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Experte: Hat das Konzept der Monogamie endgültig ausgedient?

von

Der Beziehungscoach Nils Terborg klärt, was im Einzelfall für oder gegen eine offene Beziehung spricht und welche Rolle Eifersucht spielt.

BeziehungRed.(Wienerin)

 

Offene Beziehungen sind aktuell ein heißes Thema. Der Gedanke, dem Partner sexuell nicht treu sein zu müssen, ist zweifellos interessant – schließlich geht es da um Sex, und wer findet das nicht spannend?

Aber darf man so was? Funktioniert es so einfach, eine intime, liebevolle und vertraute Beziehung zu führen – und daneben noch durch die Betten der Welt zu turnen? Das klingt wohl zu extrem, um wahr zu sein. Ist die offene Beziehung tatsächlich nur etwas für Prominenz wie Otto Waalkes, Megan Fox und Will Smith?

 

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Und was ist eigentlich, wenn sich doch mal jemand ernsthaft verliebt? Was sagen Menschen, die sich an eine offene Beziehung herangetraut haben? In über zwei Jahren Beziehungscoaching hat Nils Terborg von seinen KlientInnen viel über dieses Thema erfahren. In seinem neuen Buch und im WIENERIN.at-Gespräch liefert er Antworten, die wirklich weiterhelfen.

 

Ist eine offene Beziehung etwas, das für jedes Paar Sinn macht?

Nils Terborg: Nein, sicher nicht. Wer unter enormer Eifersucht leidet, tut sich damit keinen Gefallen. Dann macht es mehr Sinn, sich zunächst mit der Eifersucht zu beschäftigen, denn die belastet die Beziehung meist sowieso schon. Wenn dann noch andere ins Spiel kommen, wird es nicht weniger kompliziert. Auch Paare, die etwa durch berufliche Ambitionen wenig Zeit haben, sollten zunächst Prioritäten klären. Und es gibt natürlich auch viele, die gar kein Interesse daran haben, ihre Sexualität auch mit anderen Menschen als dem Partner auszuleben. Im besten Fall geht der Entscheidung für oder gegen eine offene Beziehung also etwas gedankliche und kommunikative Vorarbeit voraus.

 

Welche Regeln müssen gelten, damit das Ganze funktioniert?

Es gibt offene Beziehungen, die völlig ohne Regeln funktionieren. Ich finde die Vorstellung schön, dass beide Partner so einfühlsam miteinander umgehen, dass Regeln nicht notwendig sind. In manchen Fällen helfen Regeln aber schon. Neben der don't ask don't tell-Regel, die sich auf die Kommunikation der Partner untereinander bezieht, kann ein Paar aber noch andere Vereinbarungen treffen. Etwa, dass man zur Übernachtung wieder nach Hause kommt. Auch die Regel, im Eifersuchts-Notfall telefonisch erreichbar zu sein, wird oft als hilfreich empfunden. Vorsicht ist geboten, wenn es um Regeln wie ein Veto-Recht oder um gefühlsmäßige Einschränkungen geht. Zum einen kann sich ein Partner von allzu vielen Einsprüchen schnell eingeschränkt fühlen. Und hinter einem Verbot sich zu verlieben steckt zwar eine noble Intention, die aber etwas unrealistisch ist.

 

Und welche Rolle spielt Eifersucht?

Wenn wir uns umschauen, sehen wir sofort: Eine ziemlich große! Egal ob Freunde, Familie oder Hollywood, Eifersucht ist allgegenwärtig. Ich kenne weder privat noch beruflich auch nur ein einziges Paar, das sich um dieses Thema noch nie hätte kümmern müssen. Auf der anderen Seite kenne ich aber auch viele Menschen, die sich gerade in puncto Eifersucht stark weiterentwickelt haben. In meinem Weltbild hat Eifersucht die Funktion, auf eigene Entwicklungsmöglichkeiten hinzuweisen. Vor allem, was das eigene Selbstwertgefühl, Verlustängste oder die generelle Lebenszufriedenheit betrifft. Wer hier an sich arbeitet, sich aber gleichzeitig auch nicht überfordert, wird dafür grundsätzlich belohnt. Unter anderem mit einer glücklichen Beziehung. Denn hier kann Eifersucht auf lange Sicht sehr zerstörerisch sein.

 

Was passiert, wenn sich der Partner in eine andere verliebt – wie kann die „Basis“-Beziehung das überstehen?

Ich empfehle immer davon auszugehen, dass das in einer offenen Beziehung mit Sicherheit passieren wird. Beim Sex werden schlicht gewisse Hormone ausgeschüttet (interessant ist hier vor allem Oxytocin, das etwa bei körperlicher Nähe und nach dem Orgasmus freigesetzt wird), die die Entstehung von Verliebtheitsgefühlen begünstigen. Hier sehe ich Paare im Vorteil, die über derartige Dinge sprechen können. Das setzt natürlich eine gewisse Grundfähigkeit voraus, was den Umgang mit Eifersucht angeht. Aber ein offenes Gespräch federt das Entfremdungsgefühl ab, was in einer solchen Situation entsteht. Das Paar steht dann vor einer gemeinsamen Herausforderung, an der es wachsen kann. Nicht vor einem Alleingang eines Partners, der das Vertrauen zerstört und die gesamte Beziehung aufs Spiel setzt.

 

Ihrer Meinung nach: sorgt die Vorstellung der perfekten monogamen Beziehung dafür, dass Menschen in Beziehungen oft unglücklich sind?

Meiner Erfahrung nach kann man das so sagen, ja. Vor allem, wenn das Thema Midlife-Crisis in meinen Coachings eine Rolle spielt, sehen sich viele mit enttäuschten Idealbildern konfrontiert. Diese gilt es dann erst einmal zu bearbeiten. Ich finde die Vorstellung unrealistisch, dass mein Partner mir Liebe, Nähe, Geborgenheit, wirtschaftliche Absicherung, gleiche Interessen, Leidenschaft, Aufregung und, und, und entgegenbringen soll. Allerdings ist eine offene Beziehung zwar eine mögliche, aber sicherlich nicht die einzige Lösung für dieses Dilemma. Hier können durchaus auch Familie, Freunde, Hobbys und berufliche Erfüllung einige der Funktionen übernehmen, die wir heute oft von der Partnerschaft erwarten. Das kann ungemein entlasten.

 

Wie kann eine Beziehung aussehen, die auf Gleichberechtigung und Respekt basiert, die aber nicht zwangsläufig monogam ist? Haben Sie da ein Beispiel aus der Praxis?

In meinem Buch schildere ich die Geschichte eines Paares, die mich sehr beeindruckt hat. Die Frau hatte sich in einen Freund verliebt und ihrem Mann das auch sehr schnell mitgeteilt. Dieser kannte die Situation, da er sich zu einem früheren Zeitpunkt selbst einmal in eine andere Frau verliebt hatte, allerdings ohne das groß zu thematisieren. Weil er selbst das damals als große Belastung erlebt hatte, räumte er seiner Partnerin nun sehr bereitwillig das Recht ein, der Verliebtheit nachzugehen. Und das obwohl es ihm Eifersucht und Verlustangst nicht leicht gemacht haben. Der wichtige Punkt ist hier: Wir sind alle gut darin, Gleichberechtigung und Respekt einzufordern. Diese beiden Dinge aber zu geben, auch wenn es schwer fällt, ist die eigentliche Herausforderung.

 

Was ist der Unterschied einer offenen zu einer polyamoren Beziehung?

Im Einzelfall müssen wir das jedes Paar natürlich selbst entscheiden lassen. Die meisten geben aber einen wichtigen Unterschied an: Die offene Beziehung schließt weitere "offizielle" Liebesbeziehungen aus, in der Polyamorie ist das ein essenzieller Bestandteil. Trotzdem ist das häufig eine Frage der Begrifflichkeiten, denn man könnte argumentieren, dass man auch nach einem One-Night-Stand bereits eine Art Beziehung eingegangen ist. Ganz schwierig wird es etwa bei Affären, die zusätzlich eine freundschaftliche Komponente haben. Da die Zuordnung hier manchmal schwierig ist, plädiere ich in meinem Buch dafür, sich von den toll klingenden Bezeichnungen zu verabschieden. Und stattdessen einfach die Beziehung zu führen, die den Bedürfnissen des Paares am nächsten kommt. Je weiter sich das Paar hin zu diesem Ziel entwickelt, umso unwichtiger wird die Bezeichnung für die Beziehung.

 

Das Buch:

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

In OFFENE BEZIEHUNG wirft Nils Terborg einen kühlen Blick auf ein heißes Thema und bringt Licht in dieses spannende, aber auch verwirrende und hochemotionale Dickicht. Der Beziehungscoach klärt, was im Einzelfall für oder gegen eine offene Beziehung spricht und schildert, was Leser tun können, wenn es mit der offenen Beziehung nicht so läuft wie gewünscht.

 

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