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#vanlife: Kilometerlanges Glück: Mit dem VW-Bus ans Meer

von

Vor fast vier Jahren ist unsere Autorin zum ersten Mal mit einem VW-Bus ans Meer gefahren. Eine Geschichte vom Reisen. Irgendwo zwischen Freiheitssuche, Mautstation und allem, was schief gehen kann.

ReisenDavinia Stimson(Wienerin)

"Travel is fatal to prejudice, bigotry and narrow-mindedness", sprach Mark Twain, tippte literarische Klassiker auf einer Remington-Arms-Schreibmaschine und sah die Welt. Er hat leicht reden. Ist nicht Ende der Achtziger im südlichen Österreich aufgewachsen. War kein auf den Rücksitz eines 1983er Mitsubishis gepacktes Kindergartenkind, das Prä-Schengen stundenlang vor der italienischen Grenze auf Einlass wartet, während es den Gummimief der Luftmatratze inhaliert. Ohne klimatisierte Wohlfühltemperatur oder Sinn für kindskörpergerechte Hydratation erduldet das Kind, mal mehr, mal weniger stumm und wünscht sich zurück an den heimischen See. Weil die Plastikschwimmschuhe eh furchtbar sind, die Mama ein unbefriedigender Spielkamerad und daheim sowieso alles viel, viel schöner ist. Die Leiden des jungen Touristen kann man Jahre später im Kindertagebuch nachlesen.

 


Irgendwo bei Tarvis, irgendwann im Juli 1990
Hunger. Durst. Toilettendrang. Es ist heiß. Ich bin müde. Mir ist fad. Ich will nach Hause. Wann sind wir endlich da?

 

Das ist natürlich nicht die Wahrheit. Ich habe als Fünfjährige kein Tagebuch geschrieben. Und mit dem fast frischen Fischgeruch der Adriaküste waren die Qualen der Anreise auch vergessen. Wahrscheinlich fahren Österreicher deshalb mindestens seit 1969 und dem Beginn der Aufzeichnung zu landeseigenen Reisegewohnheiten am liebsten mit dem Auto und am liebsten nach Italien. Ich fahre jetzt VW-Bus. Biege am Adria-Küstenort der Kindheit rechts ab und dann einfach gerade aus, bis zum Atlantik. Weil, es stimmt schon – so ein Auto bringt dich am Ende genauso ans Ziel, wie ein Flugzeug voller Pauschaltouristen.
Nur flexibler, spontaner und komplizierter. Darum ist dies ein Reiseratgeber. Für Traditionsurlauber, Freiheitsromantiker und andere Wahnsinnige.


1. Du brauchst ein Auto. Ein großes.


Wien, 18. Juli, etwa 24 Jahre später
Wir haben den VW-Bus gekauft. Er stinkt. Nach Holz, nach Baustelle und nach den Zigarettenstummeln, die wir unter der Schaltknüppelabdeckung gefunden haben. Wer kauft auch ein Baustellenfahrzeug? Der Umbau beginnt. Ob der Geruch jemals rausgeht? Gott steh uns bei.


Vier Räder, zwei Sitze, ein Bett. Und Stauraum, Stauraum, Stauraum. Das Auto ist plötzlich alles. Schlafzimmer, Speis, Kleiderkasten, Kühlschrank. Fortbewegungsmittel sekundär. Es ist aber kein Koffer, auch weil man sich aufs Auto nicht draufsetzen kann, wenn der Verschluss nicht zugehen sollte. Umso wichtiger ist kluges und vorausschauendes Einräumen. Weil du erst bei der Heimkehr wieder auspacken wirst, musst du während der Reise wissen, wo dein ganzer Kram erreichbar verstaut ist. Netze, Kisten und Körbe helfen bei der Ordnung. Du willst nicht deine Zahnbürste im Schein einer schnöden Autoinnenbeleuchtung suchen.

 

2. Es ist zu klein. „Heimelig“ würde der Immobilienmakler sagen. Na gut.


Kärnten, 14. August
In meiner Phantasie war dieser Bus riesig. Die Realität enttäuscht mich. Hallo, räumliches Vorstellungsvermögen! Was wir hier haben, ist eigentlich nur ein Bett auf Rädern. Ich hab allerdings schon als kleines Mädchen von einem fahrenden Bett geträumt. Die 7-Zonen-Latexmatratze mag dekadent scheinen, ist am Ende aber einfach nur großartig. Ich will nie wieder aufstehen.


Übliche Busbetten haben eine dünne Schaumstoffmatratze. Das geht ganz gut, wenn man maximal Anfang 20 ist. Danach ist Qualität beim Schlafuntergrund wichtig fürs Wohlergehen. Abenteuer hin oder her – Kreuzweh macht dich nicht zu einem härteren Kerl und deinen Urlaub zu keinem größeren Erfolg. Eine richtige 140 x 200 cm Matratze passt der Länge nach in einen VW-Bus T4. Mit langem Radstand geht sich theoretisch auch noch eine zweite Sitzreihe aus. Der Rest ist Stauraum, Stauraum, Stauraum. Man muss natürlich nicht kaufen, man kann leihen oder mieten. Kostenersparnis gegenüber einer Flugreise darf man sich sowieso nicht erwarten. Wenn die Destination nicht innerhalb der zumutbaren Tagesreisedistanz liegt, ist das Flugzeug billiger. Benzinpreise im südwesteuropäischen Ausland sind traditionell hoch, der Weg weit und viele Straßen kostenpflichtig. Die österreichischen Automobilclubs bieten gratis Routen- und Kostenplaner an. Wenn man das nur vorher gewusst hätte.


3 . Es ist teuer, das Fahren. Sehr.


Kärnten, 07. September, 14:35 Uhr
It’s 406 miles to Genoa. We got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it’s sunny and we are wearing sunglasses. Hit it.
18:54 Uhr: Maut. Maut! Maut? 50 Euro für nicht mal 100 km? W-h-a-t-t-h-e-f-u-c-k???


In den meisten europäischen Ländern sind Autobahnen kostenpflichtig. In Slowenien, Tschechien, der Slowakei, Bulgarien, Rumänien, sowie in der Schweiz, muss man eine Vignette kaufen. Im Westen Europas wird nach gefahrenen Kilometern an Mautstationen abgerechnet. Italiens  Mautstraßen sind besonders teuer. Vom Brenner bis nach Ventimiglia zahlt man mit einem zweiachsigen Fahrzeug 78,50€. Bezahlt wird streckenabschnittsweise an den Mauthäuschen. Geht meistens mit Bankomat- oder Kreditkarte und summiert sich zu erschreckenden Summen. Aber darum geht es nicht. Weil Weg und Ziel quasi ident
sind, wenn die Anfahrt freiwillig zum Reiseerlebnis erhoben wird.

 

4 . Dafür kannst Du überall stehen bleiben.


Kurz vor Nizza, 08. September, 01:14 Uhr
Diese Cote d’Azur. Schönste Autobahnraststätte der Welt und des Tages. Es gibt Campingplätze, die sind hässlicher. Und: Ich kann das Meer riechen. Ein bisschen Auspuffluft, ein bisschen voller Mistkübel, aber dazwischen eindeutig Meer.


Wenn du dein Bett immer mit dabei hast, ist das mit dem Schlafen theoretisch einfach. Weil man ja einfach stehenbleiben und sich hinlegen kann. Aber wo stehen bleiben? Autobahnrastplätze sind gratis und haben WC-Anlagen, die nachts zwar nicht immer geöffnet sind, die Morgentoilette aber erleichtern. Du bleibst am richtigen Kurs und kannst dich ein bisschen King-of-the-Road-mäßig fühlen, während du dich an deinen Papa erinnerst, der dir vor der Abreise fürsorglich von westeuropäischen Serienmördern, die in Autos schlafende Pärchen abgemurkst haben, erzählt hat. Richtige Campingplätze liegen meist außerhalb der Städte. Man muss von der Autobahn runter, kann sich grandios verfahren und dabei etwas entdecken oder von einem Rudel wilder Hunde gejagt werden. Viele Campingplätze checken allerdings nach 22 Uhr keine Gäste mehr ein. Vorausplanen ist gescheit. Wildes Campen ist in Europa nur in Skandinavien wirklich erlaubt. Am Festland wird es gerade mal so toleriert oder ist richtig verboten. Wenn sich jemand an dir stört, wirst du gebeten zu gehen. Im schlimmsten Fall droht eine Geldstrafe. Und auch wenn es schön und romantisch, wild und männlich ist: Mach bloß nie Feuer. Das kann empfindlich teuer werden.
Man kann natürlich diskutieren, wann campen campen ist. Eine mehrstündige Pause „zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit“ ist prinzipiell erlaubt. Steht allerdings dein Campingstuhl vor der Schiebetür und an der Wäscheleine baumeln deine Unterhosen, wird die Ausrede nicht funktionieren. In Städten kannst du dich auch einfach hinparken und ein bisschen schlafen. Ist aber eine blöde Idee. Wenn man das nur vorher gewusst hätte.

 

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5 . … außer in der Stadt.


Barcelona, 09. September, 01:35 Uhr:
Ich wollte Fisch im Hafen essen. Waren viel zu spät dran und deswegen bei Burger King. Das darf man echt niemandem erzählen. Parken am Montjuïc unter einer Straßenlaterne. Morgen Frühstück am Markt.
02:35 Uhr: Was war das?
02:36 Uhr: Da ist jemand. Bin bewegungsunfähig. Hab aber den Pfefferspray umklammert.
02:37 Uhr: VERDAMMT FAHR LOS!


Autos, die so aussehen als ob Menschen drin wohnen würden, sind für Diebe vielversprechend. Weil quasi Hotelzimmer voller Wertgegenständen, nur ohne lästige Hotelangestellte. Außer die Besitzer schlafen während des dilettantischen Einbruchversuchs friedlich in
ihrem Bett.

 

6. Menschen sind gemein.


03:14 Uhr: Der wollte das Fenster einschlagen. Zwei Mecken in der Seitenscheibe. Parken jetzt auf der Autobahnraststätte zwischen zwei deutschen Campingwagen. Oh Gott, ich kann nie wieder schlafen.
03:16 Uhr: ZzZZZzzZZZZZzzz!


Autos werden aufgebrochen, vor allem solche mit ausländischen Kennzeichen. Im belebten Gebiet helfen Alarmanlagen. Gekürzte Türpins, die beim Absperren zur Gänze in der Tür versinken, verhindern, dass Einbrecher die Pins mit einem Draht von außen bedienen und die Tür so aufsperren können. Blindbolzen statt Türschlössern geben zusätzliche Sicherheit. Bei alten Autos kann all dies nachgerüstet werden, neuere Modelle sind von Vornherein sicherer. Wenn die Fenster zusätzlich mit Sicherheitsfolie beschichtet sind, können sie auch nicht mehr eingeschlagen werden. Bist du besonders fancy, versteckst du außerdem einen Safe unter dem Fahrersitz. Und verstaust deine Sachen darin.  Immer. Auch, wenn du ganz, ganz kurz weg bist. Weil so ein Profi-Einbruch verdammt schnell gehen kann. Wenn man das nur vorher gewusst hätte.


7. Wirklich. What a bunch of bastards.


Ericeira, 11. September, 15:36 Uhr:
Ich so: „Lass uns doch einen Kaffee trinken gehen.“
Er so: „Ok.“ – Ich so: „Wollen wir die Kamera in den Safe geben?“
Er so: „Ach was, wir sind eh in 20 Minuten wieder da.“
15:58 Uhr: Alles, was ich an wunderbar-elektronischen Wertgegenständen besessen habe, ist weg. Liegt irgendwo auf dem Rücksitz eines Fluchtfahrzeuges. Zusammen mit dem Wein aus Nizza!
Frechheit. Wenigstens eine Flasche Trostalkohol hätten sie da lassen können.


Du wirst bestohlen und sorgst dich nicht, weil bei deiner Kreditkarte eh eine Reiseschutzversicherung dabei ist. Mach trotzdem was sonst noch nie jemand gemacht hat und lies das Kleingedruckte. Vor allem für elektronische Gegenstände im Auto gibt es teilweise Sonderregelungen, abhängig von der Versicherungsanstalt. Oft sind sie nur bis zu 50 Prozent der Versicherungssumme gedeckt, manchmal gar nicht. Manch absurde Regelung schließt einen Versicherungsschutz per se aus, wenn der Einbruch zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr morgens passiert. Wenn man das vorher gewusst hätte, bliebe einem der Schock über die lächerlich niedrige Ersatzsumme erspart. Sprich vor der Abreise mit deinem Versicherungsvertreter. Es gibt Möglichkeiten für  Zusatzversicherungen.


8 . Ist aber egal.


Ericeira, 12. September, 07:48 Uhr:
Ich bin gerade aufgewacht. Liege im Bett. Schaue durch die offene Heckklappe aufs Meer. Heute fahren wir weiter.


Es gibt nichts, nichts Vergleichbares. Trotz allem. Wir sind gerade erst hier und schon so weit gekommen. Und wir fahren weiter. Schlafen, wenn wir müde sind. Auf Rastplätzen, Stränden, Campingplätzen. Vorhergesehen, unvorhergesehen. Fahren, fahren, fahren. Der Sonne entgegen. Und wieder zurück.

 

Der Artikel der Autorin erschien zuerst im Sommer 2014 im SOI Magazin.

Reisen: Die 8 schönsten Hafenstädte rund ums Mittelmeer

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