< Zur Mobilversion wechseln >

Erfahrungsbericht: Warum eine Trennung nicht das Ende der Welt ist

von

Ein Blick in den Spiegel und ein kurzer Moment, in dem ich erkenne: ich lebe noch. Ich habe es geschafft. Ich habe diese Trennung überstanden. Und ich bin heute ein neuer Mensch.

BeziehungCarolina Klee(Wienerin)

Eine Trennung bedeutet nicht nur Schmerz, Trauer und Verlust. Sie bedeutet auch Neuanfang. Leben. Erleichterung

Der Weg dahin ist jedoch oft nicht so einfach. Denn unsere Gesellschaft zieht sie heran: Männer, die Frauen fertig machen. Sie sind überall: in meinem FreundInnenkreis, in meinem beruflichen Umfeld, in meiner virtuellen Welt. Denn ihnen wurde beigebracht, sich alles zu nehmen – und nichts zu geben. Ihnen wurde ihr Leben lang gesagt, sie können sich ausbreiten, machen, was sie wollen, ohne Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Das Gleiche machen sie in Beziehungen, wenn sie euch manipulieren, euch abhängig machen und dann euer Herz in tausend Teile zerschmettern.

Am Anfang war er nicht so? Jetzt ist er es!


Immer wieder höre ich von Frauen: „Am Anfang war er nicht so.“ „Ich hätte nie geglaubt, dass er mir das antun könnte.“ „Dabei war er immer so nett.“ Irgendwann wachen sie (hoffentlich) auf. Wenn nicht, ist ihr Leben – wie das vieler Frauen, die in unglücklichen, traditionellen, schon lange zum Scheitern verurteilten Ehen und Beziehungen stecken – leider kein schönes. Wegen der Konventionen, finanzieller und auch emotionaler Abh­ängigkeiten bleiben sie aber trotzdem bei ihren Partnern.

 

Wie kann es sein, dass selbstbewusste, gebildete, junge Frauen auf Männer reinfallen, die sie erniedrigen, ausbeuten und nicht respektieren? Diese Frage stelle ich mir immer öfter, und sie ist nicht so leicht zu beantworten. Denn auch ich war lange genauso eine Frau.

Die Abgründe erkennen wir meist zu spät


In Beziehungen, vor allem in langjährigen, kommen viele Abgründe ans Tageslicht. Abgründe, von denen man sich nie gedacht hätte, dass sie wirklich existieren. Und wir Frauen leisten die emotionale Arbeit, die uns diese Gesellschaft aufbürdet, ohne sie zu hinterfragen. Wir machen es einfach. Wir räumen hinter ihnen her, ohne zu jammern, wir geben ihnen unsere Aufmerksamkeit, wenn sie sie verlangen – bekommen aber keine zurück. Wir geben sprichwörtlich alles von uns, um genau gar nichts zurückzubekommen.

 

Mehr zum Thema: 7 Dinge, die dein Partner niemals von dir verlangen sollte.

 

Frauen, die aus psychisch oder physisch gewaltvollen Beziehungen herauskommen, wird erst spät bewusst, wie manipulierend er war. Wie negativ sich diese Beziehung auf die eigene Psyche ausgewirkt hat, wie viel Energie, Arbeit und Stabilität man aufgegeben hat, um einem einzigen Menschen gerecht zu werden, und dabei trotzdem ständig das Gefühl zu haben, nicht gut genug zu sein. Jeden einzelnen Tag.

 

Es ist eine vermeintlich sichere Welt, in die ich mich geflüchtet habe. Eine Welt, die nur auf den ersten Blick schön und glücklich erschien. In Wirklichkeit hat sie mich, und auch ihn, ruiniert. Klar: die schönen Momente, die auch nach der Trennung so präsent sind, wird es immer geben. Doch die Frage bleibt: hätte ich mich in diesen Menschen auch heute noch, nach all diesen Jahren und allem, was passiert ist, noch einmal verliebt? Wahrscheinlich nicht.

Das Gefühl, nicht gut genug zu sein


Denn ich war nie genug. Schließlich gäbe es noch bessere Frauen da draußen – das hat er nicht nur gedacht, sondern laut ausgesprochen. Und ich bin trotzdem geblieben. Er hat mir gesagt, dass ich zu dick bin, als ich vier Kilo zugenommen hatte. Die Welt drehte sich um ihn, um seine Bedürfnisse, seine Selbstzweifel und seine Wünsche. 

 

Jad Limcaco/StockSnap

 

Bruchstückhaft rufe ich mir immer wieder diese kleinen Sätze in Erinnerung, die so viel größer sind, als ich wahrhaben wollte. Oder vielleicht noch immer wahrhaben will. Immer wieder rufe ich mir ins Gedächtnis: es ist nicht okay, wenn dich jemand so behandelt. Es ist nicht okay, wenn jemand so etwas zu dir sagt. Es ist nicht okay, dass ich nicht wertgeschätzt werde. Und es ist ganz normal, dass ich so lange nach Ausflüchten gesucht habe.

Der Moment, wenn er weg ist


Ich habe aber nicht gesehen, dass ich mich aus meiner Beziehung flüchtete, um irgendwo da draußen irgendeine Form der Wertschätzung zu erfahren. Von ihm habe ich sie jedenfalls nicht bekommen. 

 

Ganz im Gegenteil: er hat mich heruntergemacht, meine Arbeit, meine Erfolge nicht gewürdigt. Oder nur dann, wenn er gerade Lust darauf hatte. Im gleichen Atemzug hat er auch gesagt: „Ich bin nicht gut genug für dich. Ich bin ein Arschloch.“ Und auch wenn ich das alles wusste, dachte ich immer, ich hätte mir den besten Mann der Welt geangelt. Fragt mich nicht, warum. Ich weiß es nämlich nicht. 

 

Beziehung: 7 Fragen, die du deinem Partner vor der Trennung stellen solltest

Alle 7 Bilder anzeigen »

 

Und dann kam die Trennung. Und damit auch der Moment, in dem ich realisierte: "Fuck, jetzt gibt es ihn nicht mehr in meinem Leben." Im gleichen Atemzug ist es mir aber wie Schuppen von den Augen gefallen: ich brauche ihn auch nicht. Es geht mir besser ohne ihn. Ich fühle mich zwar nur noch halb, dafür ist diese Hälfte mein wahres Ich. Ich kann mich endlich selbst kennenlernen – ohne seine Wertungen, seine Vorstellungen und Wünsche, die mich erstickt haben. Jeder Moment ist kostbar - und wird gelebt. Etwas, das man in einer Beziehung, die nur noch aus To-Do-Listen und Verpflichtungen bestand, bereits ganz vergessen hatte. 

 

"You never know how strong you are, until being strong is the only choice you have.” Diesen Satz habe ich unlängst irgendwo aufgeschnappt. Und ich möchte ihn allen mitgeben, die sich gerade trennen, die sich noch unsicher sind und auch jenen, die es schon hinter sich haben. Denn: ihr schafft das alles. Auch - und vor allem - ohne ihn. 

 

Video: Dein Traum eines gleichberechtigten Österreichs

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen