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Kolumne: Haben wir verlernt, Hobbys zu haben?

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Wann haben wir zuletzt etwas "nur für uns" getan? Es gibt den berühmten Spruch: Tu Gutes und sprich nicht darüber. Den möchte ich gerne ergänzen: Tu (dir selbst) Gutes und poste nicht darüber!

WohnenOlivia Peter(Wienerin)

Und, was machst du so in deiner Freizeit?" Verlegen sauge ich an dem schwarzen Strohhalm, der aus meinem pinkfarbenen Cocktail ragt. Ich bin auf einer dieser Sommerpartys, wo alle zu jung, zu schön und zu hip sind. Warum man mich dazu eingeladen hat? Vermutlich aus Versehen.

"Hast einen Blog und so?"

Mein Gegenüber, ein Twentysomething mit blauen Augen, cremefarbenen Schuhen und vermutlich mit einem Reisepass ausgestattet, in dem unter "Besondere Kennzeichen" steht: "Geboren, um schön zu sein", sieht mich erwartungsvoll an. Ich beginne herumzustottern. Dinge wie "Äh, ja, lesen","Ähm" und "Manchmal schreib ich auch" purzeln aus meinem Mund. In dem Moment finde ich mich selbst irgendwie armselig. Der Typ versucht, mich zu retten: "Ah, du schreibst? Hast einen Blog und so?" Ich schüttle den Kopf. Ähm. Nein. Ich schreibe eigentlich eher so für mich. Weil es schön ist. Jetzt haben der Typ und ich eine Gemeinsamkeit: Wir finden mich beide armselig.

 

Frage: Haben wir verlernt, Hobbys zu haben? Als Kind war ich den ganzen Tag in der Natur unterwegs. Radeln, Tennis, Schwimmen. Seit ich in Wien wohne, sind der Sport und ich irgendwie in getrennte Richtungen gejoggt. Ich kann Klavier spielen. Das mache ich regelmäßig. Wenn ich in der Heimat bin. Also circa ein bis vier Mal im Jahr. Manchmal probiere ich neue Hobbys aus: Neulich habe ich mir z. B. eine Yoga-App heruntergeladen und mir sogar die erste Übung angesehen. Im Bett liegend. Kurz vor dem Einschlafen.

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Ein Hobby ist nur gut, wenn man etwas daraus macht?

Schreiben, Lesen, Kräuter züchten, Marmelade einkochen, ein Haus suchen. Alles Hobbys von mir. Aber es sind keine "anerkannten Hobbys". Anerkannt wären sie nämlich nur dann, wenn ich "etwas daraus mache". Einen Blog schreibe. Ein Buch herausbringe. Wenigstens regelmäßig in Zeitungen veröffentliche. Ein Hobby, das einen einfach nur glücklich macht? Reicht nicht.

 

Wir laufen, um zu posten, wie sehr sich unsere Pace gesteigert hat. Sind als Hobbyfotografen nur glücklich, wenn möglichst viele Likes unter unseren Bildern stehen. Sind dermaßen damit beschäftigt, ständig zu beweisen, dass wir aktiv und hip und toll sind, dass wir vergessen, worum es bei dem Hobby eigentlich geht: um uns! Unser Glück! Unsere Zufriedenheit!

 

Haben wir früher über die Ehrgeizler im Tennisverein, am Fußballplatz oder im Pferdestall gelacht, die Leistungsschau der Briefmarken-,Bierdeckel-oder Porzellanfigurensammler kleinkariert gefunden, müssen wir uns mittlerweile eingestehen: Wir sind selbst dazu geworden - zu Ehrgeizlern, deren größtes Hobby es ist, sich selbst darzustellen.

 

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