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Interview: "Frauen wird noch immer weniger zumutet und Männer müssen heldenhaft sein."

von

Mit Minna von Barnhelm bringt Theaterprofi Veronika Glatzner die erste emanzipierte Frauenfigur der deutschen Literatur auf die Bühne der Perchtoldsdorfer Sommerspiele und thematisiert den aktuellen Geschlechterkonflikt.

KulturDenise Grill(Wienerin)

Veronika Glatzner strahlt eine beeindruckende Ruhe aus. Ich treffe sie im Café Weidinger, wo ihr Vater früher Stammgast war. Im Gespräch erzählt sie mir von der Vereinbarkeit von Regie, Theaterkunst und Mutterschaft.

Sie sind Schauspielerin und Regisseurin. Wie sieht für Sie der/die perfekte RegisseurIn aus?
Ich schätze es sehr, wenn die Regie den SchauspielerInnen viele Freiheiten lässt, um eine Rolle zu erarbeiten. Als SchauspielerIn will man nicht gestellt werden.

Würden Sie sich selbst so sehen?
Ich bin erst ganz frisch Regisseurin, aber ich hoffe es natürlich. Mein erstes Projekt ist sehr gut gelaufen – mal sehen wie das jetzt mit einem Klassiker wird. Da hat man weniger Freiheiten, denn es gibt klare Situationen und Charaktere. Ich aber werde trotzdem versuchen den SchauspielerInnen möglichst viel Freiraum zu geben.

Als Regisseurin muss man ja viele Entscheidungen treffen…
Total - im Zeitdruck muss man diese auch relativ rasch treffen. Ich treffe Entscheidungen in der Arbeit definitiv schneller als im Privatleben.

Roland Faistenberger


Haben Sie vor einem Stück genaue Vorstellungen im Kopf oder ergibt sich das im Arbeitsprozess?

Ich versuche mir schon im Vorhinein eine ästhetische Vorstellung zu machen und lasse mich voll und ganz auf meine eigene Phantasie ein. Diese Vorstellung wird dann konkreter, wenn man mit Bühnenbild und Kostüm zusammenarbeitet.

Nach der Generalprobe, gibt man die ganze Verantwortung an die SchauspielerInnen ab, wie gehen Sie damit um?
Für die SchauspielerInnen ist es wahnsinnig angenehm, dass die Regie irgendwann weg ist. Ich finde das merkt man auch als Zuseherin sehr. Die Premiere und die ersten paar Vorstellungen eines Theaterstücks sind wesentlich steifer, als die letzte oder vorletzte Vorstellung. Es ist dann viel lebendiger. Aber aus der Regieposition ist es natürlich schwierig.

Was ist das Besondere an den Sommerspielen in Perchtoldsdorf?
Im Wind und Abendlicht zu stehen und einen Monolog zu halten ist grandios. Abgesehen davon, dass es eine wahnsinnige Kulisse ist, herrscht eine unfassbare Spielfreude dort. Man arbeitet gemeinsam mit einem sehr kollegialen Team und erhält viel Unterstützung. Aber in erster Linie ist es diese Spielfreude, die aus dieser Ruhe kommt, weil jeder Verantwortung übernimmt.

Lessings Minna von Barnhelm ist ein Klassiker. Warum wird es gerade jetzt inszeniert? Gibt es einen Bezug zur Jetzt-Zeit?
Die Protagonistin, Minna von Barnhelm, ist eine unglaublich moderne Figur - eine emanzipierte, unkonventionelle Frau. Das Stück spielt ein halbes Jahr nach dem sieben-jährigen Krieg. Minna reist mit ihrer Zofe durchs Land und übernachtet in heruntergekommenen Absteigen, um den Mann, Major Tellheim, den sie liebt wieder zu finden. Dabei ist sie sehr mutig und risikofreudig. Es ist noch immer so, dass man Frauen etwas weniger zumutet und die Männer immer der Held sein müssen. Der Geschlechterkonflikt, den es im Stück gibt, ist sehr modern und noch immer aktuell. Auch das Kriegstrauma des Major Tellheim ist gerade jetzt durch den Syrienkrieg und die geflüchteten Menschen aktuell.

 Roland Faistenberger


Gibt es auch noch immer einen Geschlechterkonflikt in der Theaterbranche?

Es wandelt sich. Ich habe bereits mit genauso vielen Frauen wie Männern gearbeitet. Ich glaube aber, dass in den obersten Positionen trotzdem die Männer tätig sind. Mit Kindern ist es natürlich ebenso schwieriger Regie zu führen. Es ist nicht ganz vereinbar mit den Arbeitszeiten.

Was soll das Stück im besten Fall beim Publikum bewirken?
Es soll sie auf der einen Seite zum Lachen, aber auch zum Nachdenken bringen. Und es wäre toll, wenn die ZuseherInnen die Anliegen von Minna und Tellheim nachvollziehen können. Es macht auch nichts, wenn sie nur einen Teilaspekt davon mitnehmen.


Lessings Klassiker Minna von Barnhelm ist von 28. Juni bis 29. Juli bei den Perchtoldsdorfer Sommerspielen zu sehen.

Mehr Infos unter: www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at


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