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Wisch und weg: Ist Dating in Zeiten von Tinder & Co. komplizierter geworden?

von

"Früher war alles besser". Auch in der Dating-Welt? Wir gehen der Frage auf den Grund, ob Online-Dating wirklich alles verkompliziert hat.

BeziehungMartina Parker(Wienerin)

Tinder, Parship, Lovoo-noch nie war es so leicht, jemanden kennenzulernen. Dennoch scheint es komplizierter denn je, die wahre Liebe zu finden. Liegt das an der Unverbindlichkeit, den unbegrenzten Möglichkeiten? Oder etwa an uns selbst?

Und plötzlich war er weg

Daniel wirkte für einen Tinder-Mann so erfrischend normal", sinniert Marie. Im Gegensatz zu früheren Onlinedating- Erfahrungen, die sie recht plump in Erinnerung hatte, ging er die Beziehung ganz konventionell an: Kaffeehaus, Restaurantbesuch, Kino. Beim dritten Date verbrachte Daniel die Nacht bei Marie und zog danach gar nicht mehr aus. "Vielleicht geht das jetzt doch etwas zu schnell", dachte Marie. Aber Daniel nahm ihr die Zweifel, redete von Liebe, schmiedete Pläne, lud sie in die Skihütte seiner Eltern ein. Zwei Monate lang waren die beiden unzertrennlich. Dann besuchten sie eine Party. Daniel ging auf die Toilette und kam nie mehr zurück. Er war wie vom Erdboden verschluckt.

"Er hat wohl zu viel getrunken und ist nach Hause gefahren", dachte Marie erst. Dann, als er sich auch am nächsten Tag nicht meldete und auch per WhatsApp nicht reagierte: "Es ist ihm etwas zugestoßen." "Du musst zur Polizei gehen!", sagten ihre Freundinnen, aber da wurde Marie klar, dass sie so gut wie nichts über ihn wusste: "Ich kannte weder seine Eltern noch seine Freunde oder die Adresse seiner Wohnung, nicht mal die genaue Anschrift der Skihütte, in der wir gewesen waren. Was hätte ich der Polizei sagen sollen?" Drei volle Tage verbrachte Marie mit Hoffen, Bangen, Zweifeln. Drei Tage später tauchte Daniel wieder auf. Auf Tinder. Mit neuen Fotos. Marie hat er gleich blockiert. Eine Erklärung ist er ihr bis heute schuldig.

"Ghosting hinterlässt Partner voller Selbstzweifel"

Geschichten wie diese sind krass und werfen ein schlechtes Licht auf die Onlinedating-Szene. Auf die Anonymität der virtuellen Welt, die es ermöglicht, sich einfach zu vertschüssen und wortlos Schluss zu machen. "Ghosten" nennt sich das heute. Weil der bzw. die Verlassene sich fühlt, als hätte er /sie ein Gespenst gesehen, das sich in Luft aufgelöst hat. Das klingt nach einem Trend, ist es aber nicht.

Früher hieß es halt: Ich geh mal eben Zigaretten holen. Und der Daniel der 1990er-Jahre hätte nicht sein Tinder-Profil neu aufgesetzt, sondern einfach die Disco gewechselt, um Marie aus dem Weg zu gehen. Nicht jede/r hat den Mut, dem/r anderen nach der ersten romantischen Phase ehrlich zu sagen, dass leider nicht mehr daraus wird. Manche stehlen sich lieber davon.

"Ghosting ist extrem verletzend und hinterlässt den Partner ratlos und voller Zorn und Selbstzweifel", erklärt die Wiener Psychologin Caroline Erb, die auch die Onlinedating-Plattform Parship berät: "Man erhält keine Chance für ein klärendes Gespräch, sondern muss mit dem Szenario alleine fertig werden."

Wichtig ist aber, dass Betroffene wie Marie erkennen, dass das Ganze nichts mit ihnen zu tun hat. Denn, so die Psychologin: Unfaires Datingverhalten (siehe Kasten) könne jeden Menschen treffen. Es sage nichts über das Opfer aus, aber sehr viel über den Täter oder die Täterin, und die Gründe dafür reichen von Angst vor Nähe oder Konfliktscheue bis hin zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Sind wir online wirklich andere Menschen?

Kann man daraus schließen, dass sich auf Onlineplattformen verstärkt Wahnsinnige rumtreiben, wie man von desillusionierten UserInnen oft zu hören bekommt? "Meiner Ansicht nach ist die Onlinewelt das genaue Abbild der realen Welt", meint Caroline Erb. Dementsprechend unterschiedlich seien auch die Menschen, die sich hier tummeln, und ihre Motive.

Ambitionierte AufreißerInnen kommen online natürlich besonders leicht auf ihre Kosten. Denn die Dating-Apps garantieren einen ständigen Nachschub an "Tinderellas", wie der Tinder-Heavy-User Andreas seine Online-Aufrisse scherzhaft nennt. Und mit jeder neuen Frau lernt Andreas dazu, weiß, welche Sprüche gut ankommen. Werden die Mädels aber zu anhänglich, heißt es für ihn:"Die Nächste, bitte." Ein bisschen nützt er die App schon wie Onlineshopping: Erst packt er Dutzende "Artikel" in den Warenkorb, sortiert dann aus, bestellt eine Handvoll, probiert sie und schickt sie wieder zurück, weil schon wieder die nächsten im Angebot sind.

Eine, die auf Andreas' Masche nicht reingefallen ist, ist Tanja, die sich nach dem Aus ihrer Langzeitbeziehung vor rund einem Jahr auf diversen Datingplattformen angemeldet hat. "Tanja hat mich gleich durchschaut", lacht Andreas. Darum sind Andreas und Tanja jetzt befreundet und geben sich gegenseitig Tipps. "Andreas ist zum Beispiel ganz schlecht darin, Frauen aufgrund der eingestellten Fotos zu beurteilen", sagt Tanja: "Er kommt von einem Date zurück und sagt: 'Oh Gott, war die prollig!' Und ich sage dann: 'Das hätte ich dir aufgrund ihrer Kleider und ihres Make-ups auf den Bildern gleich sagen können.'"

Tanja sieht ihre Onlinedates auch als feministischen Befreiungsschlag. Die wirtschaftlich unabhängige Frau, die sich selbst ihre (Sex-)PartnerInnen sucht, ohne dafür moralisch verurteilt zu werden, gibt es erst seit den 1970er-Jahren. Tanjas Fazit nach zwölf Monaten Suche im Netz: "Ich habe hier alles gefunden: von One-Night-Stands über lose Affären bis zu Andreas, meinem neuen besten Freund." Nur die neue Liebe lässt noch auf sich warten. Vielleicht, weil es so einfach ist, immer weiterzuzappen? "Manchmal reagieren die Männer, die mich anschreiben, gekränkt, wenn ich nichts Festes von ihnen will", sagt Tanja. Aber vielleicht kommt ja doch noch was Besseres nach.

Heimische Singles europaweit am wählerischsten

Ob es an der "Schau ma mal"-Mentalität liegt? Tatsächlich sind die österreichischen Singles im Europavergleich laut einer Parship-Studie am wählerischsten. Gar zu negativ sollte man das Ganze dennoch nicht sehen: "In Österreich sind 28 Prozent der Bevölkerung single", erklärt Caroline Erb. "Und die meisten von ihnen haben einen ganz starken Wunsch nach einer festen Partnerschaft."

 

Die erste Frage, die man sich in diesem Zusammenhang stellen sollte, lautet: Welches Portal passt zu mir? Zwischen den Klientelen der unterschiedlichen Apps und Plattformen liegen - was die Bindungswilligkeit angeht - Welten. 

Wichtig ist es laut Caroline Erb, auch über den Tellerrand zu schauen und nicht in die Perfektionsfalle zu tappen. Es sollten einem auch potenzielle Partner oder Partnerinnen, die nicht in allen Punkten dem Ideal entsprechen oder nicht in derselben Stadt wohnen, einen zweiten Blick wert sein.

Tipp Nummer drei: auf sein Gefühl hören, den gesunden Menschenverstand einschalten und klare, verbindliche Fragen stellen. Wenn der /die andere zurückweicht, hat man sich viel Zeit und Liebesmühe erspart. Die Devise sollte heißen: Fair Play von Anfang an. Inklusive einer etwaigen Exit-Strategie à la: "Für mich passt es nicht, aber ich wünsche dir alles Gute!"

Der klare Vorteil von klassischen Onlineportalen: Hier ist der Wunsch nach einer Beziehung zumeist klar definiert. Man bekennt sich dazu, eine Partnerschaft eingehen zu wollen, und tut etwas für dieses Ziel.

Ein Grund, warum auch Marie trotz ihrer miesen Erfahrungen mit Daniel wieder online ist. Neues Spiel, neues Glück. Denn eine Garantie dafür, die Liebe zu finden, gibt es hier zwar nicht - aber zumindest eine Chance.

 

DATING-FOULS?!

1. GHOSTING Alles lief scheinbar perfekt. Doch plötzlich meldet er oder sie sich nicht mehr. Das sogenannte "Ghosting", also das plötzliche Verschwinden von der Bildfläche, beherrschen manche Männer (und Frauen!) in Perfektion.

2. BREADCRUMBING Immer wieder gibt es kleine Brotkrümel in Form von digitalen Aufmerksamkeiten wie "Musste gerade an dich denken" oder das Hinterlassen von Emojis, um sich in Erinnerung zu bringen -und zu bleiben. Seltsamerweise kommt es fast nie zu einem echten Date, denn die Methode dient vor allem dazu, das Ego zu stärken.

3. BENCHING Bei dieser Warmhaltemethode wird man im wahrsten Sinn des Wortes auf die lange Bank geschoben. Dates finden nur statt, wenn gerade nichts Besseres da ist.

4. CUSHIONING Jemand geht immer wieder parallel unverbindliche Beziehungen ein, um so die Gefahr, single zu sein, weich abzufedern.

5. SUBMARINING Auch dieses Phänomen kennen wir schon aus dem letzten Jahrtausend: Der oder die andere verschwindet (wie ein U-Boot) von der Bildfläche, taucht dann wieder auf und verhält sich, als wäre nichts gewesen.

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