< Zur Mobilversion wechseln >

Mann-mit-Mann-Sex: Wenn Hetero-Männer Sex miteinander haben

von

Wenn sich zwei heterosexuelle Frauen auf einer Party küssen, dann ist klar: sie probieren nur etwas aus. Ganz anders sieht die Sache bei Männern aus. Ein Interview mit der Sexualforscherin Jane Ward.

Mann-mit-Mann-Sex

SexRed.(Wienerin)

 

Wenn sich zwei heterosexuelle Frauen auf einer Party küssen, dann ist klar: sie probieren nur etwas aus, sie spielen mit ihrer Sexualität. Aber wenn heterosexuelle Männer das Gleiche machen, ist es ein gesellschaftliches Tabu – es wird sofort nach einer Erklärung gesucht.

Mit diesem Phänomen beschäftigt sich die Gender- und Sexualforscherin Jane Ward von der University of California. Sie sagt: gleichgeschlechtlichen Kontakt zwischen heterosexuellen Männern gibt es schon lange – nicht nur in Gefängnissen, Studentenverbindungen und beim Militär, sondern auch in Biker-Gangs und konservativen Vorstädten. Was hinter diesem Phänomen steckt und warum nie darüber geredet wird, verrät sie im Interview.

 

 

Frau Ward, in Ihrem neuen Buch „Not Gay: Sex between Straight White Men“ beschäftigen Sie sich mit einem schwierigen Thema. Warum ist es so ein Tabu über Hetero-Männer zu sprechen, die Sex miteinander haben?

 

JANE WARD: Wir werden überschwemmt von Bildern und Fantasien von Hetero-Frauen in sexuellen Szenarien mit anderen Frauen, weil diese Bilder vielen Männern gefallen. Es ist also wesentlich leichter für die Menschen, zu begreifen, dass Sex zwischen Frauen heterosexuell sein kann und nicht automatisch lesbisch sein muss. Wenn man aber die Möglichkeit von „Mann-mit-Mann-Sex“ erwähnt, begegnet einem meist schallendes Gelächter. Heterosexuelle Männer leugnen, dass es passiert und viele sagen, dass das nur eines bedeuten kann: sie verleugnen ihre Homosexualität. Es wird Zeit, diese Doppelmoral aufzudecken und zu analysieren. Wenn sich zwei Hetero-Frauen auf der Tanzfläche küssen, um ihre Partner zu erregen, oder wenn Hetero-Frauen in Pornos Sex haben, dann sagt niemand: „Schau, diese armen lesbischen oder bisexuellen Frauen, die im Geheimen leiden! Sie müssen sich endlich zu ihrer Homosexualität bekennen!“ Warum? Weil wir den kulturellen Kontext, in dem diese Frauen sich berühren, verstehen. Auch wenn sie selbst erregt sind, sehen wir darin heterosexuelle Gründe – etwa um die Männer, die sie beobachten, zu erregen. Im Gegensatz dazu, haben uns essentialistische Interpretationen von männlicher Sexualität blind für das Überhandnehmen von homosexuellem Kontakt zwischen Hetero-Männern gemacht. Diese starren Vorstellungen haben dazu geführt, dass es fast unmöglich für uns ist, sich Sex zwischen heterosexuellen Männern vorzustellen. Es wird Zeit, dass wir darüber reden.

 

 

Warum gelten Männer dann gleich als homosexuell?

 

WARD: Es gibt eine Art „Ein-Mal-Regel“ für männliche homosexuelle Aktivitäten, die für Frauen nicht zu gelten scheint. Wenn Männer auch nur minimalen homosexuellen Kontakt haben, denken wir sofort, dass es ein „versteckter Homosexueller“ ist. Das ist Teil eines größeren Problems, das von dem Glauben herrührt, dass männliche sexuelle Lust unkompliziert, statisch und animalischer oder instinktiver ist als die weibliche Lust. Die meisten kulturellen Narrative über männliche Sexualität beschränken sich auf die Idee, dass männliche Lust und Erregung nicht aufzuhaltende, hydraulische Kräfte sind. Die Vorstellung, dass Männer sexuelle Erlösung erreichen müssen, wurde lange als Erklärung dafür hergenommen, um Sex zwischen Heteros in Gefängnissen oder Vergewaltigungen zu rechtfertigen. Was ich damit sagen will: uns wurde beigebracht, dass Männer viel weniger Kontrolle über ihre sexuellen Bedürfnisse haben als Frauen. Ich denke, das liegt daran, dass sich Menschen von der Idee, dass männliche Sexualität viele Nuancen haben kann und der weiblichen Sexualität ähnlich sein könnte, bedroht fühlen. Wenn Männer, die sich als heterosexuell bezeichnen miteinander rummachen können oder zusammen masturbieren können – Beispiele, die ich im Buch bespreche  –UND wenn sie gleichzeitig ein glückliches Hetero-Leben führen können, dann heißt das, dass Männer mehr sexuelle Wahlmöglichkeiten und Flexibilität haben, als wir ihnen zuschreiben. Das bedeutet auch, dass Sexualakte an sich nicht die brauchbarste Messeinheit dafür sind, ob ein Mensch – egal welchen Geschlechts – homo, bi oder hetero ist.

 

 

Die erste Frage, die bei diesem Thema aufkommt, ist: passiert das wirklich? Sie sagen ja – aber wo und in welchem Kontext?

 

WARD: Ja, das Buch bringt sogar Fotos als Beweise. Es passiert beim Militär, wenn Männer sich schikanieren und sich gegenseitig aufstacheln, es passiert in Internaten und Studentenverbindungen, in Biker-Gangs, betrunken auf Parties, in Wohnzimmern, in Gefängnissen. Es passiert überall, aber das gemeinsame Merkmal dieser Interaktionen ist, dass diese Männer sich selbst nicht als Homosexuelle sehen. Oft sehen sie es nicht einmal als sexuelle Aktivität an. Es gibt viele Beispiele im Buch, wie Hetero-Männer gegenseitig ihre Genitalien berühren – sie sehen das als „Witz“ oder trotzige Aktion an, gepaart mit homophoben Kommentaren, und nicht als sexuellen Akt. Viele der sexuellen Begegnungen, die ich im Buch beschreibe, passieren, weil diese Männer damit stärker wirken wollen, ihre Männlichkeit beweisen wollen und auch ihre Homophobie dramatisch zur Schau stellen. Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch.

 

Lesen Sie weiter auf Seite 2 >>>

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen