< Zur Mobilversion wechseln >

Buch: Einsame Klasse: Die Zukunft gehört uns Singles

von

Alleinsein ist traurig und ohne die große Liebe bleibt das Leben leer? In Japan ist das Singleleben zur Normalität geworden. Andere Länder, in denen sich Ähnliches abzeichnet, können von den Japanern lernen. Das erklärt unser Autor Felix Lill in seinem neuen Buch.

Einsame Klasse: Die Zukunft gehört uns Singles

BeziehungFelix Lill(Wienerin)

Alleinsein ist traurig und ohne die große Liebe bleibt das Leben leer? In Japan ist das Singleleben zur Normalität geworden. Andere Länder, in denen sich Ähnliches abzeichnet, können von den Japanern lernen. Das erklärt unser Autor Felix Lill in seinem neuen Buch „Einsame Klasse. Die Zukunft gehört uns Singles.“

Als „seltsam“ und „traurig“, sogar als Ort, in dem man „einsam in der Masse“ ist – so wurde meine Wahlheimat über die letzten Jahre in vielen Medien beschrieben: Tokio sei die Stadt der Singles, Japan das Land, das sich von der Liebe abkehrt. Ein soziales Armageddon, eine „neue Eiszeit.“ Wirklich so schlimm?

2035 wird die Hälfte der JapanerInnen allein leben - freiwillig

Eine Grundlage haben solche Einschätzungen schon: Japans Nationales Institut für Bevölkerungsforschung hat erhoben, dass unter den unverheirateten japanischen Frauen zwischen 18 und 34 Jahren nur noch 30 Prozent einen Partner haben, der Anteil bei den gleichaltrigen Männern ist schon auf 21 Prozent gesunken. Nach Umfragen des Kondomherstellers Sagami ist mittlerweile ein Drittel der japanischen Männer in den Dreißigern unverheiratet, und ein Viertel der Frauen. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar fast 80 und mehr als 50 Prozent. Im Jahr 2035, so lauten Prognosen, dürfte die Hälfte der Japaner allein leben.

Das Erstaunlichste daran aber ist: Die Mehrheit der Alleinstehenden in Japan will gar keinen Partner. Die Singles sind zufrieden mit ihrem Leben ohne Anhang.

Japan ist weit weg, könnte man sagen, exotisch und kurios, mit Europa oder Österreich hat das nichts zu tun. Aber nach fünf Jahren Recherche und einem fast ebenso langen Leben als Single in Tokio fallen mir viele Parallelen auf. Auch in Österreich binden sich Menschen später, trennen sich schneller und überlegen sich dann gut, ob sie es überhaupt ein zweites Mal versuchen wollen.

Alleinsein ist Teil der Normalität geworden. Häufig ist es gewollt. Das ist nichts speziell Japanisches.
Felix Lill, Autor und Journalist

Hierzulande sind ebenso die Scheidungsrate und das durchschnittliche Heiratsalter gestiegen, und leidenschaftlicher als über Politik oder Sport schüttet man sich heutzutage, zumindest in meinem Bekanntenkreis, nur über Liebe und Partnerschaft aus. Dass es mittlerweile allein auf deutscher Sprache um die 2500 Datingportale geben soll, dass Datingcoaches und Paartherapeuten gutes Geld mit banalen Tipps einnehmen können, ist ein deutliches Indiz: Liebe ist den Menschen eines der wichtigsten Themen überhaupt.

Was passiert in einer Gesellschaft, was passiert mit ihr, wenn nicht mehr auf Dauer geliebt wird? Ist das ein kollektives Scheitern? Steht am Ende der Entwicklung ein Heer von Egoisten oder ein Meer von Traurigen? Wenn sich irgendwo Antworten finden lassen, dann in Japan. Ich jedenfalls habe in vielen Gesprächen und Begegnungen festgestellt: Weder denken die meisten Singles ständig nur an sich selbst, noch ertrinken sie in Selbstmitleid. Und obwohl, wie auch in Österreich, zur allgemeinen Idee eines gelungenen Lebens noch immer Heirat und Kinder gehören, konnte ich bei den meisten Singles, die ich kenne, nicht erkennen, dass sie ihr Leben für gescheitert halten.

Kenichi Mishima, einer der bekanntesten Philosophen Japans, sagt über Singles: „Ich glaube nicht, dass es den Jungen heute unbedingt schlecht geht. Sie verabschieden sich von Konzepten, die ihnen heute unrealistisch erscheinen. Dafür nehmen sie sich, was sie kriegen können.“ Mishima erkennt im Unverbindlichen auch „Widerstandspotenzial“: Schluss mit dem Erfüllen alter Rollenbilder und vorgefertigten Lebensläufen, auf zu Neuem. Neben Job, Hobbys und guten Freunden ist die Romantik immer noch ein Thema – aber eben nicht mehr das allerwichtigste.

Glauben wir noch an die große Liebe?

Wer will, kann Datingsimulationen auf tragbaren Konsolen spielen, einen Liebhaber für Komplimente mieten oder Fotoshootings im Hochzeitsdress machen, auch ohne Partner. Ein Frevel, romantische Gefühle zu kommerzialisieren? Vielleicht. Aber wer so denkt, entlarvt sich als Romantiker. Als einer, der noch an die heutzutage religiös anmutende Erzählung der erlösenden, großen Liebe glaubt. In Japan blieb diese westliche Interpretation von Zweisamkeit immer Exotik.

Heute, in Zeiten, wo Selbstverwirklichung und das Individuelle in den Mittelpunkt der Lebensentwürfe gerückt sind, sind die Bedingungen für romantische Erfüllungen so schwer wie nie zuvor. Vom pragmatischen Ansatz in Japan ließe sich wohl einiges lernen. Mein Buch dokumentiert den Versuch, das Japan so vieler junger Menschen zu verstehen, und es zu leben. Aber können wir Westler das, so ganz ohne Glauben an die große Liebe?

 

Über den Autor: Felix Lill

Felix Lill, 1985 in Hamburg geboren, lebt seit 2012 in Tokio und Berlin. Nach seinen Volkswirtschafts-, Philosophie- und Politikstudien besuchte er eine Journalistenschule in London. Die Kombination aus Politikstudium und freier journalistischer Tätigkeit führte ihn nach Japan.

Felix Lill ist mehrfach preisgekrönter Autor und berichtet aus Tokio unter anderem für Die Zeit, Der Spiegel, Neue Zürcher Zeitung und Die Presse. Sein erstes Buch „Einsame Klasse. Die Zukunft gehört uns Singles“ ist Anfang Dezember erschienen. Darin erzählt Lill, wie er in Tokio die Vorstellung von einer Zweierbeziehung als einzigem Weg zum Glück überwand. Und was danach kam.

 

"Einsame Klasse. Die Zukunft gehört uns Singles", erschienen bei Edition A. Ca. 21,90 Euro.

edition a/PR Felix Lill Einsame Klasse

 

 

Studien: 5 konkrete Vorteile daran, Single zu sein (laut Wissenschaft)

Alle 5 Bilder anzeigen »

Glücklich als Single: 20 Dinge, um die uns Paare beneiden

Alle 20 Bilder anzeigen »
 

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen