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Kommentar: Warum ich mich weigere, meiner Nichte zu sagen, dass sie hübsch ist

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Wir sind uns alle darüber bewusst, dass es die Erziehung ist, die unsere Kinder zu Mädchen respektive Buben macht. Doch Verhalten auch tatsächlich zu verändern fängt im Kleinen an und ist schwieriger, als man denkt.

FamilieTeresa Havlicek (Wienerin)

Letztens hatten wir an einem heißen Sommertag eine Familienfeier. Aufgrund der Temperaturen haben sich die Kinder in ihr Badegewand geschmissen und im Plantschbecken herumgeblödelt. Von meinen drei Nichten und Neffen ist nur eine ein Mädchen, sie ist fünf Jahre alt und hat eine wirklich liebevolle und charmante Persönlichkeit. An diesem Tag hatte sie einen wunderherzigen, blauen Bikini mit weißen Punkten an und ich bin einfach zerflossen. Ich habe mich zwar ein wenig gewundert, dass man in diesem Alter schon Bikini-Oberteile anzieht, aber es stellt sich heraus, der Gruppendruck will es so. Jedenfalls löste dieser Anblick in meinem Mode- und Kinderherz irgendetwas aus, denn ich fand sie einfach nur zuckersüß und wollte ihr irgendeine Form von Kompliment machen. Aber das ging natürlich nicht: Ich kann nicht die ganze Woche Artikel darüber schreiben, dass wir unsere Mädchen zu Frauen erziehen, die sich über ihr Aussehen definieren, und dann am Wochenende einem kleinen Mädchen zu ihrem Bikini-Body gratulieren. Um mein Leid zu teilen, ging ich zu meiner Mutter: „Mah, ich muss mich so zurückhalten der Lisa nicht zu sagen, wie herzig ihr Bikini ist, aber ich will sie natürlich nur für ihren Verstand und nicht für ihren Bikini-Body loben!“

 

Ich bin schon verkorkst

„Geh bitte,“ sagte meine Mama. „So streng ist das doch nicht. Jeder freut sich doch über Komplimente! Du hörst ja auch gern, wenn ich dir sag, dass du was Schönes anhast.“ „Ja, weil ich schon verkorkst bin“, dachte ich mir. Es ist sicher eh nicht gesund, wie viel es für mein Selbstbewusstsein ausmacht, wie schön ich mich an einem Tag fühle und wie viele Gedanken ich an mein Aussehen verschwende, während ich in dieser Zeit die nächste Revolution am Energie-Sektor erfinden könnte. Fossile Energie wird langfristig nicht die Lösung sein, Leute! Denkt eigentlich überhaupt noch jemand über Wasserarmut und Klima-Migration nach und all den Scheiß, der bald auf uns zukommt? Hauptsache ich habe meine Haare heute geglättet.

 

Ab der ersten Sekunde definieren wir die Kleinen über ihr Geschlecht

Jedenfalls ist das alles nicht so einfach, ich hätte nämlich gerne, dass die nächste Generation noch erleuchteter ist, als ich. Und deswegen ist das einfach schon so streng: Wie oft gratulieren wir einem Jungen zu seiner schicken Badehose? In meiner Familie versucht sicher niemand, Kinder nach Rollenklischees zu erziehen, dennoch haben sich den ersten Lebensjahren schon ganz klare Tendenzen herausgeprägt. Und während der eine nicht genug von Kränen und Flugzeugen bekommt, spricht die andere darüber, dass sie einmal Babys haben möchte. Weil es eben schon bei den Feinheiten anfängt. Warum würden wir sonst so bei Schwangeren so eine große Sache daraus machen, ob man schon das Geschlecht weiß. Weil wir ab der Minute in der wir es wissen, anfangen das Kind über seinen kleinen Embryo-Penis oder ihre Vagina zu definieren.

 

„Mädchen beizubringen, dass ihr Aussehen das Erste ist, was uns an ihnen auffällt, sendet ihnen die wirkungsvolle Botschaft, dass es ihre wichtigste Eigenschaft ist“, schreibt die Autorin Sarah Newton im Guardian. Die Autorin des Buches „Help! My Teenager ist an Alien: The Everyday Situation Guide for Parents“ hat 400 Mädchen interviewt und 70 Prozent davon gaben an, sich um ihr Gewicht zu sorgen und regelmäßig Frühstück und Mittagessen auszulassen. Aktuelle Studien lassen WissenschaftlerInnen davon ausgehen, dass der omnipräsente Schönheits- und Perfektionswahn Frauen weniger selbstbewusst werden lässt.

 

Darum sollten wir Mädchen nicht sagen, dass sie hübsch sind

Sarah Newton hat drei weitere Gründe definiert, warum wir Mädchen nicht sagen sollten, dass sie hübsch sind.

Erstens kann Lob in Verbindung zum Aussehen dazu führen, dass Mädchen weniger gut mit schwierigen Situationen umgehen können. Erfolg wird mit etwas verbunden, das man entweder hat, oder nicht hat, und wenn es mal ein wenig verzwickter wird, ist es weniger wahrscheinlich, dass man dran bleibt, sondern früher aufgibt.

 

Das gute alte Impostor-Syndrom

Außerdem attribuiert man Erfolge eher auf externe Faktoren, wenn man beigebracht bekommen hat, dass Selbstbewusstsein mit Aussehen einhergeht. Das kann dazu führen, dass man als junge Frau das Gefühl hat, sich für Intelligenz oder eine laute Persönlichkeit entschuldigen zu müssen und sich weniger fähig fühlt, Beförderungen oder schwieriger Karrieremöglichkeiten anzunehmen. Das Impostor-Phänomen, laut dem Frauen sich allgemein weniger gut einschätzen als sie sind, während Männer sich meist selbst überschätzen, ist ja weithin bekannt.

 

Schlussendlich ist es außerdem auch so, dass Burschen in der Schule acht Mal so oft korrigiert werden wie Mädchen. Das liegt daran, dass Mädchen schon früher beigebracht bekommen haben, sich selbst zu kontrollieren und für gutes Verhalten gelobt werden, im Gegenteil zu Burschen, denen wir beibringen, sich mehr anzustrengen. Das Resultat: Mädchen entwickeln eine sich selbst limitierende Denkweise, eine Haltung, dass sie sich nicht verändern können, und nicht, dass Leistung zum Erfolg führt.

 

Wie also mit Mädchen reden?

Wie sollten wir also stattdessen mit kleinen Mädchen umgehen? Anstatt ihr Aussehen zu kommentieren, sollten wir darüber reden, was sie gerne machen und wofür sie sich interessieren. Anstatt darüber zu reden, dass sie brav sind, sollten wir ihnen sagen dass sie sehr geduldig sind oder gute Zuhörer. Wir sollten sie dafür loben, dass sie ihre Meinung ausdrücken und für sich einstehen. Vieles mag uns nicht auffallen, doch es sind diese Kleinigkeiten, die Mädchen zu selbstbewussten Frauen werden lässt.

 

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