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Mädchen und Sex: Was es bedeutet, in der Gesellschaft von heute Sex zu haben

von

Was bedeutet es, seine Sexualität in einer Gesellschaft zu entdecken, in der Mädchen möglichst sexy, aber bloß nicht zu freizügig sein sollen? Diese Frage stellt sich die New-York-Times-Bestsellerautorin Peggy Orenstein in ihrem neuen Buch.

SexJelena Gučanin(Wienerin)

Was bedeutet es, seine Sexualität in einer Gesellschaft zu entdecken, in der Mädchen möglichst sexy, aber bloß nicht zu freizügig sein sollen? Väter und Mütter wissen oft nicht, wie ihre Teenager-Töchter sich in diesem Spannungsfeld bewegen. Peggy Orenstein hat gefragt, was viele Eltern sich nicht trauen.

In Gesprächen mit über 70 Mädchen sammelte sie in ihrem Buch "Girls & Sex" bedeutsame Erkenntnisse und zeichnet ein erschreckend deutliches Bild dessen, was das Leben in einer sexualisierten Gesellschaft für junge Frauen bedeutet. Im Interview verrät sie, was Sex für Mädchen im Jahr 2017 bedeutet, und wo es noch Handlungsbedarf gibt. 

 

Zwischen welchen Extremen bewegt sich die Sexualität von TeenagerInnen heutzutage?

Peggy Orenstein: Ich weiß nicht, ob es ihre Sexualität ist, die schwankt oder die Botschaft, die sie bekommen: auf der einen Seite leben sie in einer Kultur, die überschwemmt wird von sexualisierten Bildern, die Sex benutzt, um von Hamburgern bis Musik alles zu verkaufen. Und diese Bilder sagen Mädchen immer wieder, dass es ihre Aufgabe ist, "heiß" zu sein, dass es wichtiger ist, wie ihr Körper für andere aussieht als wie sie sich selbst darin fühlen, dass begehrenswert zu sein wichtiger ist als ihr eigenes Begehren. All diese Botschaften werden durch den leichten Zugang zu Pornografie noch einmal verstärkt - und Pornos sind im Speziellen für Jungs eine stetige Quelle der sexuellen Erziehung. 

Und dann auf der anderen Seite: wir Eltern, LehrerInnen, ÄrztInnen - schweigen bei unseren Kindern komplett über das Thema Sexualität und sexuelle Moral, und denken, dass es irgendwie unangemessen ist, eine ehrliche und offene Diskussion mit ihnen über Verantwortung, Ethik, Lust und Verlangen zu führen. Die Folge ist, dass Mädchen bei ihren sexuellen Begegnungen wenig Stimme haben. Es gibt außerdem einen großen Unterschied zwischen den Ansprüchen, die sie öffentlich äußern und denen, die sie intim erfahren. 

 

Wir haben Mädchen beigebracht, sexy zu sein und das als Empowerment zu betrachten, aber wir haben ihnen nicht gezeigt, wie sie ihre Körper und dessen Reaktionen verstehen können.
Peggy Orenstein

 

Warum gibt es diese Extreme? 

Wir haben Mädchen beigebracht, sexy zu sein und das als Empowerment zu betrachten, aber wir haben ihnen nicht gezeigt, wie sie ihre Körper und dessen Reaktionen verstehen können. Sara McCLelland, eine Psychologin der Universität von Michigan nennt das "intimes Rechtssystem." Sex hat politische und persönliche Dimensionen - genauso wie die Aufteilung der Hausarbeit. Und es zeigt ähnliche Probleme: Geschlechterungleichheiten, ökonomische Ungleichheit, Gewalt, psychische Gesundheit. Wer ist berechtigt dazu, sexuelle Erfahrungen zu machen? Wer ist berechtigt dazu, sie zu genießen? Wer ist der primäre Nutznießer? Wer fühlt sich verdienstvoll? Wer definiert, was gut ist? Diese Fragen sind wirklich kompliziert - und traumatisch - für erwachsene Frauen. 

Sexuelle Erfahrungen von Mädchen dürfen nicht etwas sein, das sie "hinter sich bringen" müssen. 

 

Mosaik Verlag

 

Für viele junge Frauen gehört Oralsex zu einem Date dazu. Ist das bedenklich oder "normal"?

Viele der jungen Frauen haben mir gesagt, dass Oralsex "keine große Sache" ist - das ist der Wortlaut, den sie verwendeten. So als würden sie alle das gleiche Drehbuch lesen. Sie hatten viele Gründe, um es zu machen: um die Beziehung zu verbessern. Um sich begehrenswert zu fühlen. Sie hatten Angst, dass der Sex zu emotionaler Intimität führen könnte. Manchmal war es ein Weg, um aus einer unangenehmen oder bedrohlichen Situation zu kommen. Ich habe so viele Geschichten von Mädchen gehört, die einseitigen Oralsex hatten. Also habe ich gefragt: Was ist, wenn ein Junge dich darum bittet, dir ein Glas Wasser zu holen - aber er holt dir nie, oder nur murrend, eins? Du würdest es nie machen! Warum also nur ihn oral befriedigen? Das geht zurück auf die Vorstellung, dass Mädchen Jungs befriedigen müssen, dass ihre eigene Attraktivität nur durch männliche Bestätigung existiert. 

Das kann gefährlich werden. Und zwar dann, wenn wir es als normal akzeptieren, dass Männer drängeln, jemanden nötigen, oder Mädchen dazu zwingen, sich zu fügen. Wenn junge Frauen keine Stimme in ihren sexuellen Begegnungen haben, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen nicht verstehen oder kennen, setzen wir sie einem Risiko aus. Je besser Mädchen über ihre eigenen Körper und Sehnsüchte Bescheid wissen, desto mehr Macht haben sie und desto eher werden sie Sex unter ihren eigenen Bedingungen haben. Und nicht bloß einen männlichen Partner befriedigen. 

 

Ist die sexuelle Befriedigung von jungen Frauen also nicht so bedeutend wie jene junger Männer?

Spannend ist, dass wir alle annehmen, Männer stellen sich unter "Befriedigung" alle das Gleiche vor. Aber auch diese Idee ist stereotyp. Trotzdem geben junge Frauen laut Studien viel öfter an, dass sie ihre eigene sexuelle Zufriedenheit an der des Partners messen. Männer messen das eher an ihrem eigenen Orgasmus.            

Wenn junge Frauen über schlechten Sex reden, benutzen sie Wörter wie "erniedrigend", "entwürdigend", "deprimierend", "schmerzhaft". Junge Männer benutzen solche Wörter nie in den Studien. Wenn eine Frau beim Sex darauf hofft, dass sie keine Schmerzen hat, sich ihrem Partner nahe fühlen will und annimmt, dass der einen Orgasmus hat, dann wird sie zufrieden sein, wenn das alles erfüllt wird. Es ist nichts Schlechtes daran, sich dem Partner nah fühlen zu wollen und keinen Orgasmus zu haben (auch wenn das natürlich wesentlich erfüllender ist) - aber die Abwesenheit von Schmerz? Das ist eine sehr niedrige Latte für sexuelle Erfüllung.  

 

Männer werden für ihr Sexualverhalten belohnt, aber Frauen dämonisiert.
Peggy Orenstein

 

 

Warum werden sexuell aktive Frauen als "Schlampen", Männer aber als "Frauenhelden" wahrgenommen?

Das ist klassische Doppelmoral. Männer werden für ihr Sexualverhalten belohnt, aber Frauen dämonisiert. Und sie können dabei wenig richtig machen, wie mir eine junge Frau erzählte: "Entweder du bist prüde oder eine Schlampe." Da ist wenig Raum, um ihre eigenen Werte zu kreieren oder sich darin sicher zu fühlen. 

 

Was können Eltern tun, um ihre Kinder auf das Sexleben vorzubereiten?

Wir müssen damit anfangen, mit unseren Kindern zu reden. Egal wie unangenehm es sein mag. Es reicht nicht, über die Gefahren zu reden. Man muss auch über das Vergnügen dabei und die Wichtigkeit von gegenseitigem Vertrauen reden können. 

 

Welche Geschichte aus Ihrem Buch ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 

Ein Junge aus einer großartigen Sexualerziehungs-Klasse. In der Klasse redeten sie über die klassisch-amerikanische Metapher für Sex: Sex ist wie Baseball und Jungs wollen einen "Home Run" landen. In dieser Metapher existieren die Mädchen gar nicht, sie sind quasi das Feld, auf dem gespielt wird. Das sagt sehr viel über unsere Kultur aus. Und dieser Junge hob seine Hand und sagte: "Ich hab nie darüber nachgedacht, aber beim Baseball gibt es Gewinner und Verlierer. Also wer soll der Verlierer beim Sex sein?" Es war ein kleiner Moment, aber ein sehr wichtiger - weil es ein Umdenken im Kopf dieses Jungen gab. Er wird in Zukunft wohl eher als Partner in sexuelle Begegnungen gehen, und das wegen dieser Diskussion und weil er die Möglichkeit hatte, über Sexualmoral zu reden und nachzudenken. 

 

Michael Todd  

Über die Autorin 

Peggy Orenstein ist Journalistin und Autorin mehrerer New-York-Times-Bestseller. Sie schreibt u.a. regelmäßig für das "New York Times Magazine", "USA Today" und den "New Yorker". Sie lebt mit Ehemann und Tochter in Nord-Kalifornien.

 

Video: Paula Lambert über den weiblichen Orgasmus und Selbstliebe

 

 

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