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Luzides Träumen: Das steckt wirklich hinter dem Phänomen "Luzides Träumen"

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Wer knapp 40 Jahre auf der Welt ist, hat im Durchschnitt 13 Jahre geschlafen und etwa drei Jahre davon geträumt. Blöd nur, dass sich Autorin Andrea Burchhart kaum an ihre Träume erinnern kann. Für die WIENERIN hat sie hart an ihrem Traumbewusstsein gearbeitet.

PsycheAndrea Burchhart (Wienerin)

Ich könnte trotz meiner bescheidenen Cello­künste einen glanzvollen Soloauftritt im Goldenen Saal des Musikvereins hinlegen. Ohne Training als Erste den Vienna City Marathon beenden. Eine heiße Nacht mit einem Hollywoodstar verbringen. Gespräche mit Alma Mahler führen oder einfach nur schwerelos durch die Gegend fliegen.

Wäre ich Klarträumerin, könnte ich all das in luziden Träumen tatsächlich erleben. Ein luzider Traum ist ein Traum, in dem sich der schlafende Mensch bewusst ist, dass er träumt. Man übernimmt die Kontrolle und nimmt dabei völlig reale Empfindungen wahr. Bewusst in Träume einsteigen, Regie führen und Hauptdarstellerin zugleich sein – das ist die Kunst des luziden Träumens. Und die möchte ich erlernen!

 

Mein Weg zur Klarträumerin

 

„Klarträumen in nur einer Nacht“ verspricht der YouTuber Orkhan. Klingt verführerisch. Ich klicke mich rein und werde mit – wie Orkhan sagen würde – „krassem Zeug“ konfrontiert. Zwanzig Minuten und 500 Mal „krass“ später erfahre ich, dass ich mich einfach am besten permanent mit dem Träumen auseinandersetzen und mehrmals täglich meinen Bewusstseinszustand mit der Frage „Träume ich gerade oder bin ich wach?“ überprüfen sollte. Wer im Alltag nämlich die „Reality checkt“, der übernimmt diese kritische Haltung auch im Traum.

 

Ich male mir also einen roten Punkt als Erinnerung auf den Handrücken. Circa 17 Mal in der Stunde frage ich mich, ob ich träume oder wach bin. Und ja: Ich komme mir dabei schon ein wenig seltsam vor. Am leichtesten, meint Orkhan, „crasht“ man in luzide Träume während der REM-Phasen. Träume kommen bekanntlich von Hirnaktivität. Wenn das Gehirn auf Hochtouren läuft, die Augen sich schnell bewegen, Blutdruck und Herzfrequenz steigen und sich die Atmung beschleunigt, ist also die beste Zeit, um ins Geschehen einzusteigen. Der Tipp des YouTubers: sich alle vier bis sieben Stunden von einem Wecker aufwecken lassen und dann für fünf bis 50 Minuten wach bleiben. In der Wartezeit dürfe man allerdings nicht zu wach werden, aber auch nicht zu müde, und überhaupt sei da jede/r „voll individuell“, und das müsse jede/r dann für sich selbst rausfinden.

 

Ähm – echt jetzt? Wo ich doch nach acht Jahren kinderbedingter nächtlicher Ruhestörungen endlich sechs Stunden am Stück schlafen kann, soll ich mich aufwecken lassen, um zu träumen? Will ich das wirklich?

 

Wer luzid träumen will, muss an seiner Traumerinnerung arbeiten

 

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie ich in diversen Klartraum-Foren erfahre, kann Orkhans Plan sowieso nur in den seltensten Fällen aufgehen. Wer luzid träumen will, so erfahre ich, muss zunächst an seiner Traumerinnerung arbeiten. Dazu soll ich unbedingt ein Traumtagebuch führen.

 

Und was, wenn ich mich an rein gar nichts erinnern kann? Simon Rausch von der School of Oneironautics, also der „Schule der Traumreisenden“, empfiehlt: „Wenn Sie sich zu Beginn an keinen Traum erinnern, notieren Sie, wie Sie geschlafen haben. Alleine die Absicht, dass Sie Ihre Träume festhalten wollen, wird Ihre Traumerinnerung verbessern.“ Klingt machbar. Ich lege also ein Notizbuch griffbereit neben das Bett. Kommt mir ein Gedanke, schreibe ich ihn auf.

 

In den ersten paar Nächten bleiben die Seiten fast leer. Doch nach und nach werden die Erinnerungen an meine nächtlichen Abenteuer klarer. Oft greife ich morgens schlaftrunken nach dem Büchlein und notiere Wortfetzen wie „riesige Himbeere“ oder „hüpfe wie ein Gummiball“. Im Buch Träume, was du träumen willst: Die Kunst des luziden Träumens (mvg Verlag, € 17,50) rät der Autor Stephen LaBerge dazu, die genaue Traumabsicht zu formulieren und niederzuschreiben; also so etwas wie „Ich spiele heute Nacht ein Konzert, und wenn ich davon träume, werde ich mich daran erinnern“.

 

Klarträume sind ein Phänomen, das angeblich jeder erleben kann

 

Wenn LaBerge sagt, dass das hilft, dann muss es wohl stimmen. ­LaBerge zählt immerhin zu den führenden Wissenschaftern auf dem Gebiet der Klartraumforschung. Im Rahmen seiner Disserta­tion konnte er 1978 den Beweis liefern, dass es sich bei luziden Träumen um ein reales Phänomen handelt.

 

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Klarträume sind ein Phänomen, das angeblich jeder erleben kann. Trotzdem will es bei mir nicht so recht klappen. Ich frage bei Brigitte Holzinger nach, die Psychotherapeutin leitet das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien, das sich der wissenschaftlichen, therapeutischen, künstlerischen und spirituellen Erschließung des Traums und des Träumens verschrieben hat.

 

„Ja, jeder kann lernen, luzid zu träumen. Nur bei sehr alten Menschen ist es schwierig. Meistens hapert es daran, dass die Leute einfach zu wenig schlafen. Klarträume treten vorzugsweise in den REM-Phasen des Schlafes auf. Je länger man schläft, desto mehr REM-Phasen enthält der Schlaf. Am leichtesten entwickeln sich luzide Träume am Vormittag. Ein Trick ist, mit dem Gedanken an einen Traum, an den Sie sich gut erinnern können, einzuschlafen.“ Wichtig sei außerdem die richtige Einstellung. „Es klappt einfach! Hoffen Sie nicht oder glauben Sie nicht, sondern sagen Sie sich: ‚Ich weiß, nächstes Mal, wenn ich träume, weiß ich, dass ich träume.‘“ Nikotin und Alkohol – „Da reicht auch schon ein Achterl!“ – sind übrigens Feinde des Klar­träumens, Sauerstoff kann hingegen dabei helfen.

 

Kampf gegen Albträume

 

Echte Pionier­arbeit hat Holzinger bei der Erforschung von luzidem Träumen als Technik zur Albtraumbewältigung geleistet. Allein das Wissen, dass man beispielsweise das Monster, das einen im Traum verfolgt, einfach ansprechen und klein machen kann, bringt Entlastung. Auch bei traumatisierten Personen kann sich belastenden Themen in der Traumarbeit gewidmet werden.

 

Die Angst, man könne durch luzides Träumen wichtige Erholungsphasen verlieren, sei unbegründet. „Ganz im Gegenteil: Dieser paradoxe Zustand euphorisiert geradezu. Auch wenn schwierige Fragen im Traum bearbeitet werden und wir dabei ähnlich denken wie im Wachzustand, geht es uns danach besser. Wir fühlen uns regeneriert und sind extrem gut drauf.“

 

Einer Umfrage zufolge haben etwa 25 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher schon einmal einen luziden Traum gehabt. „Ganz aktuell haben wir in einer Studie herausgefunden, dass Schichtarbeiter interessanterweise wenig, wenn, dann aber luzid träumen. Das liegt an der veränderten Schlafstruktur“, sagt Holzinger. Als nächstes Forschungsprojekt möchte sie untersuchen, inwieweit luzides Träumen Heilungsprozesse unterstützen könnte. Mir würde vorerst mal ein traumhafter Auftritt im Musikverein reichen …

 

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Kommentare

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1 Kommentare
Gast: Simon Rausch
10.08.2017 21:24

Klasse Artikel!

Vielen Dank für die Erwähnung :) Wer das Klarträumen lernen will, findet viele Infos + Anfänger Anleitung hier: http://www.school-of-oneironautics.de/klartraum-anfaenger-anleitung/