will mit dem anderen etwas schaffen und schöpfen. Dass Verliebte oft schnell an Babys denken, ist einfach der Ausdruck ihrer extremen Verbundenheit."

 

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Ins Bewusstsein unserer Gesellschaft dringen heute hauptsächlich die problematischen Aspekte des Zeugungsaktes - nicht sollen, nicht wollen, nicht können. So ist schon das erste und wichtigste Thema, bevor junge Mädchen noch die erste Nacht außer Haus verbracht haben: Wie verhüte ich richtig? Bezüglich junger Frauen (und natürlich auch Männer) wird wiederum gerätselt, warum die wohl keine Kinder haben wollen. Und "nicht können", also unerfüllter Kinderwunsch, das ist überhaupt ein Gegenstand öffentlicher Diskussion.

 

Auch Sexualtherapeut Schmutzer hat mit Letzterem in seiner Praxis schon etliche Male zu tun gehabt. Paare, die sich jahrelang nichts sehnlicher wünschten als ein Baby. Die ihr gesamtes Sexualleben nach Uhr und Fruchtbarkeitskalender ausrichteten und dementsprechend unter immensem Druck standen. Resultat: negativ. Manchmal, wenn diese Paare dann aber aufgaben und resignierten, wurde die Frau plötzlich doch noch schwanger. Schmutzer erklärt sich dieses "medizinische Wunder" so: "Das hat etwas zu tun mit Absichtslosigkeit. Wenn ich verbissen um etwas kämpfe, mich dauernd bemühe, etwas sein ,muss', dann stört das den Energiefluss." Die Kanäle sind blockiert, Ei und Samenzelle sind wie die Königskinder: Sie können zueinander nicht finden. Aber: "Wenn sich die Partner dann wieder wirklich aufeinander beziehen und miteinander schwingen, dann kann es passieren."

 

Es kann passieren - eine Kernschmelze im Herzen, die sich tief drin im Bauch als winziger Einzeller manifestiert. Leidenschaft, die Leben schafft. Und manchmal, wenn man voll und ganz bei sich ist und gleichzeitig mit dem anderen, dann, so Schmutzer, erweitert sich das Bewusstein und man weiß, wenn es passiert: "JETZT ...!"

 

Frauen und Männer erzählen von dem Sex, aus dem ein Kind entstand

Christopher, 37, zwei Kinder: Als Nicki und ich zusammenkamen, war Verhütung eigentlich recht bald kein Thema mehr. Wir waren uns einig: Wenn's kommt, kommt's. Ein Jahr lang ist nichts passiert. Und dann - kam diese eine Nacht. Der Sex war hinreißend, sehr leidenschaftlich. Ich lag nachher im Bett und dachte: "Das war ja der Hammer heute, irre ..." - und auf einmal schießt mir so ein: "Das war jetzt ein Kind." Ich drehte mich rüber zu Nicki und sagte: "Du, das war jetzt ein Kind!" Sie hat nur geantwortet: "Ich weiß." Dann haben wir beide gegrinst - total beseelt.

 

Susanna 39, zwei Kinder: Als wir meine Tochter zeugten, hat sich mein Körper einfach selbständig gemacht. Ich hatte gerade meine fruchtbaren Tage und meinem - damals ganz neuen - Freund deshalb gesagt, er müsse aufpassen, also Coitus Interruptus machen. Mein Kopf sagte also eindeutig "Nein" zu einem Kind. Ganz anders mein Bauch: Der schrie geradezu auf, wenn er kurz vor dem Höhepunkt seinen Penis aus mir herauszog. Mein Unterleib fühlte sich an wie eine hungrige Höhle, wie ein fruchtbarer Acker mit dem übermächtigen Wunsch nach "Tu es, bitte tu es, komm, gib mir deinen Samen ..." An diesem Nachmittag war ich auch sexuell unersättlich wie nie zuvor. Ich wollte mindestens fünf Mal hintereinander mit ihm schlafen, und jedes Mal, wenn er nicht in mir kam, war es wie eine tiefe, schmerzhafte Enttäuschung. Doch mein Freund konnte sich beherrschen - an diesem Tag. Zwei Tage später nicht mehr. Wir schliefen miteinander, er kam in mir - und ich wusste in der Sekunde: Das wird ein Kind.

 

Monika 34, drei Kinder: Bis 29 hatte ich eigentlich keinen Kinderwunsch, doch dann immer stärker diese Sehnsucht: "Ich will über mich hinausgehen, ich will jetzt etwas weitergeben." Interessanterweise hat sich mein Körper schon Monate vor der Schwangerschaft komplett umgestellt. Ich habe circa drei Kilo zugenommen, meine Rundungen haben sich gefüllt. Und unser Sexleben hat sich auch geändert. Es ist emotional schon ein Unterschied, ob man verhütet, oder ob man für alles, aber auch wirklich alles offen ist, was der Partner zu geben hat. Das ist ein eigener Reiz beim Sex, wohl der Urtrieb in uns.

 

Nadja, 33, ein Kind: Ich hätte mich damals nie getraut, es bewusst auf ein Kind anzulegen. Aber: Mein Körper hat mich ausgetrickst. Wir waren gemeinsam auf Urlaub, hatten es wunderschön miteinander - und danach war ich schwanger. Mein Zyklus hatte sich verschoben. Zuerst war ich verzweifelt, hatte Angst um meinen Job und vor der Zukunft. Gleichzeitig war in mir drin aber auch so ein wohliges Gefühl von: "Ja, von diesem Mann will ich das, von ihm darf ein Stück in mir sein." - Ich glaube, dass es bei vielen der Hoppala-Schwangerschaften so ist wie bei mir: Die Paare haben viel zu viel Angst, um sich bewusst für ein Kind zu entscheiden - aber unbewusst gibt es ein klares "Ja" dazu.

 

Dieser Text erschien zuerst in der WIENERIN Nr. 183/04 vom 19.11.2004.

 

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