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Psychische Gesundheit: Psychische Erkrankungen bei Frauen: Wenn Instagram und "Work-Life-Balance" krank machen

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Wir haben mit einer psychosozialen Beraterin über die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen, ihre gesellschaftlichen Ursachen gesprochen und herausgefunden wie feministische Beratung gezielt helfen kann.

PsycheArnika Zinke(Wienerin)

Psychische Krankheiten haben auch heute noch einen schweren Stand in unserer Leistungsgesellschaft. Zwar steigt die Akzeptanz für diverse Therapieformen langsam an, trotzdem werden Erkrankungen immer noch tabuisiert und sind mit jeder Menge Klischees behaftet.

Trotz dem stetig wachsenden Bedarf an psychologischen Behandlungsmethoden (die WHO schätzt, dass jährlich vier von 15 Menschen bereits an Angststörungen oder leichten Depressionen erkranken) , bieten die österreichischen Krankenkassen immer noch viel zu wenig Unterstützung für Betroffene an. Das Portal medmix.at schätzt sogar, dass "von den rund 900.000 Patienten [in Österreich, Anm.], die mit Antidepressiva versorgt werden, nicht einmal 15 Prozent in einer psychotherapeutischen Behandlung sind".

Statt den Problemen also in einer Therapie auf den Grund zu gehen bleibt vielen der Zugang zu diesen aufgrund fehlender finanzieller Mittel verwehrt. Blickt man auf die stetig wachsende Statistik von Essstörungen unter (jungen) Frauen, sowie der steigenden Zahl an Burnout-Erkrankungen, ist die fehlende Unterstützung durch psychotherapteurische Behandlung besonders bedenklich.

 

Bettina Zehetner ist psychosoziale Beraterin bei der Beratungsstelle "Frauen beraten Frauen" und sprach mit uns über die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Frauen und welchen Einfluss gesellschaftliche Normen auf unsere mentale Gesundheit haben.

Mit welchen psychischen Erkrankungen kommen Frauen derzeit am häufigsten zur Frauenberatungstelle?

Bettina Zehetner: Viele Frauen sind stark belastet durch Partner, die psychische und /oder physische Gewalt ausüben (mehr dazu hier), sowie durch krank machende Arbeitsverhältnisse. Viele leiden unter lebenseinschränkender, immer wiederkehrender Traurigkeit, depressiven Verstimmungen, Ängsten, Überlastung und Erschöpfung, Schlafstörungen, psychosomatischen Beschwerden und chronischen Schmerzen.

 

Worauf sind diese Erkrankungen zurückzuführen?

Mädchen und Frauen leiden unter gesellschaftlichem Druck und unerfüllbaren, sich widersprechenden Rollenbilder. An Frauen werden immer neue Ansprüche gestellt: Sie müssen am Arbeitsmarkt flexibel sein, trotzdem gelten aber die alten Ansprüche der Hauptverantwortung für Sorgearbeit für sie. Die klassische Rollenverteilung hat also für beide Geschlechter immer noch sehr viel Gewicht, ein Gewicht, das sich bekanntermaßen auf die finanzielle Absicherung und die Karrieren von Frauen deutlich negativ auswirkt. Und Armut ist wiederum ein stark gesundheitsgefährdender Faktor. Viele Frauen sind auch von verdeckter Wohnungslosigkeit betroffen, sie lösen sich nicht aus einer ihnen schädlichen Beziehung, um die Wohnmöglichkeit nicht zu verlieren. Oft ist in solchen Situationen auch Gewalt durch den Partner ein Thema. Das "Private" ist also durch und durch politisch.

 

Der gesellschaftliche Druck auf Frauen und Mädchen wird immer größer. Enormer Leistungsdruck und unerreichbare Schönheitsideale werden mit der Flut an (gemorphten) Bildern von genormten weiblichen Körpern in den sozialen Medien gepaart.
Bettina Zehetner

Wie kann feministische Beratung hier weiterhelfen?

Feministische Beratung bietet einen Ausweg aus dieser Vereinzelung und Schuldzuschreibung, indem sie die gesellschaftlichen Bedingungen von Leidenszuständen miteinbezieht. Der "Klassiker" ist ja auch die sogenannte "work-life-balance", die uns immer als individuelle Herausforderung präsentiert wird. Das Problem ist aber, dass wir strukturelle Probleme nun einmal nicht auf der individuellen Ebene zu lösen können. Das wird auch am Phänomen Burnout deutlich. Wir wollen mit der emanzipatorischen Beratung dazu anregen, Anforderungen in Frage zu stellen, anstatt allen Normen zu entsprechen.

 

Gibt es einen Unterschied zwischen psychischen Erkrankungen bei Frauen und Männern? 

Ja, nicht nur meiner Meinung nach. Das ist auch durch viele ExpertInnen und Studien belegt. Krankheit und Geschlecht sind oft eng miteinander verknüpft: Frauen und Männer verkörpern Geschlechternormen in Form von psychischen und psychosomatischen Krankheiten. Bestimmte psychosomatische Krankheitsbilder treten bei Männern und Frauen in stark unterschiedlicher Häufigkeit auf und sind unterschiedlich sozial „legitim“: Essstörungen, Angststörungen und Depressionen sind vom Rollenbild her eher „akzeptabel“ für Frauen als für Männer. Selbst die ärztliche Verschreibungspraxis ist geschlechtsspezifisch: Zwei Drittel aller Beruhigungsmittel werden Frauen verschrieben!

 

Männer externalisieren tendenziell eher, während Frauen die Aggression gegen sich selbst richten.
Bettina Zehetner

Essstörungen sind also auch eine Reaktion auf gesellschaftliche Normen?

So manche Essstörung wirkt mit ihrer Übererfüllung von Weiblichkeitsnormen wie eine Karikatur ebendieser: Man beschäftigt sich dauernd mit dem eigenen Gewicht und strebt danach, ja nicht zuviel Raum einzunehmen und sich dem geforderten Schönheitsideal anzupassen – gleichzeitig stellt das extrem Magere eine demonstrative Anklage gegen eben diese Normen dar.

 

Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Die Anorektikerin hungert ihren Körper als Projektionsfläche für Weiblichkeitsklischees aus und versucht so, Autonomie (zurück) zu gewinnen. Die Bulimikerin präsentiert nach außen hin genormte Weiblichkeit und würgt die Zumutungen heimlich, im Verborgenen, wieder hervor. Essstörungen verkörpern gesellschaftlich bedingte Konflikte. Das Bewusstmachen gesellschaftlicher Strukturen in der Beratung als Ursache für Überforderung und Krankheit eröffnet neue Perspektiven auf die eigene Handlungsfähigkeit und neue Gestaltungsmöglichkeiten von Weiblichkeit und Männlichkeit.

 

Inwiefern spielen traditionelle Geschlechternormen eine Rolle in der Entstehung psychischer Krankheiten?

Auch das Konzept hegemonialer Männlichkeit macht krank! Männliche Sozialisation zielt auf Härte, Unverwundbarkeit, Unempfindlichkeit gegenüber Schmerzen und instrumentellen Körpereinsatz. Aus diesem Männlichkeitsbild ergibt sich ein Tabu, Hilfe zu suchen. Männer gehen seltener und später zum Arzt, leben risikoreicher (zB beim Sport, beim Autofahren, bei Alkoholkonsum und Ernährung) und sterben früher als Frauen. Frauen und Männer werden sozialisiert, ihre Gefühle unterschiedlich zu zeigen. Während Männer tendenziell eher externalisieren, richten Frauen Aggression eher gegen sich selbst (in Form von Depressionen, Dauerdiäten, etc.). Dieses Gegen-sich-selbst-Richten von Aggression kann auch zu psychogenen Schmerzen und Erschöpfung führen - unauffällige aber extrem belastende Symptome, die immer häufiger Thema in der Beratung werden.

 

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Gibt es psychischen Erkrankungen die sich, nach Ihrer Beobachtung, in den letzten Jahren gehäuft haben?

Immer häufiger zu beobachten sind Essstörungen, Depressionen oder selbstverletzendes Verhalten. Aber auch psychogene Schmerzen [Schmerzen ohne identifizierbare körperliche Ursache, Anm.] oder psychosomatische Beschwerden, die oft im Zusammenhang mit Überforderung und Burn-Out auftreten.

 

Mittlerweile warnen immer mehr Studien, dass Erkrankungen wie Anorexie, Bulimie, aber auch Depressionen vor allem bei jungen Frauen gehäuft auftauchen. Können Sie das bestätigen?

Das ist richtig. Das liegt daran, dass der gesellschaftliche Druck auf Frauen und Mädchen immer größer wird. Enormer Leistungsdruck und unerreichbare Schönheitsideale werden mit der Flut an (gemorphten) Bildern von genormten weiblichen Körpern in den sozialen Medien gepaart. Das beeinflusst viele junge Frauen.

 

Mehr dazu hier:

Es gibt ein noch schädlicheres Körperbild als jenes von Victoria's Secret

„Eine Essstörung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Sensibilität"

 

Kann man eine psychische Erkrankung selbst erkennen?

Das klarste Kriterium ist der eigene Leidensdruck, sich selbst und seine Gefühle ernstzunehmen ist ein guter Leitfaden.

 

Gibt es bestimmte Verhaltensweisen, die man präventiv meiden kann?

Auf die eigenen Bedürfnisse achten, sich Zeit für sich nehmen, Dinge tun, die Ruhe und Wohlbefinden steigern, Frustration und Ärger nicht in sich "hineinfressen", sondern zum Ausdruck bringen.

 

Wie kann man als FreundIn/ Familienangehörige helfen?

Ein offenes Ohr haben und professionelle Beratung empfehlen, zum Beispiel als ersten, niederschwelligen Schritt eine anonyme Online-Anfrage auf www.frauenberatenfrauen.at. Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, nicht alles allein durchstehen zu müssen.

 

Über "Frauen beraten Frauen"

Dr.in Bettina Zehetner ist psychosoziale Beraterin der Frauenberatung Wien, zertifizierte Onlineberaterin, Initiatorin der Onlineberatung frauenberatenfrauenONLINE (ausgezeichnet mit dem Mobilkom Award für digitale Kommunikation 2009) und Lehrbeauftragte an den Instituten für Philosophie und Soziologie der Universität Wien.

Denn Begriff "psychische Krankheit" sieht die Expertin im Übrigen kritisch: "Das Für-Verrückt-Erklären von Frauen war und ist eine patriarchale Herrschaftsstrategie. Wir fragen in der Beratung vielmehr nach den Ursachen von Belastungen und Beschwerden, die häufig in Lebensumständen und Gewalterfahrungen liegen. Im Gespräch entlasten wir die Frau von der Vorstellung, sie wäre die einzige, die diese Probleme hat. Es ist kein persönliches 'Versagen', unter Überforderung oder ungerechter Behandlung zu leiden und Beschwerden zu entwickeln. Im Gegenteil: Solche Beschwerden können erste Schritte zu einer Veränderung sein."

Mehr über die feministische Beratung auf frauenberatenfrauen.at.

 

 

Video: Lena Dunham kritisiert Einstellung zum Krankenstand

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