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Meinung: Willkommen in der Body-Positivity-Hölle namens "Curvy Supermodel"

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Body-Positivity: Unter diesem Schlagwort werden Frauenkörper in allen Formen und Größen gefeiert. Wenn daraus aber eine oberflächliche Casting-Show gemacht wird, wird der Begriff ad absurdum geführt. Aktuellstes Beispiel: die RTLII-Sendung „Curvy Supermodel“.

KulturJelena Gučanin(Wienerin)

Dramatische, düstere Musik. Dutzende „kurvige Kandidatinnen“ laufen in High Heels über die Wiese, damit sie dabei besonders blöd ausschauen, und die Jury schreit Dinge wie „Gebt alles“, „Lauf zu mir!“, „Gebt noch einmal alles!“ Willkommen in der Hölle namens „Curvy Supermodel“. Ein paar stolpern, einige schwitzen, niemand lacht: die Demütigung ist perfekt.

 

„Wer wird die neue Anführerin der großen Körperrevolution?“ Mit diesem Satz startet die RTLII-Sendung „Curvy Supermodel“ in die zweite Runde. Sexy, selbstbewusst und kurvig sollen die Kandidatinnen sein – aber vor allem müssen sie: leiden. Schließlich ist der Sinn einer jeden Castingshow, Menschen vorzuführen. Und das ist bei einer vermeintlichen Body-Positivity-Sendung auch nicht anders.

 

Wer Kurven hat, muss sexy sein

 

Deutschlands "erfolgreichstes Curvy Model" Angelina Kirsch, Moderatorin und Model Jana Ina Zarrella, Choreograph Carlo Castro und Modelagent Peyman Amin suchen ein Model, das sich zwar selbst lieben soll, aber auf keinen Fall sie selbst sein soll. 

 

Die Frauen quälen sich als entstellte Barock-Statuen in der Hitze ab, müssen sich über ihre Körper Worte wie „grenzwertig“ anhören, sollen Zickenkriege inszenieren, sich in zu engen und zu hohen Schuhen abquälen, und dabei besonders sexy, aber auf keinen Fall zu aufdringlich wirken. Wenn sie dann auch noch eine andere Hautfarbe haben, sind ein paar rassistische Sager natürlich auch nicht weit entfernt. "Ich tippe mal ganz schwer, dass sie aus Afrika kommt", sagt Modelagent und Juror Peyman Amin über eine Frau, deren Silhouette er sieht. "Okay, Mama", sagt der andere Juror, den niemand kennt. Die vielen, tiefen Whuuaoow's der Jury sollen zeigen, dass diese Frau wirklich viele Kurven hat, und dass sie versuchen, sie schön zu finden, auch wenn Peyman Amin der Schreck ins Gesicht geschrieben steht. 

 

"Und Peyman, kommst du mit so viel Kurven klar!?", fragt seine Jury-Kollegin. "Ja, ich ... ja", stottert der Mann, der sonst offenbar nur Size Zero kennt. Auf der Website wird das sogar gleich klar gestellt: "Eine Frau mit Konfektionsgröße 42 oder mehr hat er aber noch nicht in seiner Kartei." Also eine richtig große Überwindung für Peyman, mit normalen Frauenkörpern konfrontiert zu sein. Der Arme. 

  

Kurven ja, aber bitte die richtigen!

 

Die Liebe zum eigenen Körper soll in dieser Sendung nicht einfach nur da sein, sie soll verkauft werden. „Einige Frauen zweifeln an sich und ihrem Körper. Doch im Curvy-Model-Business sind die Kurven das Kapital. Nur wer sich selbst liebt, kann auch einen Kunden von sich überzeugen“, steht auf der Website der Sendung. Und da sind selbst Vergleiche mit Essen kein Tabu mehr: „Im Recall verwandeln sich die kurvigen Frauen für ein Gruppen-Fotoshooting in verführerische Pralinen.“ Denn genau das sind die Frauen: pralle Pralinen in der Schokobox des kapitalistischen Modelgeschäfts, das aus jeder Körperform einen Fetisch und daraus dann ein Produkt macht. 

 

 

Und auch im Plus-Size-Model-Business ist der "Wackelpeter" ein Feind. Oder der "Pudding", wie ihn eine Jurorin nennt. Gemeint ist natürlich normales Bauchfett. Aber eine Kandidatin ist in der letzten Staffel wegen ihrem Pudding rausgeflogen, deshalb hat sie daraus einen "straffen Peter" gemacht und macht dieses Jahr gleich nochmal bei der Inspektion mit. Sie nennt sich sogar "Miss Pudding" und möchte Frauen zeigen, dass sie alles erreichen können (= abnehmen), hält eine Brandrede über ihre Kurven und ist topmotiviert. Aber nicht mit Peyman, der als Juror bei der gefühlt 100. Casting-Show offenbar besonders viel Freude daran hat, Frauen zu quälen. Der findet nämlich: "Da fehlt was." 

 

Das neue Körperideal heißt "Sanduhrfigur"

 

Der Mann mit der Glatze und dem eingefallenen Gesicht stellt gleich klar, dass ihre Proportionen "nicht gut verteilt" sind. Denn man braucht gar nicht glauben, dass Kurven alleine der Weg zum Erfolg sind: Nein, es müssen die richtigen Kurven sein. "Ich hab eine genaue Vorstellung von einem Curvy Model. Die Sanduhr-Figur", so Peyman.

 

Wie bitte? Jetzt dürfen Frauen dank Body-Positivity-Bewegung und Kim Kardashian zwar dick(er) sein, aber halt auf die richtige Art dick. Es gibt Kurven, und es gibt bessere Kurven. Und die besten haben noch dazu ein sexy Babyface. Wer erstere hat, darf wohl noch lange auf eine Castingshow warten. Und das ist eigentlich ganz gut so.  

 

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