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Patricia Puff: „Scheiß dir nix, was die Leute reden!“

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Wer beim Begriff Dragqueen an Glitzer, fette Kriegsbemalung, schrille Perücken und laute, ordinäre Stimmung denkt, wird bei Patricia Puff aka Patrick Weber enttäuscht, hier herrschen die ruhigen Töne. Die WIENERIN traf den Künstler zum Interview.

Patricia Puff

KulturAndrea Burchart(Wienerin)

Wer beim Begriff Dragqueen an Glitzer, fette Kriegsbemalung, schrille Perücken und laute, ordinäre Stimmung denkt, wird bei Patricia Puff enttäuscht. „In meinen Programmen sind die ruhigen, nachdenklichen, alle von mir selbst geschriebenen Texte der Höhepunkt, auch wenn ich natürlich trotzdem mit Klischees spiele“, so der Künstler Patrick Weber, der das Schauspielhandwerk bei heimischen Größen wie Elfriede Ott und Klaus Ofczarek gelernt hat. Authentizität sei sowieso immer wichtig – ob auf der Bühne als Theater-Drag oder im richtigen Leben.

 

Neues Programm: Weihnachtskarussell

Beim Einkaufen in seiner Lieblingsboutique, von Gabi Hofmann in Hietzing, lernte er kürzlich die Designerin Fanny Abrari kennen. Da man sich auf Anhieb gut verstand, schneiderte sie Patricia Puff jetzt ein neues Bühnenoutfit für die Show Weihnachtskarussell. Die Wien-Premiere steigt am 8. Dezember im Aera (Gonzagagasse 11). Zwischen Proben und Kostüm-Fitting hat Patricia Puff Zeit gefunden, der WIENERIN ein paar Fragen zu beantworten.

 

WIENERIN: In wenigen Tagen ist Premiere deines Programms „Weihnachtskarussell“- nervös?

Patricia Puff: Ja, heute bin ich irgendwie wahnsinnig nervös. Wir haben nur mehr ganz wenig Zeit zu proben. Die Dramaturgie steht, die Lieder auch, bei ein paar Texten habe ich noch nicht ganz das Gefühl, sattelfest zu sein. Aber es wird sich ausgehen und ich freue ich auch schon wieder sehr auf der Bühne zu stehen.

 

Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, als Frau auf die Bühne zu gehen?

Ich habe die Schauspielschulausbildung bei Elfriede Ott gemacht. Auch zum Thema „Liedinterpretation“ haben wir viel gearbeitet, alte Lieder ausgegraben, Chansons gesungen. Das war immer in der Gruppe und es hat sich kaum jemand richtig rausgetraut. Für einen „bunten Abend“ habe ich dann eine Nummer gesucht und „Das große Erwachen“ von Anette Louisan gefunden. Die Elfriede Ott hat dann gemeint, ich müsste das Lied eigentlich als Frau singen. Das habe ich dann gemacht und die Reaktionen vom Publikum waren überwältigend.

 

Wieso? Gab’s Tränen?

Und wie! Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich auf der Bühne eigentlich nichts gemacht und doch alles. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich habe etwas bei den Leuten ausgelöst, weil es einfach von mir gekommen ist. So ist die Bühnenfigur geboren. Ich hatte das Gefühl, die Maske ist weg.  

 

Du heißt Patrick, da liegt Patricia nahe. Aber warum Puff?

Das liegt genauso nahe, weiß aber kaum jemand. Der Name meiner Mutter ist Weber, so habe ich auch bei meiner Geburt geheißen. Dann haben meine Eltern geheiratet und ich habe den Namen meines Vaters, Puff, bekommen. Nach der Scheidung war ich ein paar Jahre lang „der Puff“. Aber man kann sich vorstellen, wie lustig dieser Name für meine Klassenkollegen manchmal vor.  Ich war also irgendwie ganz froh, mit 14 Jahren wieder den Familiennamen meiner Mutter annehmen zu können. Als ich dann über den Namen meiner weiblichen Bühnenfigur nachgedacht habe, hatte eine Freundin die Idee mit Puff. Und ja: Puff ist perfekt! Mit dem Namen habe ich viel erlebt, er hat mich auch stark gemacht. Ich mein, wenn dich Leute verarschen für einen Namen für den du nichts kannst. Aber meine Mutter und meine beiden älteren Brüder waren in dieser Hinsicht auch immer super: „Scheiß dir nix, was die Leute reden“, das hat mich auch geprägt.

 

Du schreibst deine Texte selbst, woher kommt die Inspiration?

Die Entdeckung, dass ich selbst überhaupt Texte schreiben kann, habe ich meinem Lehrer Klaus Ofczarek zu verdanken. Er hat mich dazu motiviert und mich bestärkt, das einfach zu probieren und damit rauszugehen. Ich habe zwar schon früher Reime und Texte geschrieben, sie aber nie jemandem gezeigt. Inspiriert werde ich durch viele strake Frauen, die ich bewundere. Meine Mutter ist ein großes Vorbild. Eine vor Lebensfreude strotzende Frau, der ich sehr viel verdanke. Sie ist keine große Philosophin, hat aber dennoch so viel zu sagen und ihre Lebensweisheiten oder auch banale Sprüche inspirieren mich zu neuen Texten. Ich mag auch Barbara Schöneberger wahnsinnig oder die Caroline Kebekus. Die sagen gescheite Sachen, über die ich mir dann meine eigenen Gedanken mache. Mit Monica Weinzettel verbindet mich eine besondere Freundschaft. Sie ist eine so tolle bodenständige, lässige Frau, von der ich viel mitnehmen kann.

 

Wie schaut so ein Abend von Patricia Puff aus?

Es ist ein Mix aus Texten und einer Reihe von Liedern, von Pop-Songs, über Chansons bis zu bekannten Theaterliedern. Das Programm ist durchkomponiert und verfolgt eine bestimmte Dramaturgie. Klar, gibt es manchmal auch spontane Interaktionen.

 

Wie lange dauert die Verwandlung von Patrick zu Patricia Puff?

Die Verwandlung dauert in etwa eine Stunde. Mit allem Drum und Dran. Ich habe früher mal in einer Travestie-Company in Graz gespielt, da habe ich viel über Make-up gelernt. Mittlerweile bin ich da super schnell. Das Einzige, was ich niemals können werde, ist rougen. Da habe ich keinen Plan. Mein riesen Vorbild ist Tamara Mascara, sie ist für mich die absolute Make-p-Göttin! Von ihr habe ich mir schon viel abgeschaut, sie hat auch super Tutorials. 

 

Und wie ist das mit Stöckelschuhen? Kennst du die Schmerzen?

Die Stöckelschuhe meiner ersten Show sind für mich wie Hauspatschen, ehrlich. Ich könnte natürlich niemals einen 8-Stunden-Job in Stöckelschuhen machen, aber die 2 mal 45 Minuten, die ich auf der Bühne stehen, halte ich aus. Wenn man solche nimmt, die vorne ein bisserl ein Plateau haben, hilft das ungemein. Man ist größer, die Haltung ändert sich, die Stimme wird automatisch höher und es macht schlanker. Also ich liebe Stöckelschuhe.

 

Wieviel Patricia steckt in Patrick? 

Privat bin ich Patrick. Auf Events bin ich jetzt häufiger auch als Patricia unterwegs und ich merke, dass sie frecher ist. Als Paradiesvogel kommt man leichter mit den Menschen ins Gespräch. Man wird fotografiert, man shakert. Es ist witzig, manchmal kommen Leute zu mir, die nicht wissen, wer ich bin und dann sag ich denen: Du, wir kennen uns, haben da und dort schon gemeinsam gespielt oder so. Es gibt auch Leute, die mich auf der Straße erkennen, obwohl ich als Patrick unterwegs bin. Das ist irgendwie arg, aber auch schön.

 

Wie ist dein Publikum? Wer kommt in deine Shows?

Ich meine, mein Zielpublikum sind Frauen ab 30 Jahre. Oft sind es dann aber die Männer, die von ihren Frauen mitgeschleppt werden, die dann nach der Show komplett außer sich sind und sich bedanken für den lässigen Abend. Die kommen oft mit einer ganz anderen Erwartung und sind dann ehrlich verblüfft. Frauen wollen oft Schminktipps oder Outfit-Ratschläge. Hm... Vorerst spiele ich hauptsächlich in Wien und Graz, im ländlichen Raum trauen sich die Veranstalter bisher nicht wirklich drüber. Einmal hat jemand gemeint, er könnte mich als Patricia P. verkaufen, aber Puff, das ginge nicht. Naja, das geht dann halt leider gar nicht. Einmal habe ich in Brunn am Gebirge vor lauter Senioren gespielt. Ich dachte, der Abend wird ein Desaster. Aber gar nicht: Es war so cool und sehr berührend. Die Leute waren begeistert. Ich mach schon mein Herz auf, das merken die Leute.

 

Gibt es Stress innerhalb der Drag-Szene in Wien?

Überhaupt nicht! Die Szene ist überschaubar, aber ich habe das Gefühl, dass jede ihre Schwerpunkte hat und man einander nichts neidet. Tamara Mascara, Lucy McEvil, Miss Candy –  die einen sind eher Schauspieler, andere DJs und dann gibt es natürlich auch die Event-Veranstalterinnen. Und auch Conchita. Sie hat da wirklich einen Weg bereitet, der auch mir den Mut gegeben hat, mein Ding zu machen. Mir macht es einfach irre viel Spaß, ich habe das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben. Ich habe drei Jahre in der freien Szene als Schauspieler gearbeitet, das war auch schön, aber jetzt mache ich das, was mir zu 100 Prozent liegt.

 

Konkret zum „Weihnachtskarussell“ – freust du dich aufs Fest der Liebe?

Um ehrlich zu sein, ich bin in Wirklichkeit ein Weihnachtsmuffel. Ich dekoriere zwar meine Wohnung und so, aber ich bin auch nicht wirklich gläubig. Es kommt auch in meinem Programm vor: Ich stelle mir vor, dass ich kurz vor meiner Geburt einen Vertrag mit Gott abgeschlossen habe. Das ist so ein lässiger Abba-Fan, der einfach überhaupt keinen Stress hat. Er hat mir so viele gute Eigenschaften und Talente gegeben und weil er mir dann doch was geben muss, wo es ein bisserl was zum Kämpfen gibt, bin ich schwul. In Damenkleider und Stöckelschuhen würde es ihn aber nicht stören, und die Männer würden mir dann auch zuhören, gibt er mir mit.

 

Was ist in Zukunft geplant?

Ich spiele aktuell noch mein Solo „Liebeskarussell“. Da geht es natürlich um die Liebe, aber auch um Angst. Wie wäre es, wenn wir einen Tag lang einmal keine Angst hätten? Keine Angst vor falschen Entscheidungen? Keine Angst vorm Fremden? Mir ist es total wichtig, dass Leute nicht in einen Topf geworfen werden. Mir ist dieses Schubladendenken so zuwider. Dagegen aufzutreten ist immer wichtig. Ich kämpfe dagegen und manchmal trifft es mich, dass man mir auch so oft mit Vorurteilen begegnet. Mein nächstes Programm heißt „Ahoi!“. Da wird’s viel um Heimat, Hoffnung und Lieben gehen. Ums Ankommen und Loslassen. Ein breites Feld!

 

 

 

 

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