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Protokoll: "Wodka ist mein Getränk"

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Mit 13 trank sie regelmäßig, mit 14 hatte sie ihr schlimmstes Blackout: Eine trockene Alkoholikerin, heute 26 Jahre alt, erzählt von ihrer Sucht nach Sicherheit.

junge Frau schenkt sich ein Glas Wein ein

PsycheProtokoll: Barbara Haas(Wienerin)

Wodka ist mein Getränk. Ich mag es nicht, wenn Alkohol Geschmack hat, ich möchte seine Wirkung. Und die spürte ich zum ersten Mal, als ich zehn Jahre alt war. Ja, kein Scheiß. Ich heiße Anna*, heute bin ich 26 Jahre alt, hab ein kleines Kind und bin - wie man so schön sagt - trockene Alkoholikerin. Aber von meinem zehnten Lebensjahr bis ich fast 20 war, hatte ich täglich meinen Rausch. Am Tag immer nur so viel, dass ich noch gut ansprechbar war, aber am Abend gab ich mir die Kante. Jeden Tag. Außer am Tag meiner mündlichen Matura, da hatte ich zu viel Schiss, dass der Direktor was merkt. Bei der schriftlichen allerdings war mein Orangensaft wie jeden Tag mit Wodka gemischt. Ich hab die Schule trotzdem geschafft. Gefragt hat mich nie jemand, weder meine Eltern noch meine Lehrer, niemand hat jemals im Supermarkt um 7 Uhr Früh etwas zu mir gesagt, wenn ich mit einer Freundin eine Flasche Wodka kaufte, keine Apothekerin hat mir je Allergietabletten verweigert (die mit Wodka extragut fahren), obwohl ich nie ein Rezept hatte. Ja, ich wusste gut, wie ich bekomme, was ich brauche. Vielleicht, weil ich ein bisschen schüchtern wirke, keine Ahnung.

Alles nur halb mitzubekommen, nicht traurig sein zu müssen, war super. Und es sagen doch immer alle, dass man glücklich sein soll.
Anna, 26

Wenn ihr mich fragt, warum ein zehnjähriges Mädchen beginnt, Wodka zu trinken, muss ich selbst nachdenken. Es war einfach ursuper und der Wodka war wie für mich gemacht. Den ersten Schluck trank ich nach einem Kinobesuch mit einer Bekannten. Wir gingen nach dem Film noch in ein Lokal, sie trank Alkohol und ich durfte kosten. Sie bestellte ein zweites Glas, das trank ich aus. Genial. Alles nur halb mitzubekommen, nicht traurig sein zu müssen, war super. Und es sagen doch immer alle, dass man glücklich sein soll. Mit dem Wodka war ich glücklich. Viele Jahre lang. Und auch heute hab ich immer noch das Gefühl, ich muss schnell einen Schluck Wasser trinken, wenn ich nervös bin. Das ist mir geblieben, dieser kalte Schluck, der mich beruhigt, der es in mir friedlich macht und der mein Glück ist. Ein Glück, das mir damals keiner nehmen konnte. Und Sicherheit, die ich gerade in der Schule wirklich gut gebrauchen konnte. Plötzlich war der Unterricht nicht mehr so anstrengend, und wenn ich eine Lehrerin hatte, die mich nicht mochte, war es mir egal. Ich war locker, konnte damit einfach besser umgehen. Mit 13 trank ich in der Schule regelmäßig, mit 14 hatte ich mein schlimmstes Blackout.

Papa, die liebe Familie und warum ich nicht darüber reden kann

Ich war 14 Jahre alt, wie gesagt. Und es gab diese eine Woche, von der ich wirklich bis heute nicht weiß, was ich gemacht habe oder wo ich überhaupt war. Das Einzige, was sicher ist: Ich war weder zu Hause noch in der Schule. Meinen Eltern ist das vielleicht schon aufgefallen, aber sie haben mich nie darauf angesprochen. Es kam öfter vor, dass ich mal einen Tag oder auch zwei überhaupt nicht zu Hause auftauchte. Dabei war meine Familie nach außen hin total in Ordnung. Vater, Mutter, Kind, alles ursuper. Mein Vater hat zu der Zeit viel getrunken, ich denke, er war auch Alkoholiker. Schon alleine deshalb ist ihm das Trinken bei mir nicht aufgefallen. Und meine Mama - na ja, die konnte schon immer alles ganz wunderbar ausblenden. Für mich war es gut, denn ich hatte so meine Freiheiten. Konnte selbst dafür sorgen, dass es mir gut ging.

Erst nach einem Jahr kamen die Szenen hoch

Ich kann mich erinnern: Als ich kleiner war, musste ich öfter mal auf meinen betrunkenen Papa aufpassen. Mama war dann nämlich immer urböse auf ihn und auf mich auch. Einmal musste ich ihn von einem Lokal abholen, er hätte dort fast eine Schlägerei angefangen mit einem anderen Mann. Dessen Frau und ich standen dabei und keine von uns wusste, was sie machen sollte. Mit dem Unterschied, dass ich halt ein Kind war. Heute geht es mir aber gut mit meinen Eltern. Papa hat irgendwann aufgehört zu trinken, das hat viel ausgemacht. Und wenn er nüchtern ist, ist er echt ganz harmlos. Er mag auch seine Enkelin total gerne und holt sie oft vom Kindergarten ab, wenn ich arbeite oder studiere.

Über meine Kindheit und meine Jahre mit dem Wodka kann ich aber nicht reden mit ihnen, denn da ist so viel passiert, das würde nur im Chaos enden. Am besten, wir lassen alles so, wie es ist. Ich selbst konnte mich ja auch erst nach einem Jahr bei den Anonymen Alkoholikern (AA) an die Zeit zu Hause erinnern. Die Szenen sind langsam in mir hochgekommen, dafür waren sie umso heftiger. Wenn mein Papa früher betrunken war, schlug er mich. Und er machte andere Sachen, sexuelle Dinge. Ich erinnere mich, aber ich kann das nicht erzählen. Das Glück für mich in diesem Moment war, dass ich meine Sponsorin hatte. So nennt man bei den AA jenen Menschen, der eine ganz persönliche Ansprechpartnerin ist. Ihr habe ich von meiner Kindheit erzählt, und sie war super, denn sie hat früher ganz Ähnliches erlebt. Ich bin dann eine Zeit lang noch in ein anderes Meeting bei den AA gegangen, extra für sexuelle Sachen. Dort kann man das aufarbeiten. Manchmal geht es mir jetzt damit besser und manchmal weniger gut.

Wenn heute ein Mann nett zu mir ist, will ich ihm dafür Sex geben

In Beziehungen tu ich mir aber irgendwie schwer, weil ich ein Muster habe. Immer, wenn ein Mann nett ist, denke ich, ich muss ihm dafür sexuelle Leistungen bringen. Das ist total bescheuert, ich weiß. Wenn ein Mann also Sex will, dann mache ich das und hoffe meistens, dass das Ganze bald vorbei ist und ich wieder etwas Sinnvolles tun kann. Mein Leben, so wie es heute ist, kommt mir zum Beispiel sinnvoll vor. Ich denke mir zwar, ich hätte es gar nicht so weit kommen lassen dürfen, aber dass ich jetzt weg bin vom Alkohol, macht mich schon ein bisschen stolz.

Ich hatte mir angewöhnt, einen guten Schluck Wodka für den morgen übrig zu lassen.
Anna, 26

Dabei war der Weg nicht einfach. Als zum ersten Mal eine Freundin sagte, dass ich zu viel trinke, und wollte, dass ich eine Woche bei ihr wohne, dachte ich: Klar, eine lustige Abwechslung. Am zweiten Tag bin ich abgehaut, wollte saufen gehen. Und sagte zu mir: Ich bin ihr doch keine Rechenschaft schuldig, ich will halt heute trinken, na und? Mein erster Besuch bei den Anonymen Alkoholikern war ähnlich. Ich ging mit, um zu zeigen, dass das nicht mein Thema ist, und konnte danach nicht mal einen Tag lang nichts trinken. Ich hatte mir angewöhnt, immer einen guten Schluck Wodka für den Morgen übrig zu lassen. Das schützt vor Kater. Ich trank den Wodka und erst zwei Stunden später ist mir aufgefallen, dass auch dieser Tag ein Alkohol-Tag war.

Meine Sucht nach Sicherheit ist groß - ich muss aufpassen

Trotzdem bin ich wieder hingegangen und hab gehört, dass alle dasselbe erzählen. Verstecke für ihren Alkohol haben, sich tarnen, nicht auffallen wollen, jedes Problem leugnen. Irgendwann hat mich wohl der Ehrgeiz gepackt, ich hatte schon ein paar Tage geschafft, da wollte ich mehr. Bei den AA kriegt man viele Telefonnummern, die waren meine Rettung. Eine Frau hatte in der Nacht immer Zeit zum Telefonieren. Wir redeten wochenlang bis 5 Uhr Früh. Tagsüber versuchte ich, bis 18 Uhr mit normalen Sachen durchzuhalten - einkaufen, kochen und so -, dann das Meeting, danach wieder telefonieren. Ich ging viel spazieren, die Natur hilft bei der Ablenkung, aber man darf kein Geld mitnehmen, reiner Selbstschutz. Die Gruppe half mir, zu verkraften, dass die Sicherheit weg war. Ständig war mir kalt, immer schwindlig, ich ging wie auf Wolken. Das war nicht toll. Plötzlich aber waren es 90 Tage ohne Alk, ich war stolz.

Heute sind es schon mehr als sechs Jahre, mein Studium hat gelitten, aber jetzt will ich es durchziehen. Alkohol ist heute kein Thema mehr für mich, außer, dass in Österreich einfach alle immer trinken. Ich werde aber insgesamt immer aufpassen müssen, denn meine Sucht nach Sicherheit ist groß. Ich hatte schon eine kurze Kokain-Affäre vor sechs Monaten. Beim Studium ist das toll, du bist voll da und kannst alles, bist voll motiviert. Aber ich will clean sein. Außerdem ist Koks viel teurer als Alkohol. 80 Euro das Gramm.

 

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