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Sexualbildung: So falsch wird Sex in österreichischen Schulbüchern dargestellt

von

Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) plädiert daher für verpflichtende sexuelle und reproduktive Bildung im schulischen Lehrplan.

SexJelena Gučanin(Wienerin)

"Sex, was?" Unter diesem Titel erscheint im Jänner das erste Lehr-, Lern- und Methodenhandbuch zur sexuellen reproduktiven Bildung von der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF). Und es ist dringend notwendig, wie eine Studie zeigt.

Denn dass es mit der Behandlung von Themen rund um Sexualität in österreichischen Schulbüchern nicht zum Besten steht und diese weder den nationalen noch den internationalen Standards entsprechen, belegt eine Diplomarbeit von Rita Emilia Stangl aus dem Jahr 2015. Die Anforderungen an Schulbiologiebücher sind korrekte Informationen, ein ganzheitlicher Sexualitätsbegriff und die Gleichstellung in Bezug auf Geschlecht sowie auf sexuelle Orientierung - all das ist jedoch nicht gegeben.

 

Lust ist männlich, kaum Infos über Verhütungsmethoden

 

Analysiert wurden die jeweils fünf häufigsten österreichischen Schulbücher, die für das Fach „Biologie & Umweltkunde“ für die erste und vierte Klasse der Sekundarstufe (AHS Unterstufe, Hauptschule bzw. Neue Mittelschule) zugelassen sind. Die Ergebnisse zeigen, dass
Sexualität in den Schulbüchern vor allem in ihrer biologischen Fortpflanzungsfunktion behandelt wird (über 70%), selten aber im Kontext von Lust und/oder romantischen Gefühlen. Und wenn über Lust geschrieben wird, dann im männlichen (19%) und seltener im weiblichen (6%) Kontext. Der männliche Orgasmus ist in 9 von 10 Büchern ein Thema, der weibliche nur in 3 von 10. 

 

Außerdem werden relevante Themen ausgeblendet oder mangelhaft präsentiert. Die Inhalte sind heteronormativ und reproduzieren Geschlechterstereotype, stellt die Autorin fest. In der 5. Schulstufe gibt es keine Infos über Verhütungsmethoden, in nur zwei Büchern wird Verhütung überhaupt erwähnt. Homosexualität wird in der gleichen Schulstufe in keinem einzigen Buch erwähnt. Ausnahme: einmal bei sexuellem Missbrauch - also in einem negativen Kontext.

 

59 Prozent der Abbildungen weiblicher Geschlechtsorgane sind fehlerhaft 

 

Vor allem aber ist die bildliche und textliche Darstellung der weiblichen Genitalien sehr mangelhaft. 59 Prozent der Abbildungen weiblicher Geschlechtsorgane sind fehlerhaft. Die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane werden gar nicht abgebildet. Der Kitzler wird in einem Buch als "hockerförmige Hautfalte am Vorderende der kleinen Schamlippen" bezeichnet. Die Funktion der Klitoris wird gar nicht beschrieben. 

 

Grund genug also, etwas zu unternehmen. Das neue Methodenhandbuch "Sex, Was?" will diesem eklatanten Unwissen entgegenwirken und endlich ein faktenbasiertes Methodenbuch über Sex & Co. anbieten. Es richtet sich an PädagogInnen, die mit jungen Menschen ab 13 Jahren arbeiten und wird im Jänner erscheinen.  

 

Für ExpertInnen ist dieses Buch enorm wichtig, damit Jugendliche einen selbstbestimmten Umgang mit ihrer eigenen Sexualität erlernen. So könnte etwa auch die Zahl der Teenager-Schwangerschaften gesenkt werden, stellt die ÖGF-Präsidentin Barbara Maier, selbst Gynäkologin und Geburtshelferin, bei der Pressekonferenz fest. "Die Spitze des Eisbergs sind Teenager-Schwangerschaften. Mich ärgert es maßlos, wenn diese im Fernsehen als etwas Einfaches dargestellt werden. Das sind sie nicht", sagt Maier. Der Gesundheitsstand der Kinder ist schlechter, die Zahl der Fehlgeburten höher und die psychosozialen Folgen für die Mütter meist einschneidend.

 

Teenager-Schwangerschaften würden gesenkt werden

 

Zu Maier kommen immer wieder sehr junge Frauen. "Viele kommen sehr spät drauf, dass sie schwanger sind", sagt die Ärztin. Einige würden jedoch über "Bauchweh" klagen und sich nicht trauen, nach der Schwangerschaft zu fragen, oder diese auch bewusst verneinen. "Ich hatte eine 15-jährige Patientin, die zu mir kam und sagte, sie hätte noch nie ihre Regel gehabt." Und das stimmte auch: Die junge Frau hatte vor ihrer Menarche während des Eisprungs Sex, wurde sogleich schwanger und deshalb trat keine Regelblutung auf. Es gäbe auch Fälle, bei denen die jungen Frauen das Kind aus Angst heimlich austragen. Für die Jugendlichen eine "unfassbar stressige" Situation. Durch eine umfassende Sexualbildung könnten neben Teenager-Schwangerschaften aber auch die Zahl der Abtreibungen, Fehlgeburten und Infektionen gesenkt werden, so die Expertin. 

 

Auch Petra Bayr, Vertreterin der parlamentarischen Gruppe für sexuelle und reproduktive Gesundheit #parlaandsex, weiß: "Sexualität ist bereits mitten in der Schule. Nur thematisiert wird es nicht oder falsch." Denn was im Gang gesprochen und auf Handys hergezeigt wird, zeigt klar, dass Sexualität omnipräsent ist. Oft würden aber Mythen, religiöse Ideen und Ängste die Debatte dominieren - und nicht Fakten. "Hinzu kommt die Pornografie im Netz, die komplett falsche Vorstellungen von Sex verbreitet", meint Bayr. Das Ergebnis: "Jugendliche wissen oft nicht, ob sie etwas selbst wollen oder eher nicht." Sie fordert eine moderne sexuelle Bildung, die auf Fakten basiert und nicht von "selbsternannten Moralaposteln" diktiert wird. "Was da in den Biologiebüchern drinsteht, ist abenteuerlich". 

 

Martina Morawitz, Mitarbeiterin der Beratungsstelle "First Love", ärgert vor allem eins: "Verhütung ist noch immer Frauensache. Kondome sind bei jungen Menschen nicht beliebt - das erleben wir ständig in unserer Arbeit." Sie möchte, dass auch junge Männer einsehen, dass ein Kondom - neben dem Schutz vor Krankheiten - "die einzige Möglichkeit ist, eine ungewollte Vaterschaft zu verhindern". 

 

"First Love"-Beratungsstelle

Die erste "First Love"-Beratungsstelle Österreichs für Jugendliche feiert heuer ihr 25-jähriges Bestehen. Die Beratungsstelle in der Rudolfsstiftung richtet sich an junge Menschen zwischen 13 und 19 Jahren. Mit Expertinnen können sämtliche Fragen zu Liebe, Sex und Beziehungen anonym und kostenfrei besprochen werden. Junge Mädchen haben zusätzlich die Möglichkeit, sich ohne E-Card gynäkologisch untersuchen zu lassen und ein Gespräch mit einer Gynäkologin zu führen. 

Weitere Adressen hier: http://oegf.at/firstlove/ 

 

Ergänzend zu den "First Love"-Beratungsstellen können sich Jugendliche auf www.oegf.at/herzklopfen online beraten lassen. 

 

 

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