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Kommentar: Wie wir Sex haben sollten - eine Überlegung nach #metoo

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Wir müssen endlich darüber reden, was Sex in dieser Gesellschaft bedeutet. Und wo Gewalt mit Lust verwechselt wird. Ein Kommentar.

SexJelena Gučanin(Wienerin)

„Nein, eigentlich hab ich keine Lust auf dich.“ Ein einfacher Satz und trotzdem auch im Jahr 2017 noch immer ein ziemlich schwieriges Statement. Für Frauen. „Geh‘, jetzt sei doch nicht so“, wird eventuell als Antwort kommen. Vielleicht auch ein „Warum habe ich dich dann überhaupt auf Drinks eingeladen?“ Oder im schlimmeren Fall: „Jeder weiß doch, dass du mit allen schläfst.“

Es sind Sätze, die viele Frauen schon einmal gehört haben. Und es ist der Anfang von dem, was viele jetzt nach #metoo zu begreifen versuchen: es ist der Anfang des Nicht-Einverständnisses. Ein kurzer, entscheidender Moment, der zwischen Spaß und Gewalt entscheidet. Der Moment, in dem der Körper der Frau nicht mehr ihr gehört. Der Moment, wo consent zum Thema werden sollte. Und einer der unzähligen Momente, wo ein "Nein" nicht ernst genommen wird. 

 

"Wie sollen wir jetzt überhaupt noch Frauen ins Bett kriegen?"

 

Dabei müsste klar sein: Sex ist nicht das Problem. Es ist Objektifizierung. Gewalt. Sexismus. Es sollte möglich sein, jemanden anziehend zu finden, ohne ihn oder sie zu degradieren. Während sich gerade Millionen Opfer zu Wort melden und beschreiben, wie entwürdigend die Dinge waren und sind, die ihnen widerfahren, sorgen sich einige Männer ernsthaft darum, ob sie in Zukunft auch weiterhin mit jeder Frau schlafen können, die sie "haben" wollen? Es ist respektlos, diese Frage überhaupt zu stellen. Und vieles an dieser Herangehensweise ist so entlarvend, dass wir ganz wo anders ansetzen müssen: nämlich bei der Frage, was Sex überhaupt ist. 

 

Viele Männer, auch in meinem Umfeld, fragen mich jetzt dennoch auch ehrlich: Wie sollen wir uns ändern, wie sollen wir uns anders verhalten? Das ist gut und hätte schon längst passieren sollen. Denn wenn wir alle viel früher darauf gehört hätten, was Opfer sexualisierter Gewalt zu sagen haben, würden wir diese Diskussion nicht erst im Jahr 2017 führen. Denn es geht nicht um „individuelle Monster“, wie die Autorin Laurie Penny so treffend schreibt, es geht um strukturelle Gewalt. Es geht darum, dass Täter auf dem Rücken von Opfern Macht erlangen, und dass es ganz normal ist, dass letzteren nicht geglaubt wird. 

 

Es gibt dabei keine „typischen Opfer“ und es gibt auch kein „perfektes Opferverhalten.“ Und das ist ja auch überhaupt nicht die Frage, um die es gehen sollte. Natürlich müssen wir Frauen Handlungsoptionen aufzeigen, müssen sie darin bestärken, sich zu wehren – aber machen wir das wirklich, indem wir ständig ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen? Nein. Wir machen gerade das genaue Gegenteil. Stellen wir endlich die Frage nach der Tat. Nach der Scham, Verletzung und Wut, die diese erzeugt. Und nach dem System, das diese nährt. 

 

Holen wir Sex aus der Schmuddelecke heraus 

 

Denn diese „Enthüllungen“, die gerade passieren, sind keine Enthüllungen. Es sind lange gehütete, genährte und instrumentalisierte, ja selbstverständliche Ereignisse. Weil "Sex" noch immer etwas ist, das sich Männer "holen" (können), weil Begehren noch immer nach dem Sender-Empfänger-Prinzip funktioniert. Wie wir miteinander und mit unseren (echten) sexuellen Bedürfnissen, Wünschen und Vorlieben umgehen, ist eine Frage, die viel zu selten gestellt wird. Deshalb bleibt sie dort, wo Gewalt genährt wird: in einer tabuisierten Schmuddelecke, die Männern gehört. Sie bleibt in einer Welt, in der Frauen Sexobjekte sind und Vergewaltiger „Sex-Täter“. Dabei setzt Sex (genauso wie ein Flirt) ein beiderseitiges Einverständnis voraus - etwas, das viel zu oft in einen Topf geworfen wird. Und leider noch immer betont werden muss. 

 

"Auf der einen Seite leben sie (junge Frauen, Anm.) in einer Kultur, die überschwemmt wird von sexualisierten Bildern, die Sex benutzt, um von Burgern bis Musik alles zu verkaufen. Und diese Bilder sagen Mädchen immer wieder, dass es ihre Aufgabe ist, ,heiß' zu sein, dass es wichtiger ist, wie ihr Körper für andere aussieht als wie sie sich selbst darin fühlen, dass begehrenswert zu sein wichtiger ist als ihr eigenes Begehren", stellt die Autorin Peggy Orenstein richtig fest. 

 

Frauen haben keinen Spaß an Sex, sie sind Sex 

 

Noch bevor junge Frauen überhaupt Sex haben, wird ihnen gesagt, dass Sex etwas ist, das ihnen passiert. Etwas, das sie nicht kontrollieren können. Bei dem sie nur eine passive Nebenrolle spielen. Und nicht beispielsweise etwas, das sie machen, weil sie es selbst machen wollen. Oder gar etwas, bei dem sie selbst Spaß haben könnten. Die weibliche Sexualität ist etwas Tabuisiertes, Gefährliches, zu Unterdrückendes. Sollten wir als Frauen dennoch Spaß daran finden – und diesen ausdrücken – sind wir „Schlampen“, schmutzig, Freiwild.  

  

Wir müssen anfangen, über Sex zu reden. Und zwar nicht nur über die gefährlichen Seiten daran, sondern auch über das Vergnügen. Darüber, was okay ist und was nicht. Darüber, was wir mögen und was wir uns nicht auszusprechen trauen. Wir müssen unsere eigenen Körper kennen und unsere Grenzen abstecken, formulieren, herausbrüllen. Denn nur so werden wir alle diese kleine, verschwommene Linie, die uns allen schon so oft begegnet ist, auch als solche erkennen. 

 

Denn Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zeigen sich vor allem hier, inmitten zweier Menschen, die sich in einer idealen Welt auch beim Sex auf gleicher Augenhöhe begegnen sollten. Doch Liebe und Gewalt werden leider viel zu oft miteinander verwechselt, denn: "Männer werden für ihr Sexualverhalten belohnt, aber Frauen dämonisiert". Doch das sind wir nicht, wir sind keine zu erbeutende Ware am Markt der "sexhungrigen Triebtäter" - um es überspitzt zu formulieren. Wir sind denkende, handelnde und lustvolle Menschen, und auch über diese Lust wollen wir endlich sprechen können. 

 

 

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