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User-Beitrag: Wenn ich einmal dünn bin ...

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In ihrer Jugend war Alexandra magersüchtig, mit 12 wollte sie sich das erste Mal umbringen. Wie sie den Weg aus der Krankheit geschafft hat und als Mama von zwei Töchtern mit ihrem Körper umgeht, hat sie sich nun von der Seele geschrieben.

&quot;Zur Strafe verhungere ich jetzt&quot;

PsycheAlexandra Schleischitz(Wienerin)

Liebe geht durch den Magen, heißt es. Aber wo geht Hass hin? Und ist Magersucht vielleicht nur eine Magenverstimmung?

Als ich mit 12 Jahren und 39 Kilogramm heulend auf der Couch des Psychiaters auf der Kinderstation saß, hatte ich bereits meinen ersten Selbstmordversuch hinter mir. Ich war verzweifelt, ich war in die Magersucht hineingeschlittert und wusste weder ein noch aus. Dabei wollte ich doch nur ein bisschen abnehmen, ja, ich war nicht einmal übergewichtig gewesen. Aber die Models in den Zeitschriften sahen alle so glücklich aus – perfekt und makellos. Ich dachte, wenn ich es schaffen würde wie sie zu sein, dann würde alles wieder gut werden. Ich befand mich auf dem Weg in Richtung Erwachsenwerden und mit einem Mal war mir schlagartig bewusstgeworden, dass meine heile Familienwelt zu zerbrechen drohte. Dass es etwas gab, worüber bei uns nicht gesprochen wurde, und nun lüftete ich Schritt für Schritt dieses Geheimnis: Ausgerechnet meine liebe Mama litt selbst an einer schweren Suchtkrankheit und ich versagte bei dem Versuch, ihr zu helfen.

 

Zwei Schritte nach vorn, einer zurück

Nach diesem Selbstmordversuch brachte man mich ins Krankenhaus. Ich hatte großes Glück und wurde mehrere Monate dort und dann von einer Psychotherapeutin zu Hause ambulant weiterbetreut. Bei ihr konnte ich mich jede Woche aussprechen, sie stärkte mir den Rücken und half mir, meinen Weg in die Selbstständigkeit zu gehen, ohne den Mut dabei zu verlieren.

Denn dieser Weg war geprägt von Rückfällen. Als ich keine Kraft mehr hatte zu hungern, rutschte ich in die Bulimie ab. Immer wieder musste ich zurück ins Spital und immer wieder war die Hoffnung größer als die Resignation - eines Tages würde ich wieder gesund werden.

Mit circa 17 Jahren hörte ich auf, mich nach den Mahlzeiten zu übergeben. Aber ich war noch lange nicht gesund. Mitten in meiner Studienzeit setzte meine Pubertät ein -  ich hatte meinen Körper durch die Magersucht regelrecht lahmgelegt. Es dauerte noch einige Jahre bis ich meine Entwicklung aufgeholt hatte.

Es gab auch noch einige Krisen in meinem Leben nach der Bulimie: meine Mutter starb, mein erster Freund machte mit mir Schluss und mein Vater verfiel einige Zeit lang in schwere Depressionen. Aber ich habe mich nie wieder erbrochen! Ich habe gelernt, dass man sich in Krisensituationen Hilfe holen darf, dass man mit echten Freundinnen über Probleme reden kann und nicht immer perfekt sein muss.

 

Schwanger - was passiert jetzt mit meinem Körper?

Dann wurde ich zum ersten Mal schwanger. Mein erster Gedanke war: „Wie viel werde ich jetzt wohl zunehmen?“ Und mein zweiter: „Egal!“ Ich vertraute meinem Körper, ich genoss die Schwangerschaft und nahm 20 Kilo zu. Und es störte mich kein bisschen. Ich hätte meinem Kind niemals schaden wollen, indem ich ihm den Zugang zu den für ihn lebenswichtigen Nährstoffen verweigerte. Und wenn ich in den Spiegel sah, war ich stolz auf jedes Gramm an mir. Als ich magersüchtig war, hatte ich mehrere Jahre keine Menstruation mehr, ich war sehr dankbar dafür, überhaupt Kinder bekommen zu können.

Heute bin ich 33 Jahre alt und Mama von zwei bezaubernden Töchtern (ich habe übrigens auch in der zweiten Schwangerschaft 20 Kilo zugenommen und nach einem Jahr mit Stillen und moderatem Sport wieder abgenommen).

 

Das Leben ist zu kurz, um sich selbst fertig zu machen

Ich habe ein Buch über meine Lebensgeschichte geschrieben, es trägt den Titel „Zur Strafe verhungere ich jetzt“. Darin erzähle ich wie und warum ich magersüchtig wurde, von meinen Suizidversuchen und Krankenhausaufenthalten, ich analysiere meine Familiengeschichte und erzähle von den Auswirkungen der Essstörung bis in mein heutiges Leben.

Ich gehe mit dem Buch auch an Schulen, um jungen Menschen meine Geschichte zu erzählen. Ich wünsche mir für meine eigenen Töchter, dass sie einmal zu starken, unabhängigen Frauen heranwachsen.

Mit zwei und vier Jahren machen sie sich noch keine Gedanken über ihre Figur und ihr Aussehen. Ich versuche, ihnen ein gesundes Selbstwertgefühl mit auf den Weg zu geben. Ich erzähle ihnen, dass jeder Mensch, egal ob dick oder dünn, jemand ganz Besonderes ist und dass es gut ist, dass wir alle verschieden sind. Dass ihre Mama einmal so krank war, wissen sie noch nicht, aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dann werde ich ihnen ihre Fragen offen und ehrlich beantworten.

Ich möchte meine Töchter zu Menschen erziehen, die sich nicht davor scheuen, hinzuschauen, wenn es Probleme oder Ungerechtigkeiten gibt. Sie wissen, dass es Menschen gibt, die krank oder arm sind, und wenn sie etwas dazu wissen möchten, dann unterhalten wir uns darüber. Ich weiß nicht, ob ich alles richtigmache und welche Probleme meine Kinder später einmal beschäftigen werden, aber ich versuche, für sie da zu sein.

 

privat "Zur Strafe verhungere ich jetzt"

 

Heute bin ich gerne eine Frau, ich liebe es nach wie vor mich in Zeitschriften über die aktuellen Mode- und Beautytrends zu informieren, aber ich weiß auch, mit diesen retuschierten Bildern richtig umzugehen.

Ich habe Frieden mit meiner Familiengeschichte geschlossen. Und ich möchte auch nicht mehr länger „perfekt“ sein. Gerade als Mama erlebe ich diesen Druck untereinander sehr oft. Ich lese meine Geschichte dann auch gerne Erwachsenen vor, um sie daran zu erinnern, wie kostbar unsere Gesundheit ist, und dass das Leben zu kurz ist, um sich selber fertig zu machen.

 

 

Über die Gastautorin

Alexandra Schleischitz‘ Buch „Zur Strafe verhungere ich jetzt“ ist im E.Weber Verlag erschienen (10 Euro). Es ist sowohl im Buchhandel als auch online erhältlich. Anfragen, etwa für Lesungen, über alexandraschleischitz.jimdo.com.

Die Autorin ist 33 Jahre alt und lebt in Eisenstadt.

 

e. weber Verlag "Zur Strafe verhungere ich jetzt"

 

 

WEITERLESEN: "Eine Essstörung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Sensibilität" - wie unsere Gesellschaft Essstörungen befeuert

 

 

Target: Für diese Bademode-Kampagne wurde kein bisschen Photoshop verwendet

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