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Gastbeitrag: Die Geschichte einer Trennung aus Liebe

von

Eine Liebe, die früh begann und von den Eltern nie akzeptiert wurde. Eine Liebe, die mehr als ein Jahrzehnt viele andere inspirierte und doch eine Liebe, die schlussendlich an Unsicherheit und Drogen zerbrach. Aber auch eine Liebe, die alles versucht, um den anderen und damit sich selbst zu retten. Hoffe ich noch oder kämpfe ich schon?

Eine Trennung aus Liebe

BeziehungSophie Gotzmann alias Mörderpuppe(Wienerin)

Ich habe mich gestern von meiner Liebe getrennt. Von meinem besten Freund, meinem Menschen, meinem Ein & Alles. Er war derjenige, dem ich immer alles, was passiert war, zuerst erzählen wollte. Falsch. Ich will es noch. Er war derjenige, der immer für mich da war, er war derjenige, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.

Und er ist derjenige der es verbockt hat. Klar, gehören immer zwei dazu, natürlich führt eine Situation zur anderen und macht Dinge schlimmer. Aber mein Seelenverwandter hat mich verletzt. Mit Blicken, Gesten, Taten und mit seinen Worten. Nicht nur einmal. Denn ich bin niemand, der schnell aufgibt. Eigentlich lasse ich auch lieber mit mir Schluss machen, weil ich zu feige bin, im Nachhinein vielleicht einmal zugeben zu müssen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Und lasse daher vieles über mich ergehen, gehe lieber auf Distanz und irgendwann erübrigt sich der Rest dann von ganz allein.

Aber dieses Mal habe ich es getan. Nach 11 Jahren und einer halben Ewigkeit voller Liebe, Loyalität, Vertrauen, Zusammenhalt, Eskalation, Wut und Trauer. Und einer langen letzten Zeit voller unerfüllter Hoffnungen, Zweifel, Angst und Verletztheit. Weil er bis zum Schluss gesagt hat, dass er mich liebt. Und weil wir eine Vergangenheit
haben, keine einfache, aber eine schöne.

Von seinen Eltern wurden wir nie akzeptiert

Man hat sich Mühe gegeben, aber trotzdem fand ich sein Elternhaus oft sehr unterkühlt und befremdlich. Ich wollte immer schon eher so einen südländischen Schwiegermuttertypus. Eine, die meiner Oma Konkurrenz machen könnte. Und das, das muss man gerechterweise zugeben, ist wahrlich nicht leicht. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie dachten, das eine wie ich, es mit ihrem Sohn nicht ernst meinen kann. Sie sehen nicht, wie wundervoll ihr eigener Sohn ist.

Vor allem sein Vater sieht das nicht. Er sieht nur, was für ihn wichtig ist, den bisher ausgebliebenen beruflichen beziehungsweise materiellen Erfolg. So, als würde sich das ganze Leben nur um dieses Thema drehen. Als wäre es die Pflicht eines Sohnes, das Gleiche zu erreichen wie sein Vater.

Als würdest du dir, kurz bevor du stirbst, deine Kontoauszüge ansehen.

Beide übersehen sie in ihrer Sorge, dass sie ihm nie wirklich eine Chance gaben, der zu sein der er wirklich ist. Kein Karrieremensch. Sondern ein Familienmensch. Das, was ihm durch die Umstände seiner Kindheit verwehrt wurde, will sein Herz jetzt nachholen. Wäre er selbst Vater, er wäre der Beste, den ich mir vorstellen kann. Leider glaubt er nicht daran, noch immer nicht. Stattdessen versucht er krampfhaft, weiter an seiner Version, seines mit künstlichen Mitteln „geschaffenen Selbst“ zu feilen und merkt nicht, wie sehr er sich zu seinem Nachteil verändert. Seitdem ich ihn kenne, versucht er dem Wunschbild seines Vaters zu entsprechen und zerbricht immer mehr daran, dass er es nicht schafft. Und er schafft es nicht, weil er es, tief in seinem Herzen, auch eigentlich gar nicht will. Denn, mal ganz ehrlich. Millionär mit Ende 20, beruflich nach wie vor erfolgreich, alles schön und gut. Aber eine Ehe, die größtenteils nur aus Lügen besteht? Aus zahlreichen Geliebten und einer Frau, die ihm, obwohl tausendfach versucht, offensichtlich nie wirklich verzeihen konnte. Einer Unsicherheit, die sehr oft mit großen Sprüchen oder jüngeren Frauen überdeckt werden muss? Und einem Misstrauen, das selbst seinen Sohn mit einschließt.

Ich habe ihm zu seinem letzten Geburtstag ein Emailleschild mit einem Zitat von Wilhelm Busch geschenkt:

„Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine eigenen“

Ich habe mir so sehr gewünscht, dass ihm das hilft, ihn zum Nachdenken bringt. Ich habe immer gehofft, gehofft, gehofft und wieder gehofft, bis zum Schluss, dass ich ihn zu einem mutigeren, selbstbewussteren Menschen machen könnte. Ich sage absichtlich nicht „zu einem BESSEREN Menschen“, denn im Grunde seines Herzens ist er
der beste Mensch, den ich kenne. Nur leider weiß er selbst nichts davon.

Er wollte immer schon jemand sein, der er nicht ist, hat sich nicht nur einmal verbogen, nur um es jedem recht zu machen. Auch für mich.
Er will jemand sein, der respektiert wird, erkennt aber nicht, dass er sich dafür nicht verändern muss, sondern der Welt dafür nur sein wahres Gesicht zeigen muss. Das, das er seit Jahren verbirgt, dass selbst ich nur selten gesehen habe. Das, was er wahrscheinlich selbst noch nicht einmal von sich kennt. Dabei ist er unglaublich liebenswert und sollte einen SCHEISS darauf geben, was andere von ihm halten.

Und trotzdem habe ich ihn gestern weggeschickt. Um ihm und hoffentlich auch uns zu helfen. Ich habe ihn nicht mehr geliebt, dessen war ich mir bis gestern absolut sicher.
24 Stunden später - bin ich es nicht mehr.

Ich weiß einfach nicht, ob ich dem Menschen hinterher trauere, der er mal war, bevor alles eskalierte oder ob es die Gewohnheit ist, die mich kaputt macht, jetzt, wo ich das Unwiderufliche ausgesprochen habe. Ich war davon überzeugt, das absolut Richtige zu tun, als ich ihn gehen ließ. Ich fühlte nichts außer Bedauern und Wehmut, Enttäuschung und doch irgendwie auch Erleichterung.

Und doch sitze ich jetzt hier, allein, in unserer gemeinsamen Wohnung, mit unseren beiden Katern und sammle die Reste meines Herzens ein. Mich quälen Zweifel. Nicht, dass es nicht das Richtige war, diesen Cut zu machen, aber doch, ob ich es nicht verhindern hätte können. Denn wie immer in eigentlich jeder Beziehung, gibt es immer zwei Seiten. Und auch ich bin nicht ganz unschuldig. Auch ich wollte immer, dass er ein anderer wird. Ein Löwe, ein Alphatier, einer der sich mit mir messen kann. Dabei habe ich übersehen, dass ich eigentlich jemanden brauche, der mich auffängt. Und genau das war es, was er nicht konnte. Und genau DAS war es, was ICH nicht ertragen habe. Er war nicht stark genug, weil er bisher nicht mal für sich selbst stark genug sein kann.

Leere Versprechen und verlorener Respekt

Er hat es nie gebraucht, seine Probleme wurden immer von anderen für ihn gelöst. Sein Leben organisiert, zuerst von seinen Eltern, dann von mir. Ich weiß, dass ich sehr dominant bin und Dinge ungern aus der Hand gebe, aber so bin ich nun mal. Ich weiß, dass Männer sich gerne gebraucht fühlen, aber ich habe bis heute nicht verstanden, dass MANN wenn es dann darauf ankommt, diese Stärke nicht besitzt. Und damit hat es noch nicht einmal angefangen. Für mich hat es das schon viel früher. Ich wollte immer einen Heiratsantrag. Immer. Einen romantischen. So wie im Film. Einer, der mich umhaut, wie man so schön sagt, den ich voller Stolz, jedem der es hören oder auch nicht hören will, erzählen kann. Leider kann man meinen nur einem ausgewählten Personenkreis erzählen, es ist nämlich eine Art „Ghettoromantik“, in einer Toilette diese Frage gestellt zu bekommen. In einem Zustand, der nichts, aber auch gar nichts mit der Realität zu tun hat. Und wenn das „Geschäft“ dann nie besiegelt wird, dann fühlt man sich verarscht. Vor allem wenn Versprechungen gemacht werden, die nie gehalten wurden. Desto mehr dieser Versprechen nicht eingehalten wurden, umso weiter diese in die Zukunft verlegt wurden, umso mehr habe ich den Respekt vor ihm verloren.

Es folgten Zeiten, in denen er hilflos war, dann Zeiten, in denen ich hilflos war. Und Zeiten, in denen wir beide hilflos waren. Wir haben zusammengehalten. Immer. Bis jetzt. Seit er zurück in seiner Heimat war, um auf lange Sicht die Geschäfte seiner Eltern zu übernehmen, sahen wir uns extrem selten. Ich habe es nicht ausgehalten, ich will keine Fernbeziehung. Wollte ich noch nie. Nachdem ich alles versucht hatte, was möglich war, um zu ihm zu kommen und es leider beruflich nicht geklappt hat, nach ewigen Diskussionen und erneuten Versprechungen, die auf eine unbestimmte Zukunft abzielten, habe ich mein Herz schon langsam aus dem Spiel genommen. Aus Selbstschutz. Ich habe mich allein gelassen gefühlt. Ich habe mich ungeliebt und ungewollt gefühlt.

Das Verhältnis zu seinen Eltern war, als sie ihren Sohn aus der großen Stadt, aus meinen Fängen „zurückhatten“, noch inexistenter als zuvor. Früher wurde ich anstandshalber noch zu Familienfeiern eingeladen. Man hat wenigstens versucht sich irgendwie so etwas wie Mühe zu geben. Dann war es ihnen augenscheinlich egal und sie hoffen nicht erst seit gestern, dass ich mich aus dem Leben ihre Sohnes verabschiede, damit ihr Sohn neu starten kann. Ohne mich. Weil ich Schuld habe. Weil ich an allem Schuld war. Mit meiner Dominanz und meinen angeblich lächerlichen Träumen, die ohnehin zum Scheitern verdammt sind. Mit meiner Selbstständigkeit, so dass ich ihm nie das Gefühl geben konnte, wirklich gebraucht zu werden. Gut, dass ich meine eigene Meinung habe. Gut, dass ich weiß, dass Träume wichtig sind. Gut, dass ich weiß, dass manche Menschen denken, sie würden alles wissen. Und sie dabei nichts wissen. Nicht einmal, dass ihr Sohn ganz langsam abstürzt, in einem Teufelskreis voller Selbstzweifel, Selbsthass und gewisser Substanzen, mit denen vor allem in Kombination nicht zu spaßen ist.

Und deswegen musste ich ihn gehen lassen. Diese Dinge haben schlussendlich überhand genommen. Der Mensch, den ich so sehr geliebt habe, dem ich elf Jahre lang treu war, für den ich jeden in die Flucht gejagt hätte, er hat das verloren, was ich am meisten an ihm schätzte. Der Gentleman, mit seinen liebevollen Augen, hat sich in einen betrunkenen Vollassi verwandelt, der mich innerlich dafür hasst, für das was aus ihm geworden ist und mir das nicht nur einmal, mehr oder weniger eindrucksvoll, in seinen Zuständen vor Augen geführt hat.

Ich hoffe sehr, du findest sich selbst.
Und ich hoffe sehr, wir finden uns irgendwann wieder.
Und wenn nicht, dann hoffe ich mehr als alles andere, dass es dir gut geht und du glücklich bist.
Denn genau das war elf Jahre lang meine einzige Absicht.

Über die Autorin

Sophie Gotzmann alias „Mörderpuppe“ ist überzeugte Bandwurmsatzliebhaberin, mit einer Abneigung gegen korrekt gesetzte Kommata und lebt seit 2011 in ihrem über alles geliebten Exil in Wien. Seit Mitte diesen Jahres schreibt sie auf ihrem Blog „Mörderpuppe ungeschminkt - jetzt erst recht“ über alle möglichen und unmöglichen Erlebnisse einer wahnsinnig gut aussehenden und überhaupt nicht selbstverliebten Frau mit mindestens zwölf Persönlichkeiten, die ihr komplettes Leben, samt gut bezahltem Job und langjähriger Beziehung, über den Haufen geworfen hat, um das Glück zu finden. Trotz einer Vorliebe für Fäkalsprache und Riesenpenisse ist sie auf der Jagd nach dem Friedensnobelpreis. Ihre Mission, wie könnte es anders sein: der Weltfrieden.

 

VIDEO: Über Selbstliebe und den weiblichen Orgasmus

 

 

 

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