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Tod eines Verwandten: „Der ist einfach tot.“

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„So schnell stirbt man doch nicht“, habe ich mich öfters getröstet, wenn mich Ängste überkamen. Ängste, dass meinem Mann etwas passieren könnte oder meinen Kindern. Bis mich die Realität eiskalt überholte und zeigte, dass es doch ganz schnell gehen kann, wenn es das Schicksal will.

Tod eines Verwandten

Psycheanonym(Wienerin)

Samstagvormittag, das übliche Aufräumen; der Mann beim Einkaufen, die Kinder irgendwo im Haus verteilt. Ein Anruf meiner Mutter. Nichts Ungewöhnliches eigentlich. Doch schon an ihrer Stimme hörte ich, dass etwas nicht stimmte. „Der Partner deiner Schwester ist gerade tödlich verunglückt“, sprach sie unverblümt das Unfassbare aus. Und startete damit den Film, der seither nicht mehr aus meinem Kopf geht. Wahrscheinlich habe ich mich erst einmal hingesetzt, ganz genau weiß das jetzt nicht mehr. Aber ich erinnere mich an den Anruf bei meiner Schwester, den ich gleich darauf machte, rund eine halbe Stunde nach dem Unfall. Sie sagte nicht viel. Aber das Wenige hallt bis heute in meinem Kopf wieder: „Der ist einfach tot.“ „Ich komme zu dir“, sagte ich nur, „ich komme und hole dich heim.“

Die Freundin, bei der wir die Kinder unterbrachten, gab mir einen Rat mit auf die Fahrt: „Stell ihr keine Fragen. Sie kann jetzt nichts entscheiden. Frag sie nicht, was sie essen möchte oder wo sie schlafen möchte. Sag einfach: Ich bleibe heute bei dir.“ Wortlos stiegen mein Mann und ich in sein Auto. Genauso wortlos saßen wir rund dreieinhalb Stunden nebeneinander. Immer wieder sah ich auf mein Handy. Schaute nach, ob etwas über den Unfall im Internet zu lesen wäre. Erst später, so wurde uns dann erzählt, als wir schon bei ihr waren, kam die Nachricht im Radio. Sogar meine Tochter hörte sie. Nicht wissend, dass ihre Tante selbst Teil dieser Nachricht geworden war.

In der weiteren Folge lief alles wie abgesprochen – obwohl doch nichts gesagt war. Wir holten meine Schwester und alle Sachen ab und fuhren mit zwei Wägen heim. Wieder wortlos. Noch ein Stück befangener als bei der Hinfahrt. Denn mit meiner Schwester neben mir war das, was erst noch wie ein böser Traum erschienen war, Realität. Nur einmal brach sie in Weinen aus. Ansonsten war es still. Abends saßen wir dann wieder wortlos nebeneinander. Die Tränen rannen uns über die Wangen. Sagen konnten wir nichts.

Noch nie hatte ich so einen Schmerz gefühlt. Einen Schmerz, der gar nicht mein eigener war. Zum Partner meiner großen Schwester hatte ich kein besonderes Naheverhältnis. Ab und zu gemeinsame Ausflüge, ein paar Tage Schifahren gemeinsam; freundschaftlich, aber nicht intensiv. Mit meiner Schwester hingegen bin ich eng verbunden – mal mehr, mal weniger. Geschwisterliebe eben. Sie nun so leiden zu sehen, das lehrte mich zu ersten Mal, was es heißt, wenn ein Herz bricht.

In den folgenden Tagen funktionierte ich einfach. Ich versuchte, meiner großen Schwester alles aus dem Weg zu räumen, was sie belasten könnte. Holte die restliche Kleidung von der Bestattung ab, besprach mit der Bestatterin Details für die Beerdigung. Ich rief sogar beim Rundfunk an und beschwerte mich, dass sie zweimal dieselbe Meldung online gebracht hatten. Ich dachte, das würde meine Schwester schmerzen. Sie aber bekam es gar nicht mit.

Der Versuch eines Lebens danach

Wie in Trance vergingen diese Tage. Wenn mich Leute fragten, wie es uns gehe, antwortete ich aus der Seele heraus: „Besch…“. Nach rund einem Monat ließ der Schmerz bei mir langsam nach. Er kommt wieder, wenn ich meine Schwester ansehe, die langsam versucht, in ihr Leben zurückzufinden – oder eigentlich sich ein neues aufzubauen. Vieles muss sie hinter sich lassen, nicht nur das gemeinsame Leben, auch Hobbys, die sie geteilt haben, fallen ihr schwer auszuüben. Es wird sich anderes ergeben und wir versuchen, so gut wie möglich für sie da zu sein. Mehrmals die Woche war sie zu Beginn am Abend bei uns. Mein Mann hatte nie etwas dagegen, wofür ich ihm unendlich dankbar bin. Auch meine Kinder schmiegen sich an sie, wenn sie kommt, als wollten sie ihr die körperliche Nähe geben, die sie zurzeit vermisst.

Wie es mir geht, hat mich schon lange niemand mehr gefragt. Ich mache das mit mir selbst aus. In Form einer Geschichte, die ich in meinem Kopf herumtrage. Heute habe ich mich hingesetzt und sie endlich aufgeschrieben. Jetzt, während ich es mache, laufen die Tränen über meine Wangen. Der Film von jenem Tag, er wird wohl nie wieder aus meinem Kopf verschwinden. „So leicht stirbt man doch nicht“ ist „Er ist einfach tot“ gewichen. Oftmals am Tag holt dieser Satz mich ein: Wenn ich an Erlebnisse denke oder Fotos ansehe, schießt es mir unweigerlich durch den Kopf: „Das war, als alles noch in Ordnung war“. Wenn die Radiowerbung von „ein bisschen tot“ spricht, kommt unweigerlich der Anruf meiner Mutter in mir auf, selbst bei einem Konzert letztens kamen die Tränen: „What a difference a day makes“! Meine Schwester stand damals fröhlich neben mir – so unterschiedlich nimmt man Momente wahr.

Wie es ihr geht, rund ein halbes Jahr nach dem Unfall? Manchmal besser, manchmal schlechter. Ich versuche jedenfalls, für sie da zu sein. „Es“ dauert ein Jahr, sagen uns viele, die meinen, sich damit auszukennen. Das erste Frühjahr, der erste Sommer, der erste Urlaub, der erste Herbst, das erste Weihnachten – allein. Wer weiß, wann dieser Schmerz vergeht. Oder anders gefragt: ob er vergehen muss. Er ist ein Teil von uns geworden, stiller Begleiter, der manchmal ganz verborgen bleibt und dann wieder, wenn man ihn nicht erwartet, aufspringt und laut „hier“ schreit. „What a difference a day makes“ – in diesem Fall war es kein Tag, sondern ein Bruchteil einer Sekunde, der uns gelehrt hat, das Glück nicht für die Ewigkeit gepachtet zu haben.

 

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