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Alkohol: Gute Trinkerin, schlechte Trinkerin?

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Trinken ist bei uns ganz normal. Und trotzdem kompliziert – vor allem, wenn man eine Frau ist. Ein historischer und soziologischer Ausflug in weibliche Trinkwelten.

zwei junge Frauen trinken Wein

PsycheLjubiša Buzić(Wienerin)

In jeder Kultur, die jemals erforscht wurde, gelten für Frauen beim Trinken strengere Regeln als für Männer." Das schreibt Elisabeth Raether im Vorwort zu ihrem Buch Die trinkende Frau (Piper-Verlag, € 14,40). Als Kolumnistin hat sie fünf Jahre lang für das Zeit Magazin über ihre Erlebnisse als trinkende Frau geschrieben und einiges über gesellschaftliche Rollenbilder, Bewertungen und ungeschriebene Gesetze reflektiert.

 

Nur im Geheimen

Wie streng diese Gesetze für Frauen sein können, zeigt ein Blick in die gar nicht so weit entfernte Vergangenheit. Mit der Freundin auf einen Spritzer zu gehen kam nämlich für eine "ehrbare" Frau in den 1950er-Jahren gar nicht infrage. Das heißt aber nicht, dass Frauen gar keinen Alkohol tranken. Das damalige "Lifestyle-Getränk" für eine Dame hieß Frauengold. Es wurde verkauft als "Stärkungsmittel" für Frauen (und in den 1980ern als krebserregend verboten). Es war rezeptfrei in der Drogerie erhältlich und hatte einen Alkoholgehalt von 16,5 Prozent. Und es machte sich unauffällig im Einkaufswagen. Beliebt waren damals auch Gesundheitspräparate wie Klosterfrau Melissengeist (mit 79,9 Prozent Alkohol) oder Duftwässerchen wie Kölnisch Wasser. Nicht zufällig wurde dafür der Begriff "Kölnisch Wasser-Alkoholismus" geprägt.

 

Männerwelten, Frauenwelten

Verstecktes Trinkverhalten bei Frauen ist nicht so überraschend für Jana Mikats, Geschlechtersoziologin an der Uni Graz. Es hat ihrer Ansicht nach mit der Vorstellung der bürgerlichen Kernfamilie und der Rollenverteilung der Zeit zu tun: "In dieser Vorstellung gibt es Männerarbeit und Frauenarbeit. Es geht sogar noch weiter: Es gibt eine Männerwelt und eine Frauenwelt. Die Frauenwelt ist zu Hause bei den Kindern. Die Männerwelt ist draußen in der Arbeit, in der Wirtschaft und Kultur."

Alkohol zu trinken hatte in der "Männerwelt" eine soziale Komponente, erklärt Mikats: "Männerbünde, Geschäftsessen - das waren Dinge, an denen Frauen nicht teilnehmen konnten. Das hat sich bei uns erst seit den 1970er-Jahren verstärkt geändert."

Heute ziehen Frauen im Beruf und im Trinken immer schneller den Männern nach. Auffällig dabei: Je höher der Bildungsgrad, desto mehr Alkohol trinken Frauen. Das zeigten Wissenschaftlerinnen der London School of Economics. Akademikerinnen waren demnach dem Trinken am meisten zugetan.

 

Trinken "wie ein Mann"

Unterscheidet sich dann der Alkoholkonsum zwischen den Geschlechtern heute überhaupt noch so sehr? Ja, in mehreren Punkten, z. B. in der Motivation, sagt Doris Heinzen-Voß, die das Buch Geschlecht und Sucht (Pabst Science Publishers, € 20,60) herausgegeben hat. "Frauen trinken eher, um Aufgaben und Rollenanforderungen gerecht zu werden, also um zu funktionieren. Aber eben auch, um mal aufzubegehren, sich aufzulehnen, auch um Grenzen zu überschreiten", so Heinzen-Voß. "Bei Männern ist es wirklich so, dass Trinken zum Männlichkeitsprofil gehört. Wer viel trinken kann, ist ein echter Kerl."

Noch nie dürfte ein Mann es als Kompliment verstanden haben, dass er trinkt wie eine Frau.

Dass sie trinken kann wie ein echter Kerl, ist wohl eines jener zweifelhaften Komplimente, die eine Frau öfter hört, wenn sie Geschlechterklischees überwindet. Die "coole Frau" mit dem Whiskeyglas verdient sich mehr Anerkennung als der Mann, der am Hugo nippt. Noch nie dürfte ein Mann es als Kompliment verstanden haben, dass er trinkt wie eine Frau.

"Weil es da eine Hierarchie gibt, nämlich: Männlich ist besser, weiblich schlechter", sagt Mikats. "Männerberufe sind besser bezahlt als Frauenberufe, Macht ist nach wie vor männlich. Und deshalb lässt sich erklären, dass Frauen sich dann männlichen Attributen annähern."

 

Immer noch ungleich

Doch allzu sehr über die Stränge schlagen darf frau in diesem komplizierten Bewertungssystem trotzdem nicht: "Exzessiver Alkoholkonsum passt zwar gut in eine klassische Männlichkeitskonstruktion. Bei Frauen schaut das aber anders aus: Er irritiert. Er passt nicht zu diesem klischeehaften Bild - die Frau ist sanft, kümmert sich um ihre Kinder, was auch immer. Und wenn sie trinkt, kann sie ihren Pflichten nicht nachkommen."

Zusätzlich wird eine Frau, die es übertrieben hat, schnell in die passive Rolle gedrängt:"Da muss man dann auf sie aufpassen, sie nach Hause bringen. Der weibliche Exzess wird tendenziell mehr als Abweichung empfunden als bei Männern." Bis auf Weiteres gilt also auch hier: Es bleibt kompliziert.

 

So wirkt Alkohol bei Frauen

Weil Frauen im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht einen höheren Fettanteil und zehn Prozent weniger Wasser als Männer haben, verteilt sich der Alkohol auf weniger Flüssigkeit. Deshalb ist die Blutalkoholkonzentration im weiblichen Körper bei gleicher getrunkener Menge höher. Das macht uns schneller beschwipst, führt aber auch zu einer größeren Anfälligkeit für Krankheiten wie Leberzirrhose, Herz-und Hirnschäden. Bei täglichem, auch geringem Alkoholkonsum erhöht sich außerdem das Brustkrebsrisiko.

Die beruhigende Wirkung von alkoholischen Getränken scheint sich im weiblichen Organismus jedoch weniger stark bemerkbar zu machen. Das beweist eine Untersuchung der University of North Carolina. Versuche mit Ratten, deren hormoneller Zyklus dem menschlichen ähnelt, zeigen diesen Unterschied. Alkohol beeinflusst unseren Körper derartig stark, dass Alkoholikerinnen 20 Jahre früher sterben als Frauen, die keinen Alkohol trinken.

 

So wirkt Alkohol bei Männern

Männer haben einen höheren Wasseranteil und deutlich aktivere Alkohol abbauende Enzyme. Das führt dazu, dass sich der Alkohol im Körper schneller verteilt und abbaut.

Trotzdem können Leber, Gehirn, Herz-Kreislauf-System, Magen und Bauchspeicheldrüse schweren Schaden nehmen. Ist die männliche Leber stark mit Alkoholzersetzung beschäftigt, schafft sie es nicht mehr, ausreichend Fett abzubauen. Das führt zum klassischen Bierbauch und einem gestörten Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Sexualhormonen. Das hat oft Gynäkomastie und Potenzprobleme zur Folge. Dabei reicht das Spektrum von Erektionsstörungen bis hin zur Impotenz. Das männliche Gehirn schüttet beim Konsum von Alkohol größere Mengen des Glückshormons Dopamin aus, was oft in einer Selbstüberschätzung mündet.

Männer mit regelmäßigem Alkoholkonsum sterben ungefähr 17 Jahre früher als Nichttrinker.

 

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