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Mentale Hocheffizienz: Das steckt hinter dem Phänomen "Mentale Hocheffizienz"

von

Eine Leseprobe aus dem Buch "Ich denke zu viel. Wie wir das Chaos im Kopf bändigen können" der französischen Psychotherapeutin Christel Petitcollin, die einen Ratgeber für mental hocheffiziente Menschen geschrieben hat.

PsycheChristel Petitcollin(Wienerin)

Camille ist um die zwanzig und studiert. Sie kommt zu mir in die Praxis, weil sie etwas gegen ihr »mangelndes Selbstvertrauen« unternehmen möchte. Sobald sie mir ihre Schwierigkeiten zu erklären versucht, wird sie von Emotionen überwältigt. Sie beißt sich auf die Lippen, hält die geballte Faust vor den Mund, kann die Tränen kaum zurückhalten und entschuldigt sich wieder und wieder für ihre »Überempfindlichkeit«. Gleichzeitig versucht sie ständig, sich »zusammenzureißen« und mit ihren Erklärungen fortzufahren.

Schritt für Schritt entsteht das Bild einer klugen und kreativen jungen Frau, die eigentlich noch keine ernsthaften Misserfolge verarbeiten musste. Ganz im Gegenteil. Zu ihrem eigenen Erstaunen schafft sie jedes Semester problemlos ihre Prüfungen. Objektiv gesehen läuft also alles bestens. Trotzdem nagen massive Selbstzweifel an Camille. Ihre Mitstudenten scheinen mit der Zeit immer sicherer zu werden. Sie zweifeln nicht, den richtigen Studiengang gewählt zu haben, und sind fest davon überzeugt, eines Tages ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

 

"Irgendwie hat sie ständig das Gefühl, allen etwas vorzumachen"

 

Camille hingegen fühlt sich zusehends deplatziert und fragt sich, ob sie überhaupt das richtige Fach studiert. Irgendwie hat sie ständig das Gefühl, allen etwas vorzumachen. Auch im sozialen Umgang empfindet sie sich als vollkommen anders als ihre Freunde. Die Interessen ihrer Kommilitonen scheinen meilenweit entfernt von dem, was sie selbst umtreibt. Dementsprechend verlaufen auch die Unterhaltungen im Bekanntenkreis. Sitzt sie abends mit Freunden zusammen, stellt sich bei Camille früher oder später ein Gefühl der Entfremdung ein. Urplötzlich fragt sie sich, was sie hier eigentlich treibt und was in aller Welt die anderen an diesem oberflächlichen Geplapper so toll finden. Die ganze Fröhlichkeit kommt ihr aufgesetzt vor. Und sie will eigentlich nur noch eins: so schnell wie möglich nach Hause.

 

Camille versucht schon seit einiger Zeit herauszufinden, was mit ihr nicht stimmt. Ständig scheint sie in einem Meer von Zweifeln und Fragen zu versinken. Die verrücktesten Ideen schießen ihr durch den Kopf. Sie spürt, wie sie immer unsicherer und ängstlicher wird. Der Weg in die Depression ist vorgezeichnet. Und Camille ist kein Einzelfall. Viele Menschen kommen in meine Praxis, weil sie wie Camille wissen wollen, warum sie sich in ihrem Umfeld fehl am Platz fühlen, warum sie sich
selbst nicht akzeptieren können und das Chaos in ihrem Kopf erst recht nicht.

 

Wie alle meine Bücher hat auch dieses seine Wurzeln in meiner praktischen Arbeit als Therapeutin. Seit siebzehn Jahren ist es mein Beruf, anderen Menschen zuzuhören, sie zu beobachten und zu versuchen, sie zu verstehen. Ich habe gelernt, was Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, »marsisches Zuhören« nennt. Dabei nimmt man das Gespräch des anderen so unbefangen auf, als käme man selbst vom Mars. Wie ein Tonband registrieren die Ohren bestimmte Worte oder Satzfetzen, die ständig wiederkehren. Auf diese Weise entdeckt man die Schlüsselworte für das Erleben des anderen, die grundsätzlichen Konzepte, um die sich seine Erzählungen drehen.

 

Eine ganz bestimmte Art von Sätzen kehrt bei einigen Menschen regelmäßig wieder, und diese Sätze sollten mich fortan intensiv beschäftigen:

• Ich denke zu viel.

• Meine Freunde meinen, ich sei kompliziert und stelle mir viel zu viele Fragen.

• Mein Kopf kommt nie zur Ruhe. Manchmal würde ich am liebsten den Stecker ziehen, damit mein Geist einfach mal aufhört, Gedanken zu produzieren.

 

Dazu kommen einige weitere Sätze, die das Bild vervollständigen:

• Ich habe das Gefühl, von einem anderen Planeten zu stammen.

• Ich finde meinen Platz einfach nicht.

• Ich fühle mich unverstanden.

Solche kleinen Sätze haben sich in mir zum Bild eines Typus Mensch verdichtet, der zu viel denkt.

 

Die verschiedenen Formen der mentalen Hocheffizienz

 

In Deutschland wird die mentale Hocheffizienz meist unter dem Stichwort »Hochsensibilität« behandelt. Dazu wurde 2007 in Bochum der gemeinnützige »Informations- und Forschungsverband Hochsensibilität« (IFHS, im Internet vertreten unter www.hochsensibel.org) gegründet. In wissenschaftlichen Kreisen ist der Begriff »hochsensibel« sehr neu und wird erst seit einer bahnbrechenden Veröffentlichung im höchst angesehenen Journal of Personality and Social Psychology aus dem Jahr 1997 verwendet, wo man von »sensory processing sensitivity« sprach. Dass man sich allgemein dagegen sträubt, das Beschwerdebild anzuerkennen, hat für die Betroffenen enorme Auswirkungen.

 

So manches Leben scheitert an dem Mangel an Selbstwertgefühl, der leicht zu depressiven Verstimmungen führen kann. Leider wissen nur wenige mental Hocheffiziente, worunter sie leiden. In Frankreich wurde zur Verankerung des Krankheitsbildes 2003 die Gappesm (Groupement Associatif pour la Protéction des Personnes Encombrées de Surefficience Mentale) gegründet, der »Verein zum Schutz von Menschen mit mentaler Hocheffizienz«. Die dort gemachten Erfahrungen wurden wie folgt zusammengefasst:

 

Die Entdeckung, mental hocheffizient zu sein, kann, wenn sie von der nötigen Akzeptanz und mentalen Reorganisation begleitet ist, auch im Erwachsenenalter noch dazu beitragen, das Leben für den mental Hocheffizienten erträglich zu gestalten. Auch wenn ein eventuelles berufliches und soziales Scheitern vielleicht nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, lassen sich doch zumindest die Symptome des depressiven Formenkreises positiv beeinflussen, ja vielleicht sogar überwinden.

 

Wenn ein mental Hocheffizienter weiß, worunter er leidet, versteht er die Welt wieder. Sowohl die Gappesm als auch der IFHS kämpfen gegen das negative Image, mit dem mental Hocheffiziente sich mitunter konfrontiert sehen. Dabei wird der Begriff »Hochbegabung« nach Möglichkeit vermieden. Die Gappesm spricht, was den Kreis der Betroffenen angeht, sogar von »allen, bei denen die Birne zu heftig glüht«. Das ist schon deshalb interessant, weil viele Phänomene der mentalen Hocheffizienz bislang unter dem Stichwort »Hochbegabung« beschrieben wurden. Dabei bleiben so manche Erscheinungen allerdings völlig unberücksichtigt. Die mentale Hocheffizienz als »Birne, die zu stark glüht«, umfasst die im Folgenden aufgezählten Phänomene:

 

Die Hochsensibilität der Sinne: Den davon Betroffenen erscheint die Welt zu hell, zu laut, zu stark riechend. Sie drängt ihnen eine Reizüberflutung auf, die den Alltag schwierig macht.

Die mentale Überflutung: Darunter leiden Menschen, die es einfach nicht schaffen, Struktur und Ordnung in ihre Gedankenflut zu bringen.

Die Wortflut: Davon Betroffene sprechen ihre Gedanken ständig laut aus, um dem rasenden Strom folgen zu können. Hierher gehören aber auch Menschen, die ihrem Gedankenfluss stotternd hinterherstolpern.

Die Hyper-Emotionalität: Die davon Betroffenen erröten leicht, fluchen oder schimpfen häufig und brechen schnell in Tränen aus.

Das ewig hungrige Gehirn: Die Betroffenen sind unstillbar neugierig und ständig auf der Suche nach neuen Informationen, auch wenn sich diese mitunter nur auf ein bestimmtes Gebiet beschränken.

Die Hyperaktivität: Sie betrifft Menschen, die sich mit Aufgaben überhäufen und total in ein Thema verbeißen, aber auch Menschen, die als emotionaler Schwamm nicht aufhören können, die Gefühle ihrer Umgebung aufzusaugen und daher ein massives Abgrenzungsproblem haben. Auf der anderen Seite zählen auch Erkrankungen des autistischen Formenkreises dazu, bei denen sich die Betroffenen von der Umwelt abkapseln müssen, weil ihr hyperaktives Gehirn die Reizfülle nicht bewältigen kann.

Das Asperger-Syndrom: Das Asperger-Syndrom, eine spezielle Form der mentalen Hocheffizienz.

 

Arkana Verlag

Über das Buch

Im Kopf herrscht ein ständiges Chaos? Der Geist steht niemals still, sondern arbeitet immer auf Hochtouren? Bei bis zu 30 % der Menschen ist das der Alltag, denn sie haben eine dominante rechte Gehirnhälfte. Christel Petitcollin, Psychotherapeutin und Kommunikationstrainerin, zeigt, wie man erfolgreich die Gedankenflut kanalisieren kann und endlich Ruhe im Kopf herstellt. Ihre hochaktuellen Forschungen weisen nach, dass Menschen mit dominanter rechter Gehirnhälfte überdurchschnittlich viel wahrnehmen, so dass sie unter einer ständigen Reizüberflutung stehen. Als Folge fühlen sie sich häufig unfähig, leistungsschwach und entwickeln Depressionen und Ängste. Damit sie den Alltag meistern können, hat Petitcollin ein revolutionäres Programm entwickelt, das hilft, die umfassende Wahrnehmungsfähigkeit und das häufig damit verbundene komplexe Gefühlserleben zu beherrschen und für sich nutzbar zu machen. Praxisnah, wissenschaftlich fundiert und mit vielen Techniken und Übungen zeigt Petitcollin einen leicht gangbaren Weg aus der Reizüberflutung hin zu mehr Lebensfreude.

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