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Prokrastination: "Aufschieberitis": Ursachen und Lösungen

von

"Nein, das mach ich lieber morgen ..." Wenn das ständige Aufschieben überhand nimmt, können sowohl privat als auch beruflich unangenehmen Konsequenzen auftreten. Die Expertin kennt Ursachen und Lösungen.

Tafel mit Schriftzug NOW!

PsycheKatrin Halbhuber(Wienerin)

Mag.a Sabina Haas, Mentaltrainerin und Coach aus Wien, hat mit wienerin.at über die "Aufschieberitis" gesprochen.

Woran liegt es, dass wir bestimmte Aufgaben auf einen späteren Zeitpunkt verschieben?

Das Problem des Prokrastinierens (Aufschieben), unter dem die Betroffenen meist sehr leiden, ist in den häufigsten Fällen eine erlernte „schlechte“ Gewohnheit. Das vermeidende Verhalten dient zum Selbstschutz, um Unlust zu vermeiden; es stellt somit eigentlich eine „Belohnung“ bzw. Verstärkung dar. Die Gefahr der Unlust entsteht aus bewussten und unbewussten Gründen, wie zum Beispiel: Versagensangst, Perfektionismus, Scham, Minderwertigkeitsgefühl oder auch Angst vor Erfolg und Erwartungsdruck.

Die Ursachen für das Aufschieben finden sich häufig in hinderlichen Glaubenssystemen („das schaffe ich nicht“; „bevor ich anfange, muss ich noch alles andere erledigen….“), einer falschen Einschätzung des Schwierigkeitsgrades oder einer ungünstigen Ursachenzuschreibung.

Bei Aufschiebern wirken ungünstige Mechanismen und Strategien, wie zum Beispiel geringe Impulskontrolle, Unachtsamkeit, schlechtes Zeitmanagement oder fehlende Übereinstimmung von Zielen und der eigenen Motivation.

Durch ausweichende Aktivitäten wie Schuhe putzen, Tagträumen oder anderen weniger wichtigen Aufgaben geht man dem inneren unbewussten Konflikt aus dem Weg und findet Ausreden, betrügt sich selbst oder freut sich klammheimlich über den gelungenen Ausweg. Die Belohnung besteht oft auch in dem euphorischen Hochgefühl, das entsteht, wenn man die eigentliche wichtige Aufgabe „last minute“ in einer heroischen Nachtschicht doch noch irgendwie geschafft hat.

Dabei finden wir verschiedene Formen des Aufschiebens, von harmlosen Ausprägungen bis hin zu problematischen, harten Formen bei denen die Betroffenen stark leiden, Qualen und enorme negative, existenzbedrohende Konsequenzen zu tragen haben. Menschen öffnen die Briefe von ihrer Bank nicht mehr, riskieren Jobverlust oder schieben Arztbesuche auf und bringen sich dadurch in Lebensgefahr. Das Prokrastinieren kann zu einer massiven Einschränkung im täglichen Leben führen, sodass alles - auch angenehme, selbstgewählte Aktivitäten (Kino oder Freunde besuchen) aufgeschoben werden, richtiggehende Denk- und Aktivitätsblockaden entstehen und die Betroffenen nur noch rückwärtsgewandt die verlorenen Zeit betrachten.

Wie werde ich die "Aufschieberitis" wieder los?

Wir kennen mehrere Typen von Aufschiebern: die Perfektonisten, die sehr negative Erwartungen an ihre eigenen Leistungen haben; die Entscheidungsunfähigen, die Sicherheit wollen und Angst vor Kontrollverlust haben; und jene, die in ihren Routinen gefangen und gelangweilt sind, aber Konflikte und Risiko scheuen.

Die Leidenszustände sind jedoch bei allen Typen sehr ähnlich: Selbstzweifel, Reue, Schuldgefühle, Schwung, Kreativität, Optimismus und Lebensfreude nehmen ab. Manche Betroffene haben bereits einiges ausprobiert, um ihre Lage zu verbessern, viele Silvestervorsätze gefasst und es doch nicht geschafft. Manche resignieren und finden sich damit ab: „Ich bin einfach ein/e Aufschieber/in!“

Die gute Nachricht jedoch ist: Beim Aufschieben handelt es sich aber doch „nur“ um Verhalten – und jedes Verhalten kann verändert werden!

Wenn der Leidensdruck hoch genug ist und ein anderer Impuls entsteht, etwas ändern zu wollen, bedarf es jedoch einer ganzheitlichen Strategie, um den „Schutzmechanismus“ den das Prokrastinieren darstellt – das sind wie beschrieben die Vorteile der Unlustvermeidung – nicht mehr zu brauchen.

Eine gute Veränderungsstrategie führt dazu, dass das hohe Idealbild (an dem man immer scheitert) verändert wird, die Angst vor der Beachtung oder Bewertung durch andere reduziert wird, neue Fähigkeiten entwickelt werden, realistische Selbstbewertungen gemacht werden und die eigene Wahrnehmung geschärft wird.

Mehr Bewusstsein, ein guter Aktionsplan und eine sinnvolle Lernstrategie führen zum Finden neuer, attraktiver Ziele, realistische Planung und konsequentes Selbstmanagement bringt selbst eingefleischte Prokrastinierer zum Erfolg.

Prokrastinieren ist ein Verhalten, das man über die Zeit hinweg erworben hat, man braucht auch Zeit, um es wieder loszuwerden. Sinnvolle nachhaltige Veränderungsprogramme erstrecken sich über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen.

 

Aufschieberitis: 3 Wege aus der Prokrastination

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Wie vermeidet man Rückfälle in alte Muster?

Die neuen Strategien müssen ganzheitlich funktionieren, damit Rückfälle vermieden werden können. Das heißt ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor besteht darin, nicht nur auf der Verhaltensebene anzusetzen, sondern auch den unbewussten Konflikt, der diesen Mechanismus in Gang hält, aufzudecken und zu entmachten. Unbewusste Mechanismen und Glaubenssätzen entziehen sich meistens dem eigenen Reflexionsvermögen und es ist nicht so einfach, solche „blinden Flecken“ alleine zu entdecken. Da hilft es, sich bei seinem eigenen erfolgreichen Veränderungsprozess von einem professionellen Coach begleiten zu lassen.

Ist Prokrastination ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit oder ist die „Aufschieberitis“ so alt wie die Menschheit selbst?

Ich denke, dass es zutiefst menschlich ist, Unlust vermeiden zu wollen. Die Frage ist jedoch, ob die individuell zur Verfügung stehenden Strategien hilfreich oder hinderlich bei der erfolgreichen Lebensgestaltung sind. Ursachenzuschreibungen, bewusste und unbewusste Glaubenssätze und gelernte und familiär tradierte Verhaltensweisen spielen hier sicherlich eine große Rolle.

Jedenfalls finden sich auch in der Geschichte berühmte „Vorbilder“, die ihre liebe Not mit dem Aufschieben hatten. C.G. Jung zum Beispiel, oder auch Marcel Proust, der das Aufschieben bei sich selbst als krankhafte Willensschwäche auffasste. Prousts riesiger Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeitstellt eine gelungene Schilderung der Aufschieberitis dar, das Lesen dieses Werks stellt aber nicht nur „gelernte Aufschieber“ vor eine besondere Herausforderung an Willenskraft und Anstrengungsbereitschaft.

 

 

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